die tageszeitung
http://www.taz.de/1/archiv/?dig=2014/02/22/a0169

* 22.02.2014

Brüssel dreht am Rad

Die EU-Kommission will das EEG faktisch abschaffen. Die Ökosubventionen sind
ihr zuwider. Die Energiewende droht zu scheitern

VON BERNHARD PÖTTER

Der Kommissar war zufrieden. "Wir haben über die Zukunft des EEG geredet",
berichtete EU-Wettbewerbskommissar José Almunia am Montag nach seinen
Gesprächen mit Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD): "Es gibt viel zu
diskutieren. Wir haben harte Arbeit vor uns."

Das gilt vor allem für Gabriel und seine Beamten. Im Wirtschaftsministerium
suchte man bis spät in die Nacht nach einem Ausweg aus der Klemme, in die
Almunia die Deutschen mit deren eigener Hilfe manövriert hat: nach
Möglichkeiten, die Privilegien für die Industrie bei der Finanzierung der
Energiewende zu beschneiden, ohne die Firmen zu überlasten, und
mittelfristig die Subventionen für Ökostrom aus Wind und Sonne zu streichen,
ohne die Energiewende abzuwürgen.[1]

Der spanische Kommissar macht Druck: Zwar endet die Amtszeit der
EU-Kommission im Frühjahr, aber bereits am 9. April müsse das neue
Erneuerbare-Energie-Gesetz (EEG) verabschiedet werden.[2] Und wehe, es
gefällt der EU-Kommission nicht: "Dann wird es ein neues Verfahren gegen
Deutschland geben", so Almunia. Sein Drohpotenzial ist groß: Ohne Erlaubnis
Brüssels darf Deutschland ab Januar 2015 der Industrie keine neuen Ausnahmen
von der EEG-Umlage gewähren, die derzeit etwa 5 Milliarden Euro betragen.
Mit einem Schlag wären Hunderte von Firmen und Tausende von Jobs in Gefahr.

"Uns läuft die Zeit weg", sagt deshalb auch Gabriels Staatssekretär Rainer
Baake. Auf der überfüllten Konferenz "Energiewende 2.0" der Böll-Stiftung,
wenige Tage vor Almunias Besuch, warnte er die versammelten Ökofans vor
Illusionen.[3] Die deutsche Förderung sei ein Erfolg gewesen, aber "jetzt
brauchen wir einen Bruch mit dem EEG": Die garantierten Fördersätze für neue
Windräder oder Solarpaneele sind bald Vergangenheit, der Neubau von Anlagen
soll begrenzt werden. Um die Kosten zu senken, will die Regierung vor allem
die günstigsten Techniken fördern und auch Ausnahmen für Unternehmen
streichen. Mittelfristig soll auch für Ökostrom das Gesetz von Angebot und
Nachfrage gelten.

Genau das will Almunia. Über der deutschen Energiewende hat sich in Brüssel
ein Sturm zusammengebraut: In der Krise vieler Unternehmen und mit Blick auf
die billige Energie beim Konkurrenten USA gilt dem zuständigen Kommissar
"Wettbewerb" als Allheilmittel. Die Kommissare für Umwelt und Klima sehen
diesen Kurs durchaus kritisch - wer in der Kommission sich durchsetzt, ist
unklar. Doch die Zeichen stehen gegen den Ökostrom. Klimaschutz ist nur noch
ein Randthema, viele Nachbarländer fürchten bei der schnellen deutschen
Energiewende um ihre Stromsysteme und freuen sich, den ungeliebten
Euro-Zuchtmeistern aus Berlin mal das Licht ausknipsen zu können. Die Lage
ist absurd: Die Kommission entscheidet über die Energiepolitik der
Mitgliedstaaten, obwohl der EU-Vertrag von Lissabon und die
"Erneuerbare-Energien-Richtlinie" die Kompetenzen für Energiepolitik und
Ökoförderung explizit den EU-Staaten zuschreiben.

Almunia verriet in Berlin auch gleich seinen Trick: "Wir entscheiden nicht
über Subventionen für Erneuerbare. Aber wenn diese Subventionen den
Wettbewerb verzerren, schreiten wir ein." Er hat viele Trümpfe in der Hand:
Deutschland ist erpressbar, weil es die Ausnahmen für seine Industrie seit
2009 so sehr ausgeweitet hat, dass diese Privilegien dem EU-Binnenmarkt
widersprechen. Frankreich ist gelähmt, weil sein EEG Ende 2013 vom
Europäischen Gerichtshof gekippt wurde. Und der deutsche Energiekommissar
Günther Oettinger plädiert als Kritiker der Energiewende schon seit Langem
für eine EU-weite Förderung von Ökostrom.

Die könnte schneller kommen, als manche denken. Denn der Europäische
Gerichtshof bereitet ein Urteil vor, das nationale Ökostromregelungen
verbieten könnte. In dem "Aland-Verfahren" um die Einspeisung von finnischem
Windstrom ins schwedische Netz hat der Generalanwalt bereits erklärt,
nationale Ökostromregelungen widersprächen dem freien Warenverkehr im
Binnenmarkt. Bestätigt das Gericht wie so häufig die Ansicht des
Generalanwalts, müssen Subventionen für Ökostrom künftig EU-weit abgestimmt
werden. Was so schön europäisch klingt, könnte schwerwiegende Folgen haben.
Länder wie Polen, Tschechien oder Großbritannien, die sich auf Kohle- oder
Atomkraft konzentrieren, werden Zielen für Erneuerbare nur zustimmen, wenn
ihre Programme für "saubere Kohle" oder neue Atomkraftwerke ebenfalls als
Klimaschutzmaßnahmen finanziert werden. Claude Turmes, Energieexperte der
Grünen im Europaparlament, fürchtet deshalb, dass es zu einem dreckigen Deal
zwischen Berlin, Paris und London und einer "fossil-nuklearen
Renationalisierung" kommen könne: "Frankreich und England bekommen Geld für
ihre Atomindustrie, die Deutschen dürfen einen Teil ihrer
Industrie-Ausnahmen behalten."

Für Turmes hängt alles davon ab, "wie sich die Bundesregierung aufstellt".
Merkel allerdings hat sich die Probleme mit Brüssel selbst eingebrockt.
Schwarz-Gelb hat sich gegen die Rettung des europäischen Emissionshandels
gewehrt, die EEG-Umlage steil ansteigen lassen und die Zahl der Ausnahmen
für die Industrie erhöht. Betrieben wurde dieser Kurs vor allem vom
FDP-geführten Wirtschaftsministerium - demselben Haus, in dem die Beamten
nun Überstunden schieben, um von der deutschen Energiewende zu retten, was
noch zu retten ist.

--

Kampf um Ökostrom

Das "Erneuerbare-Energien-Gesetz" (EEG) ist der zentrale und erfolgreichste
Baustein der deutschen Energiewende, der inzwischen von vielen Ländern
kopiert wurde. Es garantiert etwa Betreibern von Windrädern und Solaranlagen
eine feste Vergütung über 20 Jahre und die Abnahme des Stroms. Die
EU-Kommission drängt inzwischen darauf, den grünen Strom auf dem Markt zu
handeln und die Projekte auszuschreiben. Auch definiert sie trotz eines
anderslautenden Urteils von 2004 die EEG-Zahlungen als staatliche
Subventionen. Die vielen Ausnahmen von der EEG-Umlage für die Industrie
gelten in Brüssel als Verzerrung des Wettbewerbs auf dem EU-Binnenmarkt.
(bpo)

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[1] http://tinyurl.com/qzxf629
[2] http://www.taz.de/1/archiv/?dig=2014/02/19/a0072
[3] http://tinyurl.com/obmkblv



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