Feed: Latin@rama
Posted on: Tuesday, November 19, 2013 11:58 AM
Author: Christian Russau
Subject: Brasilianischer Megastaudamm Belo Monte: Das Einfallstor

 


In Brüssel fand am 14. November 2013 im Brüsseler Europaparlament die von 
EuropaparlamentarierInnen organisierte Konferenz  
<http://belo-monte.greens-efa.eu/belo-monte-mega-dam-10580.html> „Belo Monte 
Mega-Dam: The Amazon up for grabs?” statt. Dort sprachen vom Staudamm 
Betroffene und VertreterInnen der brasilianischen Bundesstaatsanwaltschaft, die 
seit Jahren mit Klagen und juristischen Eingaben gegen den Staudammbau für auch 
internationale Furore sorgen, ebenso wie auch ExpertInnen und AktivistInnen zu 
Worte kamen. Die von den OrganisatorInnen der Konferenz geladenen europäischen 
Konzerne erteilten einer Teilnahme an der Konferenz – aus verschiedensten 
Gründen – eine Absage. Auch VertreterInnen des brasilianischen 
Staudammkonsortiums sowie der brasilianischen Regierung waren Wochen zuvor 
eingeladen worden, doch lange gab es kaum eine Rückmeldung. Doch dann kam alles 
anders und es ging auf einmal sehr schnell, wie Latin@rama-Autorin Gaby Küppers 
berichtet. Wir veröffentlichen hier vorab ihren Text aus der kommenden  
<http://www.ila-web.de> ila 371 zum Thema Umweltkonflikte.

Sie seien nach ihrer Reise noch besorgter gewesen als vorher, schrieben drei 
grüne Europaabgeordnete in der zweiten Hälfte Juli in einem Brief, den sie der  
brasilianischen Botschafterin Vera Machado in Brüssel überreichten. Zurück von 
ihrem Besuch des Belo-Monte-Staudammbaus am Amazonaszufluss Xingu (s. ila 369 
<http://www.ila-web.de/archiv/2013/369inhalt.htm> ) listeten Catherine Grèze 
und Eva Joly aus Frankreich, sowie Ulrike Lunacek aus Österreich listeten auf, 
was sie inakzeptabel fänden: Der künftig weltweit drittgrößte Stromerzeuger aus 
Wasserkraft verletze die Menschenrechte der betroffenen Bevölkerung, Lebensraum 
und Kultur der Indigenen – und letztlich sie selbst – würden zerstört; eine 
einzigartige Biodiversität verschwände.

Belo Monte erreiche allein technisch nie die angegebenen Jahreskapazitäten, 
wenn nicht weitere Staudämme gebaut würden, reiße vom Steuerzahler zu 
begleichende Schuldenlöcher und stelle somit einen Selbstbedienungsladen mit 
Garantie auf künftige Verträge für die beteiligten Bau- und Betreiberfirmen 
dar. Gravierend sei für die Abgeordneten auch die Verantwortung(slosigkeit) der 
europäischen Zulieferer und Versicherer. Eine Konferenz im November im 
Europaparlament, schlossen die Abgeordneten, solle die unterschiedlichen 
Beteiligten zusammenbringen und Alternativen diskutieren. Nicht unerwähnt 
ließen die Abgeordneten ihr Befremden angesichts mehrerer Personen und einem 
Auto, das bei ihren Besuchen im Staudammgebiet ausgespäht hatte und übergaben 
Fotos der Spione mit der Bitte um Aufklärung.

Die Botschafterin versprach eine Antwort auf Brief und Ausspionierung sowie die 
Anwesenheit von Regierungsvertretern bei der Konferenz.

Dann war Sendepause. Selbst eine Woche vor der Konferenz hatte die Regierung 
keine Antwort auf die Kritikpunkte der Abgeordneten und bedeutete den 
Organisatorinnen, die brasilianische Regierung habe weder Zeit noch größeres 
Interesse an der Konferenz.

Auch die angeschriebenen europäischen Firmen sagten eine nach der anderen ab. 
Iberdrola sei nur indirekt über 4 Prozent Kapital beteiligt 
<http://www.kooperation-brasilien.org/de/themen/politik-wirtschaft/grossprojekte/belo-monte/wem-gehoert-belo-monte>
 , Suez baue lediglich einen Nebenstaudamm, Münchner Re und Allianz seien 
terminlich am Konferenztag ausgebucht, Andritz habe sich nichts vorzuwerfen, 
aber man könne sich demnächst treffen. So schrieb’s auch der Alstom-Vertreter, 
der leider, leider (ach, die Hauspost) die Einladung erst einen Tag vor der 
Konferenz erhalten hätte. Nur Voith Hydro bekundete Interesse, doch auch diese 
Firma wollte nur ein späteres Gespräch mit den Abgeordneten.

Dann war plötzlich alles anders. Zwei Tage vor der Konferenz meldete sich die 
brasilianische Botschaft. Neben der Botschafterin selbst kämen vier 
Topexperten, handverlesen von der Präsidentin Dilma Rousseff, die die 
Konferenzteilnahme zur Chefsache erklärt habe. Selbstverständlich müsse das EP 
als demokratische Institution das Recht gewähren, dass diese Spitzenleute bei 
der Konferenz am nächsten Tag (!) auf jedem Panel säßen und ihre Sicht der 
Dinge erklärten.

Was war geschehen? Eine Woche zuvor hatten alle nennenswerten 
Menschenrechtswebsites und sogar die Staatsanwaltschaft in Belém 
<http://www.prpa.mpf.mp.br/news/2013/mpf-participa-de-debate-sobre-belo-monte-no-parlamento-europeu>
  die Nachricht von der Konferenz verbreitet, einschließlich Webadresse zum 
Live-Mitschauen (hier der Mitschnitt 
<http://www.greenmediabox.eu/archive/2013/11/14/belo-monte-mega-dam/> ). 
Flächenbrand drohte, den die Regierung Dilma Rousseff panisch austreten wollte. 
Zu Hause seit Juni reichlich in die Enge gedrängt von Massendemonstrationen, 
fürchtet sie eine neue Front im Ausland.

2014 werden die Fußballweltmeisterschaften in brasilianischen Superstadien 
ausgetragen. 2014 werden auch die ersten Großturbinen nach Belo Monte 
geliefert. Ein weiteres leuchtendes Beispiel für pharaonische Projekte, wo 
Schulen und Krankenhäuser fehlen, könnte Dilma die Wiederwahl ganz schön 
verhageln.

Die übrigen Konferenzteilnehmerinnen freuten sich überaus über diese 
Kehrtwendung. „Das Energieministerium, das halbstaatliche Energiekonsortium 
Norte Energia und das Energieforschungsinstitut haben erst mit uns geredet, als 
die Lizenz erteilt und nichts mehr zu machen war“, sagte Francisco del Moral 
Fernández, Leiter eines akademischen Expertenpanels, das den Bau kritisiert 
hatte.

Antonia Melo, emblematische Figur des Widerstands und Vorsitzende der 
AktivistInnengruppe „Xingu Vivo“ zeigte Bilder von Konsultationsversammlungen 
mit AnwohnerInnen – mit leeren Stühlen für die Regierungsvertreter. „Mit den 
Betroffenen reden sie nie!“

„Auf der Kommunikationsebene haben wir inzwischen gewonnen“, meinte Felicio 
Pontes, Staatsanwalt in Belo Monte. „Alle BrasilianerInnen wissen heute dank 
Internetkommunikation, dass der Staudammbau illegal ist, unnötig und im 
Hinblick auf die Umwelt katastrophal. Aber dann resignieren sie: die Interessen 
dahinter seien einfach zu mächtig“. Pontes sieht das Projekt als Einfallstor 
für 153 weitere Staudämme in der gesamten Amazonasregion.

Auf der Konferenz wurden alle Argumente nochmals ausgebreitet und diskutiert. 
Aber die Fronten blieben verhärtet. Der Leiter des Energieforschungsinstituts 
des Energieministeriums Maurício Tolmasquim behauptete, er habe noch nie so 
viele Falschinformationen in so kurzer Zeit gehört. Antonia Melo beschimpfte er 
direkt als vom Ausland finanzierte Verbreiterin der Mär, in Altamira seien die 
Leute gegen den Staudamm. Da könne er ganz anders redende EinwohnerInnen 
einfliegen!

João Pimentel, Leiter der Abteilung Umwelt und Soziales von Norte Energia, 
nannte die Rede des chilenischen Soziologen Alfredo Pena-Vega arrogant und 
eurozentrisch. Belo Monte dagegen sei „100 Prozent national“. Am Ende meinte 
die brasilianische Botschafterin, sie sei nicht sicher, ob es richtig war und 
sie froh sein solle, hergekommen und gewisse Beträge angehört zu haben.

Das ist das Problem. Die Regierung hat auch im Monat fünf nach den ersten 
Massendemonstrationen für mehr demokratische Beteiligung und Umverteilung von 
Bahia bis Porto Alegre die Taktik des „Augen zu und durch“ nicht wirklich 
revidiert. Für Belo Monte heißt das momentan, vollendete Tatsachen zu schaffen, 
bevor die Legalität des Projekts endgültig geklärt ist. Für das Wahljahr 2014 
könnte die Vogel-Strauß-Attitüde allerdings auch noch andere Tatsachen 
vollenden.

Gaby Küppers


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