On 21.12.2013 12:00 PM, Willi Übelherr [mailto:[email protected]] wrote:
Liebe Freunde, knapp 3 Wochen bin ich nun in Chiapas/Mexiko unterwegs, um die zapatistischen autonomen Kommunen kennenzulernen. Mit großen Erwartungen kam ich hierher. Nichts, absolut nichts ist wahr von dem, was wir in den öffentlichen Erklärungen lesen über den Aufbau autonomer Kommunen. Sicher, sie sind eine Störquelle im Versuch der mexikanischen Eliten, die Kapitalisierung der natürlichen Ressourcen des Landes durch private Aneignung voranzutreiben. Aber mehr auch nicht. Ihre eigene Basis, die eigene lokale Ökonomie ist genauso lächerlich wie überall in Mexiko. Sie orientieren sich wie selbstverständlich an dem spekulativen Geldsystem, verkaufen in ihren kooperativen Läden den gleichen Industrie- und Plastikmüll, wenden die gleichen miserablen konstruktiven Methoden für Hausbau und Landwirtschaft an. Die Schulen sind der gleiche Horror wie all die anderen in Chiapas. Aber das Schlimmste ist ihre innere Abgrenzung, der Rückzug in den eigenen Sumpf. Nie habe ich eine Person getroffen, die von Visionen und Perspektiven erfüllt ist und sich hiervon leiten lässt. Die zumindest in der Lage wäre, eine konstruktive Diskussion über lokale, auf Unabhängigkeit zielende Ökonomie mit ihren notwendigen, lokalen technischen Infrastrukturen aufzunehmen. Politische Autonomie ruht immer auf ökonomischer Unabhängigkeit. Sie wissen es bestimmt und sind deswegen auch so abweisend und verschlossen, wenn sie mit dieser simplen Einsicht konfrontiert werden. Dann werden bürokratische Abwehrmechanismen generiert, um sich nicht bloßstellen zu müssen. Die jugendlichen Türsteher waren immer hilflos. Sie folgen nur den Führern der zapatistischen Staatskonstruktion. Die allgemeine Unwissenheit ist die Grundlage, auf der diese Politmafia der EZLN agiert. Sie nutzen die Abgeschlossenheit, um ihre Sklaverei organisieren zu können. Dazu dienen ihnen die fanatischen Ja-Sager. Aus der DDR kennen wir es. Aus Venezuela und Nicaragua kenne ich es. Es sind immer die gleichen Mechanismen. Die eigene Urteilsfähigkeit jeder einzelnen Person entsteht mit offener Diskussion und offenen Informationsflüssen. Und genau da setzen die Mechanismen der zapatistischen Führer an. Sie monopolisieren und zentralisieren. Die Spitze dieses Apparates nennt sich dann JBG (Junta de Buen Gobierno). Der Rat der guten Regierung. Aber wozu Regierung? Gut oder schlecht? Rot oder Schwarz? Egal wie sie sich selbst bezeichnen. Ihr Tun ist entscheidend. Und vor allem ihr Nicht-Tun dann, wenn es notwendig und möglich wäre, die autonomen Kommunen wirklich zu stärken. Der Vorwand, dass zurzeit wegen der Durchführung der "Escualita Zapatista", der "kleinen Schule der Zapatisten", alle Kräfte der Zapatisten gebunden sind, ist lächerlich. Und wozu eine "kleine Schule der Zapatisten", wenn eine große und alltägliche Schule für lokale Ökonomie und technische Infrastrukturen notwendig ist? Permanent und in jeder Kommune. Ich war im CIDECI (Centro Indígena de Capacitación Integral), Indigenes Zentrum zur integralen Ausbildung, in San Cristobal de las Casas und habe nach einem Rundgang mit Sen. Raymundo, auch Doc Raymundo genannt, gesprochen. Ein egoistisch-christlicher Volltrottel. Eine riesige Kirche für 300 Personen haben sie dort. Aber kein Computerzentrum, keine technischen Laboratorien und Werkstätten, die diesen Namen verdienen. Kein einziger Ort, wo Menschen sich selbstständig dem Studium und Experiment widmen können. Alles dem Kontrollwahn einzelner Leute unterworfen. Durchwuchert von reaktionären Herrschaftsstrukturen. Raymundo hat mich natürlich nicht verstanden. Nach dem Thema seiner Promotion habe ich vorsorglich nicht gefragt. Das kann ja nur peinlich werden. Er redete von der Notwendigkeit zapatistischer Revolution ohne zu verstehen, was eigentlich Revolution ist. Umsäuselt wird alles von esoterischer Musik, um die argumentative Leere nicht allzu deutlich werden zu lassen. Ich habe nichts gegen diese Art von Musik. Aber in bestimmten Situationen stört sie. Zum Beispiel dann, wenn Menschen sich der Diskussion und Debatte um wichtige Fragen widmen wollen und die Musik alles überdröhnt. Ich sprach ihn auch auf die Tierhaltung an, die dort praktiziert wird. Schweine abgesperrt in Betonkästen, die Mutter getrennt von ihren Kindern, Hasen in Gitterkäfigen. Das können Menschen nur machen, wenn sie alles Lebende als Geldobjekte behandeln und ihnen jegliches Eigenrecht absprechen. Nichts kam zurück. Alles prallte ab. Seine Geldgier steht ihm hier im Wege. Cideci sieht aus, als hätten irgendwelche christlichen Organisationen, z.B. die Salesianer oder Dominikaner, Geld gegeben, dass irgendwelche privaten Firmen etwas hinstellen und dann niemand da ist, der dies auch nutzen kann. Das Außen ist ansprechend; das Innen katastrophal. "Außen Hui und innen Pfui" sagen die Bayern und nicht nur sie. Wir kennen diese Theaterspektakel. Cideci wird von den Zapatisten als Schulungszentrum genutzt. Für Geld natürlich. Bei den Christen gibt es nichts umsonst. Nur ihre MitarbeiterInnen werden zu voluntären Sklaven degradiert. Wie in den Klöstern und anderen Einrichtungen. Maria Theresa in Indien hat es genauso praktiziert. Die Menschen müssen leiden und büßen, damit die hohen Herrschaften ein schönes Leben haben. Es wäre einfach, in jeder "autonomen" Comunidad (Gemeinde) viel bessere technische Einrichtungen entstehen zu lassen, um dann lokal das selbstbestimmte Studium zu ermöglichen. Das setzt aber den Willen dazu voraus. Und etwas Nachdenken. Die Möglichkeiten sind da, das Potenzial gewaltig. Wenn aber alles mit billiger Politpropaganda zugemüllt wird, wie wir es auch in Venezuela und Nicaragua sehen, dann deutet dies deutlich auf eine andere Interessenlage. Dann wird das Ego der Führer zum allgemeinen Leitmotiv. Dann ist alles ihrer Selbstinszenierung unterworfen. Die Menschen sind wichtig und nicht die Institutionen. Wir brauchen keinen Staat. Ob zapatistisch oder sozialistisch oder bolivarianisch. Wir brauchen die Regionen autonomer Kommunen, die in freien Netzwerken kooperieren. Wir brauchen keine Führer, sondern selbst urteilsfähige Menschen, frei und unabhängig. Deswegen auch nicht leichtgläubig, sondern hochgradig kritisch und reflektiert. Die Mayas sind dazu genauso in der Lage wie die Latinos oder Kreolen. Es sind immer die Umgebungsbedingungen, die den Entwicklungsraum für die einzelnen Menschen definieren. "Das Sein bestimmt das Bewusstsein". In Oventic am Eingangstor traf ich Laura Castillo. Oventic ist eine der 5 Caracoles, den Schnecken, den zapatistischen Zentren. Laura schreibt viel über die verschiedenen Bewegungen zur lokalen Autonomie. Auf der Basis eines Interviews mit Subcomandante Marco hat sie ein Buch geschrieben, das auch auf Deutsch im Homilius-Verlag erschien. Auch sie wurde abgewiesen. Auch ihr wurde untersagt, mit den Menschen zu sprechen. Sie will zum 20-jährigen Bestehen der zapatistischen Bewegung schreiben, berichten, informieren. Den reaktionären Führern der EZLN ist nicht klar, dass die "autonomen" Comunidades der Zapatisten nur durch die Solidarität der Freunde in Mexiko und weltweit existieren können. Für das mexikanische Militär wäre es leicht, dem Spuk ein Ende zu machen. Aber wie wir es auch mit Cuba sehen, scheint es nützlich zu sein, diese Illusionen aufrechtzuerhalten und ihre Existenz zu ermöglichen. Es sind eher Abschreckungsbeispiele einer neuen Welt als visionäre Alternativen, wo die Grundlagen für lokale Ökonomie erarbeitet werden. Das wird sich in dem Moment ändern, wenn die lokalen Bewegungen Ernst damit machen, ökonomisch unabhängig zu werden, und sich aus dem internationalen Geldsystem verabschieden. Dann wird unser Ziel, das Privateigentum an gemeinschaftlichen Gütern aufzulösen, in der Wirklichkeit relevant. Dann sehen die Menschen, dass eine Gemeinschaft immer mehr ist als die Summe der Einzelnen. Dass ein neues Wesen entsteht, dessen Schaffenskraft die Kraft der Einzelnen und deren Summe weit übersteigt. In meinem Tun wende ich mich primär an die jungen Menschen. Es ist ihre Zukunft, um die es geht. Wir Alten liegen eh bald in der Kiste. Deswegen müssen die jungen Menschen ihre Gestaltungskraft anwenden und bestimmend werden. Wir helfen ihnen, wir unterstützen sie, wir fordern sie. So wie wir auch uns fordern. Diese Rassismen, die die Indigenas zu Menschen zweiter Klasse machen wollen, gelten für uns nicht. Wir wissen, dass in allen Menschen gewaltige Potenziale schlummern. Auf die Umgebungsbedingungen kommt es an, die wir gestalten können. Aber wir sind auch nicht tolerant, wenn die Mayas den europäischen Staatsmüll reorganisieren. Genauso wenig wie zu uns selbst. Das Verhältnis vieler Mayas zu den anderen Tierarten ist katastrophal. Sie haben die gleichen monetären Objektbeziehungen zu ihnen wie andere Kulturgruppen hier und auf dem ganzen Planeten. Ihre Missachtung der Lebensrechte anderer Arten ruht auf ausgeprägtem Egoismus. Noch fehlt das kommunale Bewusstsein, weil die Kommune selbst noch nicht existiert und damit auch keine Erfahrungsfelder hierfür. Kommunen entstehen erst dann, wenn die lokalen Lebensgemeinschaften auf ihren lokalen Ökonomien ruhen, unabhängig werden oder werden können. Erst mit diesem Akt erleben wir die Kraft der Gemeinschaften. Ihre Fähigkeiten, die lokale Stabilität der materiellen Lebensgrundlagen zu tragen, werden erfahrbar. Die Ideologismen des Christentums und des römischen Staatsrechts zielen auf die Auflösung kommunaler Selbstorganisation und Autonomie. Die Interessen der Eliten werden zur Geltung gebracht. Wir brauchen keine Eliten und keine Führer. Weder im Praktischen wie im Theoretischen. Wir brauchen selbst urteilsfähige Menschen. Wir brauchen die "Überwindung der selbstverschuldeten Unmündigkeit". Wir organisieren die Aufklärung. Die französische Aufklärung war nur ein Vorspiel. Mit unserem eigenen Internet, unseren autonomen und vernetzten lokalen Netzwerken schaffen wir uns die Instrumente dazu. Die Zapatisten sind und bleiben unsere Freunde. Subcomandante Marcos war immer unser großer Freund. Er trägt auch unsere Visionen und Perspektiven einer neuen Welt. Aber wie unser großer Freund Hugo Chavez scheitert auch er im eigenen Stall. Der Apparat und die Egoismen seiner Akteure bemächtigen sich seiner und machen ihn zum Aushängeschild. Wie immer, so sehen wir auch hier, dass wir niemals vertikale hierarchische Strukturen akzeptieren dürfen. Die Demokratie müssen wir organisieren: Jede Person eine Stimme in allen Angelegenheiten, die sie betreffen. Mit lieben Grüßen, Willi Übelherr, Palenque, Chiapas, Mexico PS: Ich brauche dringend die spanische Übersetzung dieses Textes und bitte deshalb um Unterstützung und Hilfe. On Tuesday, December 31, 2013 3:15 AM, Greenhouse Infopool [mailto:[email protected]] wrote: TERZ - Düsseldorfs Stattzeitung für Politik und Kultur http://www.terz.org/texte/texte_1401/zapatista.html TERZ 01.14 Eine andere Welt ist möglich! Vor 20 Jahren, am 1. Januar 1994, überraschte der Aufstand der Zapatistas in Mexikos südlichstem Bundesstaat Chiapas Mexiko und die Welt. Die Mächtigen rieben sich verwundert die Augen: Unerhört! Eine linke Guerilla, getragen von den scheinbar Machtlosesten, den indigenen Selbstversorgungsbäuer*innen aus einem verarmten, scheinbar rückständigen Winkel dieser Welt, versaut die Feierlaune, mit der das kapitalistische System nach dem Ende der Geschichte sich selbst als einzigen Überlebenden feiern wollte. Auch viele linke Bewegungen, die sich nach dem Zusammenbruch des real exisiterenden Sozialismus eher orientierungslos und in der Defensive fühlten, waren verblüfft - allerdings meist auch begeistert. Viele von ihnen gab der Aufstand neuen Mut und neue Ideen. Bis heute erstaunt dieser damals völlig utopisch scheinende Aufstand. Denn er brach nicht nach kurzer Zeit zusammen, die Zapatistas führen ihre Revolution vielmehr bis heute fort. Seit 20 Jahren leben sie nun in ihren über 1.000 Gemeinden eine auf Gleichberechtigung, Basisdemokratie und Solidarität basierende gesellschaftliche Alternative, die ihre Lebenssituation deutlich verbessert hat. Nicht ohne Stolz laden sie nun mehrere tausend Aktivist*innen linker Basisbewegungen aus der ganzen Welt ein, eine Woche lang mit ihnen in ihren Gemeinden zu leben und aus ihrer Praxis zu lernen. Wer es nicht nach Chiapas schafft, der kann sich mit uns in der ¡Alerta!-Veranstaltungsreihe eingehender mit den Zapatistas auseinandersetzen und den 20. Jahrestag ihres Aufstandes feiern. Jahrzehntelanger Lern- und Organisierungsprozess Dem Aufstand von 1994 ging ein jahrzehntelanger Lern- und Organisierungsprozess voraus. Chiapas ist reich an natürlichen Ressourcen, während der Großteil der Menschen unter schlechten Lebensbedingungen lebt, weil sich einige wenige den Reichtum des Landes aneignen: Großgrundbesitzer, die indigenen und nicht-indigenen Kleinbäuer*innen seit der Kolonisation die fruchtbarsten Böden geraubt haben und anschließend die Menschen unter sklavenähnlichen Zuständen auf ihren Fincas arbeiten ließen, und seit einigen Jahrzehnten auch mexikanische und transnationale Konzerne, die die Wasservorkommen, die Biodiversität und andere natürliche Ressourcen ausbeuten und dafür Menschen und Umwelt schaden, ohne etwas von dem Reichtum abzugeben, den sie damit anhäufen. Doch immer wieder hatten die politischen und wirtschaftlichen Eliten die friedlichen Versuche der Menschen, ihre Lage zu verändern, ignoriert oder niedergeschlagen. Aus dieser Erfahrung heraus bildete sich seit 1983 allmählich und im Verborgenen aus vielen kleinen Dörfern im unzugänglichen Hochland und im tropischen Tiefland von Chiapas das Ejército Zapatista de Liberación Nacional (EZLN, Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung) - eine Guerilla-Armee vor allem aus indigenen Kleinbäuer*innen und benannt nach dem legendären sozialrevolutionären Anführer der mexikanischen Revolution von 1910, Emiliano Zapata. Gleichzeitig organisierten sich die Dörfer auf Grundlage ihrer basisdemokratischen indigenen Traditionen sowie geleitet von sozialistischen, anarchistischen und befreiungstheologischen Ideen. Das bedeutete auch Emanzipationsprozesse innerhalb der Bewegung: 1993 setzten die zapatistischen Frauen - die auch 40 Prozent der Guerilla-Mitglieder stellten - das Revolutionäre Frauengesetz durch, das ihnen die gleichen Rechte wie den Männern zusicherte und ihre Forderungen nach Respekt und Selbstbestimmung verankerte. Gleichzeitig trafen die Unterstützungsgemeinden der EZLN im Laufe des Jahres 1993 in basisdemokratischer Abstimmung die Entscheidung zum Aufstand. Der Aufstand der Würde Die neoliberalen Reformen des letzten Jahrzehnts hatten ihre ohnehin schon prekäre Existenz als Selbstversorgungsbäuer*innen oder landlose Tagelöhner*innen immer schwieriger gemacht. Mit ihrem Aufstand erhoben sie sich gegen diese Politik ebenso wie gegen ihre jahrhundertealte Diskriminierung, Unterdrückung und Ausbeutung als Indigenas. Sie wollten nicht mehr ohne Gegenwehr an Hunger oder heilbaren Krankheiten sterben, sie wollten nicht mehr, dass ihre indigene Lebensweise und ihre Weltsicht abgewertet und bekämpft werden. Für ihren Aufstand wählten sie den 1.1.1994 - den Tag an dem die Regierungschefs Mexikos, Kanadas und der USA feierlich das neoliberale Freihandelsabkommen NAFTA in Kraft setzen wollten. Im Morgengrauen dieses Tages besetzten tausende meist schlecht bewaffnete Zapatistas unter der Losung ¡Ya Basta! (Es reicht!) fünf Bezirkshauptstädte und viele Ländereien von Großgrundbesitzer*innen in Chiapas. Sie forderten, was ihnen bisher verwehrt war: Ein Leben in Würde mit guter Arbeit, ausreichend Land, Nahrung und Wohnraum, mit Gesundheit, Bildung und in Unabhängigkeit, Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit und Frieden - auch verlangten sie eine Aussetzung von NAFTA. Auch wenn sie damit keine landesweite Revolution lostreten konnten, versauten sie den Mächtigen aus Wirtschaft und Politik doch gehörig die Party. Die mexikanische Regierung schickte das Militär nach Chiapas, das hunderte Menschen, vor allem Zivilist*innen, tötete. Die Zapatistas zogen sich aus den Städten wieder in ihre Gemeinden und auf die neu besetzten Ländereien zurück. Nach zwölf Tagen Kampfhandlungen erklärten beide Seiten einen Waffenstillstand und den Beginn von Verhandlungen. Dazu sah sich die mexikanische Regierung gezwungen, weil hunderttausende Menschen in Mexiko und weltweit spontan für ein Ende des Krieges gegen die Zapatistas demonstrierten und ihre Solidarität mit den Forderungen der Bewegung bekundeten. Die Zapatistas verstanden die solidarische Botschaft der Zivilgesellschaft nach Gewaltverzicht und erklärten, fortan ohne Waffen weiterkämpfen zu wollen. Orientierungspunkt und Motivationsschub für viele Bewegungen Seither ist viel passiert. Zunächst einigten sich Regierung, die Zapatistas und viele andere Basis-Organisationen, die die Zapatistas auf ihrer Seite mit an den Verhandlungstisch geholt hatten, auf umfassende Selbstverwaltungsrechte für indigene Bevölkerungsgruppen, die in Mexiko circa 15 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Als die Regierung anschließend aber mit ihrer militärischen Aggression gegen die zapatistischen Gemeinden fortfuhr, außerdem das Abkommen nicht umsetzte und die weiteren Verhandlungen um mehr Demokratie, ein anderes Wirtschaftssystem und die Rechte von Frauen in Mexiko verschleppte, kündigten die Zapatistas ihre Gesprächsbereitschaft auf. Seither setzen sie das Abkommen einseitig um und bauen ihre Selbstverwaltungsstrukturen ohne staatliches Einverständnis aus. Direkt nach ihrem Aufstand begannen die Zapatistas damit, sich mit sozialen Bewegungen in Mexiko und weltweit zu vernetzen und mit kreativen politischen Aktionen Veränderungen für sich und für ganz Mexiko anzustoßen. Mehrmals organisierten die Zapatistas große Märsche und Vernetzungs-Touren durch das Land und in die Hauptstadt Mexiko-Stadt. Dort jubelten Hundertausende den Zapatistas auf Mexikos zentralem Platz zu, die mittlerweile sogar ein Rederecht im mexikanischen Parlament durchsetzen konnten. Auch brachten sie die oft zerstrittenen und sektiererischen linken Basisbewegungen des Landes in einen Austausch - stießen jedoch mit ihrem Bemühen, dauerhafte Vernetzung und gemeinsame Aktionen anzustoßen, immer wieder an Grenzen. Besser gelang dies mit den indigenen Organisationen. Gemeinsam forderten sie unter dem Motto Nie wieder ein Mexiko ohne uns! ein Ende des Rassismus, die Anerkennung ihrer Rechte und ihrer Lebensweise sowie die Möglichkeit für ein Leben in Würde für alle. Damit erreichten sie beeindruckende Fortschritte auf dem Weg zu ihrer gesellschaftlichen und politischen Emanzipation. Auch international mischten die Zapatistas die politische Sphäre kräftig auf: Die von den Zapatistas ausgerufenen Intergalaktischen Treffen gegen den Neoliberalismus und für die Menschlichkeit, auf denen sich Mitte der 90er tausende Aktivist*innen von Basisbewegungen weltweit austauschten und vernetzten, wurde zu einem wichtigen Anstoß für eine neuartige basisorientierte globale Vernetzung. Ganz konkret formierte sich hieraus die weltweite Bewegung gegen die neoliberale Globalisierung. Das zapatistische Motto Eine andere Welt ist möglich! wurde zum Leitspruch dieser Bewegung. Die Zapatistas wurden für viele Bewegungen in Mexiko und weltweit zum Orientierungspunkt und Motivationsschub. Der weltweite Widerhall, den die Zapatistas hervorriefen, und die Vernetzungen machten den vielen, kleinen verstreuten Kämpfen deutlich: Wir sind nicht allein. Diese Unterstützung der Zapatistas gaben die Bewegungen den Zapatistas in vielfältiger Form zurück - und so entstand auch eine neuartige Form internationaler Solidarität, die einem oft verstaubten und marginalisierten Internationalismus neues Leben einhauchte. Zapatistisches Politikverständnis Gleichzeitig inspirierte das innovative zapatistische Politikverständnis linke Basisbewegungen, die seit Ende der 80er begonnen hatten, viele ihrer bisherigen Wahrheiten und Herangehensweisen zu hinterfragen. Ihre Ansichten vermittelten die Zapatistas der Welt in poetischen und oft ironischen Comunicados. Verfasst wurden diese von ihrem nicht-indigenen Sprecher Subcomandante Marcos, der damit zu einer politischen Pop-Ikone wurde. Auch wenn viele in ihm einen neuen Anführer sehen wollten und in den Zapatistas eine neue politische Avantgarde, verweigerten sich die Zapatistas und Marcos dieser Projektion. Sie plädieren für eine Welt, in der viele Welten Platz haben, in der politische Kämpfe und Lebensweisen gleichberechtigt nebeneinander existieren und sich gegenseitig befruchten. Immer wieder wiederholten sie ihre Aufforderung, dass alle an ihren Orten und in ihrer Weise für ihre Rechte kämpfen sollen. Zu ihrem Ansatz einer pluralistischen, gleichberechtigten Bewegung gegen Kapitalismus, Sexismus und Rassismus passt auch, dass sie hierarchische, vereinheitlichende und machtorientierte Organisationen wie Parteien ablehnen. Denn wir wollen die Macht nicht erobern, sondern sie zerstören. Es ist nicht nötig, die Welt zu erobern. Es reicht, sie neu zu schaffen. Durch uns. Heute. Ebenso betonen sie, dass sie nicht schon alles wissen, was hierzu nötig ist, dass sie nicht eine fertige und abschließende Theorie umsetzen, sondern, dass sie fragend vorwärts gehen, dass sie aus ihrer Praxis und ihren Fehlern lernen wollen - und dass es wichtiger ist anzufangen, als bereits alle Antworten zu haben. Undogmatisch und praxisorientiert Mit diesem undogmatischen und praxisorientierten Ansatz haben die Zapatistas in den letzten 20 Jahren wohl auch ihre zentralsten Erfolge errungen: Sie nutzten ihre hervorragende Organisierung und den Freiraum, den sie sich durch ihre bewaffnete Erhebung erkämpft hatten, zur gemeinschaftlichen Verbesserungen ihrer Lebensbedingungen und zum Aufbau einer anderen, solidarischen und basisdemokratischen Gesellschaft. Zentrale Grundlage dafür ist das Land, das sie unter dem Motto Das Land gehört denen, die es bearbeiten bei ihrem Aufstand von den Großgrundbesitzern zurückeroberten und an tausende arme Bäuer*innen und Landlose verteilten. Diesen wurde damit die Möglichkeit gegeben, die Ernährung und damit das Überleben ihrer Familien selbstständig und in Würde zu sichern. Weitere Grundlage ist die politische Selbstverwaltungsstruktur auf Gemeinde-, Landkreis- und Regionen-Ebene. An den Eingängen vieler zapatistischer Gemeinden steht ein Schild mit der Aufschrift Sie befinden sich in aufständischem zapatistischen Gebiet. Hier gibt die Bevölkerung die Anweisungen, und die Regierung fügt sich. Die Zapatistas organisieren sich auf allen Ebenen basisdemokratisch: Jede Gemeinde entscheidet in Vollversammlungen über die Belange der Gemeinde. Die gewählten, unbezahlten Delegierten für die höheren Ebenen und die anderen Amtsträger*innen können jederzeit abberufen werden, sollten sie die Beschlüsse der Basis nicht umsetzen oder deren Erwartungen nicht gerecht werden. Außerdem rotieren diese regelmäßig. So lernen möglichst viele, wie es geht, und es entsteht keine korrupte Polit-Elite. Neben den politischen Strukturen haben die Zapatistas auch in vielen anderen Bereichen autonome Strukturen aufgebaut, etwa ihr eigenes Schulsystem. Während früher ein Großteil der Kinder überhaupt nicht oder nur sehr kurz in die Schule gehen konnte und dort vor allem lernte, dass sie als Indigene und Kleinbäuer*innen, minderwertig und dumm sind, hat mittlerweile jede zapatistische Gemeinde eine eigene Schule, in der in Spanisch und der lokalen indigenen Sprache unterrichtet wird und in der die Gemeinde die Unterrichtsinhalte mitbestimmt. Außerdem existiert es ein eigenes Gesundheitssystem. Es gibt in jedem Dorf Gesundheitsstationen und in einigen Orten autonome Kliniken. Die Behandlung ist kostenlos und steht auch Nicht-Zapatistas offen. Während früher jedes Jahr tausende Menschen und insbesondere kleine Kinder an heilbaren Krankheiten starben, ist die Lebenserwartung in den Gebieten mittlerweile stark gestiegen, während die Säuglingssterblichkeit erheblich abgenommen hat. Auch in der Strom- und Wasserversorgung helfen sich die Zapatistas gegen die leeren Versprechungen der Regierung selbst. Autonome Elektriker*innen zapfen die Stromleitungen der überteuerten Stromversorger an. Immer mehr Gemeinden werden mit einer eigenen Wasserversorgung ausgestattet. Daneben haben die Zapatistas auch ihr eigenes Rechtssystem und autonome Radiostationen aufgebaut. Um auch ökonomisch unabhängig zu sein, sind in vielen Gemeinden Kooperativen entstanden. Krieg niederer Intensität Natürlich lassen die mexikanische und chiapanekische Regierung sowie die wirtschaftlichen Eliten diese Fortschritte nicht ungehindert zu. Nach dem kurzen offenen Krieg Anfang 1994 wurden immer mehr Soldaten nach Chiapas gesandt, die die Region militarisierten, die Menschen schikanierten und die widerständigen Gemeinden terrorisierten. Dazu trug auch die Gründung von paramilitärischen Verbänden bei: Andere arme Indigene und Kleinbäuer*innen werden mit Geld und Waffen ausgerüstet und gegen die Zapatistas aufgehetzt. Diese Strategie des sogenannten Krieges niederer Intensität zielt darauf ab, ein Klima der Angst zu schaffen. Die Menschen sollen ihren Widerstand aufgeben oder sich ihm gar nicht erst anschließen. Daneben werden in den Massenmedien Lügen über die Zapatistas gestreut und es wird versucht, Menschen mit Geld und Entwicklungsprojekten aus dem Widerstand herauszukaufen. Die Kleine Zapatistische Schule Auch wenn diese Strategie sicher verhindert hat, dass sich die zapatistische Bewegung stark ausbreitet: Nach 20 Jahren ziehen die Zapatistas in ihren Comunicados von Anfang 2013 eine sehr positive Bilanz. In den Jahren seit ihrem Aufstand hätten sie ihre Lebensbedingungen entscheidend verbessert - diese seien besser als die der Regierungsanhänger*innen, die nur Almosen erhielten. Sie aber lebten in Einklang mit der Natur und in einer solidarischen Gemeinschaft, auf ihrem eigenen Land mit guten Schulen und einem guten Gesundheitssystem, selbstverwaltet, nach ihren eigenen Vorstellungen und ihrer eigenen Kultur und offen für die Welt. All dies wurde nicht nur ohne die Regierung, die politische Klasse und die sie begleitenden Medien erreicht, sondern auch während wir gegen ihre Angriffe aller Art Widerstand leisteten, schreiben sie. Kurz zuvor, am 21. Dezember 2012, als die Massenmedien den angeblichen vom Maya-Kalender angekündigten Weltuntergang ausschlachteten, überraschten die Zapatistas die Weltöffentlichkeit mit einem eindrucksvollen Stärkebeweis: Fast 50.000 vor allem junge Zapatistas besetzten in völliger Stille und unbewaffnet die zentralen Plätze der fünf Provinzhauptstädte, die sie bereits 1994 eingenommen hatten. Einige Monate später präsentierten sie ihr Vorhaben der Kleinen Zapatistischen Schule - eine logistische Meisterleistung: Sie luden Aktivist*innen aus Mexiko und der ganzen Welt ein, im August eine Woche lang in ihren Gemeinden ihre politische Praxis und ihre Lebensweise kennenzulernen. Wer nicht nach Chiapas kommen konnte, hatte die Möglichkeit per Live-Übertragung teilzunehmen. 1.500 Menschen konnten vor Ort dabei sein, etwa ebenso viele verfolgten die Live-Videos per Internet. Ende Dezember und Anfang Januar gibt es nun zwei weitere Runden. Mittlerweile haben die Zapatistas vermeldet, dass auch diese beide Durchläufe mit jeweils 2.250 Personen voll sind. Am 1. Januar gab es dann in den zapatistischen Verwaltungssitzen große Feiern, auf denen die Bewegung zusammen mit vielen tausend Menschen aus der ganzen Welt den 20. Jahrestag ihres Aufstands feierte. Auch das Linke Zentrum gratuliert an Silvester. Dort finden dann auch noch viele Veranstaltungen zu dem runden Geburtstag statt. Seid dabei! ¡Alerta! - Lateinamerika-Gruppe Düsseldorf Veranstaltungsreihe: ¡Zapatistas! - 20 Jahre Aufstand, 20 Jahre erfolgreiche Revolution Alle Veranstaltungen: Linkes Zentrum, Corneliusstr. 108, Düsseldorf Außer am 10.01.: Multi Kulti, Hochstr. 53c, Wuppertal 10.01. - Toda Música es política / Jede Musik ist Politik - Zapatismus und Musik (Vortrag) Die Zapatistas mischten mit ihrer innovativen (Medien-)Politik und ihren Ideen politischer und kultureller Szenen gleichermaßen auf, und zwar weltweit. Den Einfluss auf Musik und Musiker*innen zeigt die Medienwissenschaftlerin Gabriela Gorjon aus Guadalajara (Mexiko) in ihrem Vortrag auf. (ab 20 Uhr) 12.01. - ¡Otro Mundo es posible! / Eine andere Welt ist möglich! (Workshop) Mit Filmausschnitten, Geschichten, Texten, Inputs und Diskussionen wollen wir uns genauer mit den Zapatistas und ihrer/n Geschichte(n) der letzten 20 Jahre auseinandersetzen. Anhand ihrer eigenen Veröffentlichungen versuchen wir, ihr Denken und ihre Praxis besser kennenlernen. Dabei diskutieren wir auch, was wir daraus für unsere eigenen Kämpfe lernen können. (13-19 Uhr) 06.02. - Alberto Patishtán: Leben oder Sterben für Wahrheit und Gerechtigkeit / Vivir o morir por la verdad y la justicia (Doku) Der Film erzählt die Geschichte von Alberto Patishtán, dem bekanntesten politischen Gefangenen Mexikos, aus der Sicht von Alberto und seiner Gemeinde in Chiapas, für deren Rechte er seit langem kämpft. Gemeinsam und durch die Solidarität aus Mexiko und weltweit erreichten die Zapatistas nach 13 Jahren Haft schließlich im Oktober 2013 seine Freilassung. (ab 19.30 Uhr Kneipe und Vokü, ab 20.15 Uhr Einführung und Film) 20.03. - ¡Viva Zapata! (Spielfilm) Dieser Klassiker zeigt das Leben des Revolutionärs Emiliano Zapata, der mit seiner Armee aus Kleinbauern einer der Helden der Mexikanischen Revolution (1910-20) war und dessen Kampf für Land und Freiheit bis heute fortlebt - etwa bei den Zapatistas in Chiapas/Mexiko - mit Marlon Brando als Zapata. (ab 19.30 Uhr Kneipe und Vokü, ab 20.15 Uhr Einführung und Film) Weitere Infos: http://alertaduesseldorf.blogsport.de http://facebook.com/alertaduesseldorf ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° Ende der weitergeleiteten Nachricht ° Alle Rechte bei den AutorInnen Unverlangte und doppelte Zusendungen bitten wir zu entschuldigen Abbestellen: mailto:[email protected]?subject=unsubscribe ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° Greenhouse Infopool baut um! 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