die tageszeitung
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* 20. 02. 2014

Wohnprojekte in der Schweiz

500 sind eine Nachbarschaft

Wie sich Gemeinwirtschaft in Städten neu beleben lässt: Ein konkreter Ansatz 
aus der Schweiz, der auch den Umweltverbrauch drastisch senkt

REINER METZGER

Für Hans Widmer ist die 500 eine wichtige Zahl. Der Schweizer Schriftsteller 
und Philologe, besser bekannt unter dem Pseudonym P.M., ist ein Vordenker eines 
„Lebens nach der Wirtschaft“.

In den frühen 80ern entwickelte er, durchaus mit anarchistischem Interesse, die 
Idee des Bolos, was damals noch viele für balabala hielten. Es ging schon 
damals darum, sich vom blanken Kapitalismus in eine demokratischere, 
krisenfestere und umweltfreundlichere Lebensweise abzusetzen.

Widmer entwickelte dafür die Idee von autonomen Gemeinschaften, genannt 
„Bolos“, die in urbanen Gegenden liegen und über Bauernhöfe im Vorland versorgt 
werden. Und knapp 500 Menschen, wies der Utopist nach, sind die kritische 
Masse, damit dieser sozialer Mikrokosmos noch überschaubar genug ist, um sich 
selbst zu organisieren. Und doch so groß, dass sich ein Wirtschaftsgebilde 
entwickeln kann, in der alle ihr Auskommen haben.

Nach 30 Jahren geht Widmers Konzept nun in die Umsetzung [1]. Entsprechend 
nüchterner ist die Sprache geworden: Nachbarschaft heißt beim Verein Neustart 
Schweiz, was Widmer mit Bolo meinte. Der Verein mit einem Schwerpunkt in Zürich 
verwirklicht seit 2010 Widmers Ideen in ersten Bauprojekten.

Der Verein Neustart setzt es um

Man kann sich das so vorstellen: Die neuartigen Nachbarschaftler wohnen in 
dicht bebauter Wohn- und Gewerbemischbebauung, fünf- oder sechsstöckig, damit 
außenrum noch Platz für Grün bleibt und zwischendrin Plätze - also eng genug, 
dass man sich trifft. Solch eine Nachbarschaft kommt mit 100 mal 100 Meter 
Grund aus, einem Hektar also. Würde man die entsprechenden 200 
Einfamilienhäuser bauen, wären dafür ohne Erschließungsstraßen schnell das 
Zehnfache nötig.

Vieles wird gemeinsam genutzt, Sharing ist ein Grundprinzip: Wenn 
Waschmaschinen, Partyräume, Fernsehzimmer für alle bereit stehen, spart das 
neben Quadratmetern auch Kosten.

In den Erdgeschossen liegen die Räume für Werkstätten, Büros oder 
Gastwirtschaften. Das schafft kurze Wege zur Arbeit und wegen der Nähe zum 
Kunden auch die Produkte, die die Bewohner brauchen. Keine Wegwerfartikel, 
sondern langlebige Geräte, die man beim Erzeuger reparieren lassen kann. Die 
Initiatoren von Neustart haben dabei vor allem moderne Dienstleister und 
Fertigungsstätten im Auge. Es ist eine Art lokale Reindustrialisierung, die 
ihnen vorschwebt und die den Kunden im Gegensatz zu einer globalen 
Produktionskette Mitsprache ermöglicht.

Die Reindustrialisierung ermöglicht Mitsprache

„Nur wenn die Verbraucher an der Erzeugung beteiligt sind, verstehen sie den 
Wert und können auch bestimmen, was produziert wird“, sagt Tex 
Tschurtschenthaler von Neustart Schweiz. Er hat bereits eine Gartenkooperative 
namens Ortoloco [2] mitgegründet. Unter der Anleitung von fest angestellten 
Gärtnern bauen etwa 200 Städter dort auf gepachtetem Land ihr Gemüse an. Jeder 
muss im Jahr mindestens zehn halbe Tage im Garten mitarbeiten, wenn er 
wöchentlich Gemüse geliefert bekommen will. Das ist Landwirtschaft ohne 
Konkurrenz mit dem internationalem Agrarhandel und ohne Wachstumszwang. 
Tschurtschenthaler: „Wir wollen dem Markt ausweichen, auch dem grünen.“

Da kommt wieder die Größe ins Spiel: Nur wenn genügend Abnehmer da sind, läuft 
das effektiv. Und nur wenn es nicht zu groß wird, bleibt die Bürokratie 
persönlich und effektiv. Bei 500 Leuten wird täglich knapp eine Tonne 
Lebensmittel bewegt. Das braucht Vertragslandwirte und eine Erzeugungsfläche 
von etwa 80 Hektar. Fläche genug ist vorhanden, das sind nur ein bis zwei 
heutige Bauernhöfe.

Ein Weg zur 2.000-Watt-Gesellschaft

Was bei P.M. noch als Weg hin zu einer autonomen Gesellschaft gemeint war, ist 
inzwischen auch dem Nachhaltigkeitsgedanken verpflichtet, genauer: der 
sogenannten 2.000-Watt-Gesellschaft [3]. Das ist der inzwischen weit 
überschrittene Stand der Weltbevölkerung aus dem Jahr 1990, so Berechnungen der 
ETH Zürich.

Die 2.000 Watt meinen dabei den konstanten Verbrauch eines Menschen über den 
Tag und die Jahre hinweg. Also zum Beispiel in einem Moment gleichzeitig 
fernsehen (200 Watt), Wasser kochen (1.300 Watt) und eine große Tafel Schweizer 
Schokolade essen (500 Watt). Bei der Schokolade kommt dabei der 
Energieverbrauch nicht von den Kalorien der Kakaobutter (die liefert die 
Sonne), sondern von der Energie, die Menschen in die Produktion gesteckt haben, 
bis man sie kauft.

Heutzutage öffnet sich beim Verbrauch eine weite Schere. Ein Äthiopier etwa 
braucht 500 Watt, ein Schweizer dagegen über 6.000, sagt der Zürcher Berater 
Gabor Doka, der sich mit Ökobilanzen auch von solchen Neustart-Gemeinschaften 
befasst. „Wenn man die Importe von Gütern miteinbezieht, sind es sogar über 
8.000 Watt.“

2.000 Watt, also ein Viertel des derzeitigen Verbrauchs - das heißt 
keinesfalls, dass auch die Lebensqualität durch vier geteilt werden muss. Es 
entspricht dem Verbrauch Ende der 50er Jahre. Damals produzierte man zwar im 
Vergleich zu heute sehr ineffektiv, konsumierte aber weniger. Und es gab 
weniger Autos.

Die kurzen Wege einer Neustart-Siedlung ohne Autos senken den Energieverbrauch 
enorm. Ähnliches wird durch die lokale Produktion von Gütern oder dem Essen 
erreicht: 28 Prozent des Umweltabdrucks eines durchschnittlichen 
Mitteleuropäers gehen über Essen und Getränke. Hier lässt sich durch eine 
Versorgung wie durch Tschurtschenthalers Ortoloco-Landwirtschaft viel sparen.

Klingt noch sehr nach Utopie? Die Züricher wenigstens haben bereits 
beschlossen, ihre Stadt zur 2.000-Watt-Gesellschaft umzubauen. Sie wissen aber 
nicht so recht, wie sie dahin kommen sollen. Eine Initiative zehn deutscher und 
Schweizer Städte im Bodenseegebiet informiert seit Oktober 2013 ihre Bürger 
über das Ziel, spricht aber von „Jahrzehnten“ dahin. Die 
Neustart-Genossenschaften zeigen schon heute einen praktikablen Weg.

[1] http://nena1.ch/ 
[2] http://ortoloco.ch/ 
[3] http://www.2000watt.ch/

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http://www.taz.de/1/archiv/?dig=2014/02/22/a0181

* 22.02.2014

Neustart, nicht nur für die Schweiz

In der Schweiz hat sich eine neue Genossenschaftsbewegung entwickelt: 
Gemeinsames Wohnen und Arbeiten wird in verschiedenen Bauvorhaben realisiert

AUS ZÜRICH REINER METZGER

Was hat die Schweiz, was viele andere nicht haben? Sie hat wirklich 
existierende, große Wohnprojekte nach dem Gedanken der Commons, der 
Gemeinwirtschaft. Sie sind sozial durchmischt, weil sie preiswert gebaut sind 
und dabei viel umweltfreundlicher als der Durchschnitt. Und das trotz - oder 
vielmehr gerade wegen - einer Lage mitten in der Stadt.

Ein erstes Pilotprojekt wurde schon 2001 bezogen, das Kraftwerk 1 in 
Zürich-West. Es hat sich in Zürich, aber auch in Luzern und Genf, eine neue 
Genossenschaftsbewegung entwickelt. Bauprojekte für gemeinschaftliches Wohnen 
werden fertig, das größte heißt "Mehr als Wohnen" [1]. Auf einem alten 
Industriegelände werden dafür in Zürich-Nord gerade 185 Millionen Franken 
verbaut für die 450 Wohnungen von 1.100 Menschen, dazu tausende Quadratmeter 
für Einzelhandel und produzierendes Gewerbe. Der Einzug ist ab Herbst 2014 
geplant.

Was ist das zentrale Thema dieser Projekte? Es geht um die Wiederbelebung der 
Stadtquartiere: wohnen, arbeiten, begegnen - eng zusammen. Darum, die 
"Explosion der modernen Städte" ab etwa den 60er Jahren in Gewerbegebiete, 
Einkaufszentren, Kulturstätten und verstreute Schlafquartiere rückgängig zu 
machen, wie es in einer Broschüre des Vereins Neustart Schweiz heißt. Dieser 
Verein und Genossenschaften wie NeNa1 (von Neuer Nachbarschaft) sind 
Anlaufpunkte für Interessenten an dieser neuen Wohnform.

Ein wenig theoretisch-praktischer Überbau ist schon nötig, damit die 
Gemeinwirtschaft auch funktioniert: "Bei einem gemischt genutzten Projekt ist 
es essentiell, nicht einfach loszubauen. Sondern schon ab der ersten Planung 
die später am Wohnen Interessierten einzubeziehen", sagt Res Keller. Er ist 
Geschäftsführer der Genossenschaft Kalkbreite [2] in Zürich. 230 künftige 
Bewohner und 25 Gewerbebetriebe ziehen ab April in den Neubau an der 
Kalkbreitestraße, die Planung läuft seit 2007.

Die Form der Genossenschaft erlaubt, das Ganze abzusichern vor unerwünschten 
Bestimmern. Es gilt: ein Bewohner, eine Stimme. Eine weitere wichtige Rolle 
spielte auch, dass in Zürich schon 20 Prozent der Wohnungen von 
Genossenschaften gebaut sind. Das ist eine traditionelle Zürcher Form der 
Förderung von Wohnraum für die nicht so gut Verdienenden in der reichen Stadt.

"Die Genossenschaften haben meist am jeweiligen Stadtrand gebaut, und meist nur 
Wohnungen", sagt Keller. Da war schon lange kein Gedanke mehr an eine 
selbstbestimmte Gemeinwirtschaft.

Die künftigen Bewohner der Kalkbreite legten zu Beginn der Planung die 
Projektziele und den Nutzungsmix fest. Sie schufen ein System von Gremien mit 
Ehrenamtlichen und Profis für die Verwaltung und das Soziale, für die Technik 
und für die Entscheidung, wer von den vielen Bewerbern schließlich einziehen 
soll.

Die Kalkbreite war ein über 6.000 Quadratmeter großer Abstellplatz für 
Straßenbahnen. Die sind nun umbaut von einem ringförmigen gelben Gebäude mit 
vielen Fenstern. Die Straßenbahnen parken unter einem 2.500 Quadratmeter großen 
Betondach, auf dem sich ein Hof samt Bäumen, Gärten und Bänken befindet, der 
auch für Nichtmieter zugänglich ist. Es gibt Wohnungen für die 
unterschiedlichsten Lebensformen: Wohngemeinschaften, Single-, Paar- und 
Familienhaushalte. Je acht bis zwölf Einpersonenwohnungen bilden ein Cluster, 
also eine Traube, mit gemeinschaftlicher Infrastruktur.

Alle Bewohner nutzen möglichst viele Räume und Technik gemeinsam. "Nicht jeder 
Einzelne braucht für sich exklusiv Gästezimmer, Waschmaschine oder ein großes 
Wohnzimmer für die Feiern im Jahr, diese Dinge werden geteilt", erklärt Fred 
Frohofer. Frohofer ist im Vorstand der Vereins Neustart Schweiz. Und er zieht 
in die Kalkbreite.

Das Teilen von Räumen spart viel Platz: Wird derzeit in Zürich im Schnitt bei 
Neubauten pro Kopf eine Wohnfläche von 50 Quadratmetern verbaut, sind es in der 
Kalkbreite nur knapp 35, rechnet Res Keller vor. Das ermöglicht für Zürich 
günstige Mieten von etwa 2.000 Franken monatlich für eine 
100-Quadratmeter-Wohnung.

20 Wohnungen mit insgesamt über 50 Bewohnern haben sich zu einem "Großhaushalt" 
zusammen getan und leisten sich eine professionelle Küchenlandschaft mit 
eigenen Köchen. Es gibt mietbare Räume für Feiern oder für Seminare der 
Gewerbetreibenden. Alles wird über ein elektronisches Reservierungssystem 
gesteuert.

In den unteren beiden Etagen des sechsgeschossigen Komplexes mieten sich 
Gewerbetreibende ein, darunter Greenpeace Schweiz, ein Kino, ein Restaurant und 
ein Laden der 20 Kilometer entfernten Bauerngemeinschaft Bachsermärt, die den 
Großhaushalt mit Getreide und Milchprodukten versorgt.

Die 35 Quadratmeter Wohnfläche pro Person entsprechen dem Flächenverbrauch der 
50er Jahre - allerdings mit mehr Komfort und höheren Umweltstandards.

Auch der Energieverbrauch ist potentiell wieder so niedrig wie vor 50 Jahren, 
also etwa ein Drittel des heutigen in Mitteleuropa. Eine Solaranlage auf dem 
Dach deckt 20 Prozent des Stromverbrauchs, eine Wärmepumpe im Keller den 
gesamten Wärmebedarf.

Niedriger Umweltverbrauch heißt auch, dass es keine Autos gibt. Das stellte 
sich als prominenteste Schwierigkeit bei der Genehmigung heraus. "Im Stadtrat 
ging es nicht etwa darum, ob wir das Projekt mit seinen 60 Millionen Franken 
stemmen können, sondern ständig war ein Thema, dass wir keine Parkplätze wollen 
und autofrei bei der Kalkbreite verpflichtend war", erinnert sich 
Geschäftsführer Keller. "Dabei haben 75 Prozent der in der Gegend wohnenden 
Zürcher sowieso kein Auto."

[1] http://mehralswohnen.ch/
[2] http://kalkbreite.net/

Projekt in Deutschland:
http://halle-im-wandel.de/




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