DIE ZEIT
http://www.zeit.de/2014/08/weltwirtschaft-industrielle-revolution/

WIRTSCHAFTSWACHSTUM:

Rätsel der Weltwirtschaft

Renommierte Ökonomen wähnen die Welt am Ende der wirtschaftlichen
Entwicklung. Andere sagen: Wir stehen vor einer neuen industriellen
Revolution. Wie passt das zusammen? 

von Uwe Jean Heuser [1] und Roman Pletter [2] 

DIE ZEIT Nº 08/2014 - Aktualisiert 20. Februar 2014 

Es dürfte bislang wenige Visionen gegeben haben, die der Harvard-Ökonom
Larry Summers und der Internet-Investor Peter Thiel miteinander teilten.
Summers war Minister bei Bill Clinton und Berater von Barack Obama. Der in
Frankfurt geborene und in Kalifornien lebende Thiel dagegen unterstützte im
Wahlkampf die ultrakonservative Tea Party, auf dass sie der Herrschaft
Obamas ein Ende setze. Doch nun sind sich die beiden Männer einmal in einer
sehr grundlegenden Angelegenheit einig - und so sie recht behalten, erlebt
die Welt eine Zeitenwende. 

Summers sagt: Der Weltwirtschaft geht die Wachstumskraft aus [3], weil die
Wohlhabenden zu wenig investieren. Thiel sagt: Der Welt gehen die
Innovationen aus, weil die Erfinder und Unternehmer nicht wagemutig genug
sind, um revolutionäre Neuerungen hervorzubringen. Die jüngsten Hoffnungen
von Nano- bis Gentechnologie haben ihre Versprechen nicht erfüllt. Das Fazit
beider: Die Welt strebt dem vorläufigen Ende ihrer wirtschaftlichen
Entwicklung entgegen. 

Natürlich wollen sie sich dagegenstemmen. Der eine, Summers, mit riesigen
staatlichen Investitionen, der andere, Thiel, mit mehr Freiheit für die
Revolutionäre der Technik. 

Doch was, wenn das nicht gelingt? 

Dann könnte das Wachstum einschlafen, meint der amerikanische Ökonom Robert
J. Gordon - und die 250 Jahre seit der industriellen Revolution würden zur
einmaligen Episode in der Menschheitsgeschichte. Sie begann durch die
Erfindungen der Dampfmaschine, des Webstuhls und der Eisenbahn mit der
ersten industriellen Revolution zwischen 1750 und 1830. Sie ging weiter mit
einer zweiten Umwälzung zwischen 1870 und 1900 durch Elektrizität und
Verbrennungsmotor. Und sie fand ihren Abschluss mit einer dritten Revolution
rund um den Computer zwischen 1960 und 2000. Das war's. Aus. Vorbei. 

Der Computer habe vor allem bis in die achtziger Jahre Arbeitsplätze ersetzt
und Kräfte für neuen Wohlstand frei gemacht, schreibt Gordon. Seither sei
Schluss mit Wachstum durch Technik: "Die Erfindungen seit dem Jahr 2000
drehen sich vor allem um Unterhaltungs- und Kommunikationsgeräte, die
kleiner, klüger und leistungsfähiger sind." Aber den Lebensstandard könnten
solche Neuerungen nicht in einer Art verändern, wie es das elektrische
Licht, Autos oder die Wassertoilette vermochten. 

Fällt uns wirklich nichts Vernünftiges mehr ein? Muss erst der Staat mit
neuen Billionenschulden helfen, wie Summers es sich wünscht, oder müssen
wir, wie Thiel glaubt, alle Fesseln für die Wirtschaft lösen, um neues Feuer
anzufachen? 

Nichts da, dieses Feuer brennt längst, widersprechen Erik Brynjolfsson und
Andrew McAfee, zwei Forscher von der führenden Technik-Universität der Welt,
dem Massachusetts Institute of Technology. Ihr Buch 'Das zweite
Maschinen-Zeitalter' begeisterte jüngst die Managerelite auf dem World
Economic Forum in Davos [4] - und es ängstigte sie auch ein wenig. Die
These: Die digitale Revolution hat gerade erst begonnen. Jetzt setzt sie
dazu an, nach unserer körperlichen auch unsere geistige Arbeit zu
erleichtern und zu ersetzen. 

Die Vorboten dieser Verheißung sind nicht nur Googles automatisch fahrende
Autos, sondern mehr noch Computer, die zum Beispiel mithilfe riesiger
Datenmengen Krankheiten besser diagnostizieren als Fachärzte. Ob Juristen
oder Journalisten, Lehrer oder Professoren, Fahrer oder Piloten - keine
Profession bliebe in diesem Szenario unberührt. "Geisteskraft ist für
Fortschritt und Entwicklung (...) mindestens so wichtig wie physische Kraft.
Also sollte ein riesiger und nie da gewesener Schub für die Geisteskraft
auch ein großer Schub für die Menschheit sein, genauso wie es der Schub für
unsere physischen Kräfte war", schreiben die Forscher. 

Jahrzehnte der Umwälzung und der Unruhe stünden uns deshalb bevor, sagt auch
der Chairman von Google, Eric Schmidt, der die digitale Revolution von
Anfang an mit befeuert hat. Und wer wüsste besser, wie sich wirtschaftliche
Dynamik anfühlt? 

Es ist das große weltwirtschaftliche Rätsel unserer Zeit: Wir erleben
gleichzeitig das Ende des Wachstums und den Beginn eines Zeitalters, in dem
Maschinen eine neue Zeit des Wohlstands einläuten. Wie passt das zusammen? 

Thiel sagt, die großen technischen Durchbrüche seien ausgeblieben, und hat
er nicht recht? Die Gentechnik versprach eine neue Medizin - und doch wird
fast überall die alte praktiziert. Die Autoindustrie versprach neue Antriebe
im großen Stil - und doch entwickelt sie ihre Fahrzeuge nur in kleinen
Schritten weiter. Und selbst die sogenannte Fertigungsrevolution durch
3-D-Drucker hat die Produktion noch kaum verändert. Auch eine
volkswirtschaftliche Kerngröße spricht für die Skeptiker. Zuletzt haben die
Arbeitnehmer im Durchschnitt nur geringe Wohlstandszuwächse erwirtschaftet.
Der Wert der durch jede gearbeitete Stunde geschaffenen Waren und
Dienstleistungen ist zum Beispiel in Deutschland zwischen 1960 und 1970 noch
um 67 Prozent gewachsen. Danach wurde er jedes Jahrzehnt geringer, zwischen
2000 und 2010 lag er bei 12 Prozent, im Jahr 2013 sogar bei null. Auch in
anderen Industrieländern hat der technische Fortschritt den Wert der Arbeit
kaum mehr vergrößert. 

Natürlich lag das in den vergangenen Jahren auch an der globalen
Wirtschaftskrise. Aber die Schwäche der Arbeit ist zu drastisch, als dass
sie nur durch die Krise zu erklären wäre. Es ist deshalb hilfreich, einen
weiteren Trend anzuschauen, um der Lösung des Rätsels näher zu kommen: Nicht
nur Computer drohen Jobs in den Industrienationen zu ersetzen. Arbeitskräfte
aus immer mehr Nationen bieten zu Millionen ihre Arbeitskraft auf dem
Weltmarkt an. Die Folge: Die Löhne in den reichen Ländern steigen kaum - und
bremsen auf diese Weise auch den Durchmarsch des technischen Fortschritts.
Wo die Maschine nicht deutlich günstiger oder besser ist als der Mensch,
kommt sie nämlich auch nicht zum Einsatz, und die Entwicklung stockt eine
Weile. 

Gleichzeitig wächst und wächst auch die Ungleichheit in den meisten Ländern.
Die USA sind Vorreiter des Trends, bei ihnen konnte das reichste Prozent der
Bürger seinen Anteil am Wohlstand seit den siebziger Jahren auf über 20
Prozent verdoppeln. Aber auch in anderen Industrieländern schöpft das
Kapital in den Händen der Vermögenden fast den gesamten Wohlstandszuwachs
ab, während die Arbeitnehmer auf der Stelle treten. Sie sind in der
Wachstumsfalle. 

Volkswirte versuchen schon lange zu erklären, wie der Wohlstand wächst. Bis
ins 18. Jahrhundert galten die Arbeitskraft und das Kapital als die
maßgeblichen Treiber. Später montierten die Ökonomen eine weitere Größe in
ihre Gleichungen: die Rolle der Technologie, worunter sie nicht nur
Maschinen verstehen, sondern auch die Qualität von Gesetzen und
Regulierungen. Nun haben Arbeit und Technologie fürs Erste an Bedeutung
verloren, und auch die letzte verbliebene Variable in der Gleichung spielt
verrückt: Es ist zwar sehr viel Kapital verfügbar, das Wachstum unterstützen
könnte, aber seine Eigentümer finden anscheinend nicht genug produktive
Verwendungen dafür. 

Allein der iPhone-Hersteller Apple hat rund 100 Milliarden Dollar auf Konten
gehortet - und dem Management fällt nichts Besseres ein, als die Aktien des
eigenen Unternehmens zurückzukaufen, um den Börsenkurs zu pushen. Und Apple
ist nur ein Beispiel. Die Notenbank von St. Louis hat berechnet, dass
börsengehandelte Unternehmen in Amerika 2011 rund fünf Billionen Dollar in
bar hielten. Besonders hoch ist der Anteil bei IT-, Pharma- und
Biotechnologie-Unternehmen. 

Tatsächlich scheint sich allzu viel Vermögen in den Händen derer zu
massieren, die nichts Innovatives damit anzufangen wissen - und diejenigen,
die in den vergangenen zehn Jahren investierten, steckten ihr Geld zu oft in
neue Finanzprodukte. 

Ironischerweise ist Larry Summers daran nicht unschuldig. Als
stellvertretender US-Finanzminister hat er 1999 das Bankwesen liberalisiert
und den Weg frei gemacht für sogenannte Finanzinnovationen. Die schufen dann
leider keine Werte, sondern eine Krise, und sie zogen Kapital von wichtigen
Erfindungen in der Wirtschaft ab: "Das derzeitige Finanzsystem würgt
Investitionen in Innovationen ab", schreibt denn auch der amerikanische
Ökonomie-Nobelpreisträger Ed Phelps. 

Es gibt also viele Erklärungen dafür, dass die Technologie ihre
Möglichkeiten nicht ausschöpft. Noch nicht! Die beiden MIT-Forscher
Brynjolfsson und McAfee kann das in ihrer Zuversicht nicht erschüttern. Sie
glauben, dass die nächste Revolution gerade erst beginnt - und könnten recht
behalten damit. 

Große wirtschaftliche Umbrüche beginnen meist langsam, und nie laufen sie
glatt ab, wie ein Blick zurück zeigt. Nach der Erfindung der Dampfmaschine
um 1770 in Großbritannien dauerte es dort noch 70 Jahre, bis auch der Wert
der Arbeit merklich anstieg. Und selbst die deutschen Gründerjahre in der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren von Krisen durchsetzt. 

Es ist also gut möglich, dass die Technologie von heute ihre
Wohlstandsversprechen noch erfüllen wird. Da die Rhythmen der Weltwirtschaft
schneller geworden sind, dürfte es auch viel schneller gehen als anno 1770.
Die Frage ist nur, wo es losgeht - und wer sich darauf freuen sollte.

Links:

[1] http://community.zeit.de/user/uwe-jean-heuser
[2] http://community.zeit.de/user/roman-pletter
[3] http://www.zeit.de/2014/03/stagnation-wirtschaftswachstum-larry-summers
[4] http://www.zeit.de/wirtschaft/2014-01/davos-konjunktur-optimismus

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TELEPOLIS
http://www.heise.de/tp/artikel/41/41025/ 

Aufwachen im Blasenland

Tomasz Konicz 19.02.2014

Kann die etablierte bürgerliche Ökonomie den Charakter und die Ursachen der
gegenwärtigen kapitalistischen Systemkrise begreifen?

Die Wirtschaftswissenschaft befindet sich seit einigen Monaten in heller
Aufregung. Ein anscheinend neuartiges theoretisches Konzept, das auf den
Begriff der "lang anhaltenden Stagnation" (Secular Stagnation [1]) gebracht
wurde, scheint die Analyse der gegenwärtigen Krise voranzutreiben. Fast
scheint es so, als hätte die Ökonomenzunft, deren Modelle und ideologische
Postulate zumeist den Wahrheitsgehalt schamanischer Beschwörungsformeln
aufweisen, endlich ihren Stein der Weisen gefunden, mit dem all das erklärt
werden kann, was es ihrer als "Wissenschaft" verbrämten Ideologie zufolge
eigentlich nicht geben dürfte ('Säkulare Stagnation und Bubbles forever'
[2]).

Seitdem der ehemalige US-Finanzminister Larry Summers bei einer Tagung des
Internationalen Währungsfonds die Frage aufwarf [3], ob sich der
Kapitalismus eventuell doch in einer langfristigen Stagnationsphase befinden
könnte, scheint ein regelrechtes Tabu gefallen zu sein: Plötzlich diskutiert
- zumindest im angelsächsischen Raum - die Wirtschaftspresse über das nicht
mehr zu ignorierende Faktum, dass der globale Kapitalismus sich in einer
schweren Strukturkrise befindet, die sich eben in einer Periode lang
anhaltender Stagnation äußert.

Nicht alle applaudieren: Für das Wall Street Journal (WSJ) stellt die Idee
der lang anhaltenden Stagnation schlicht "Humbug" [4] dar. Das Konzept sei
schon in den 1930er Jahren des 20. Jahrhunderts, während der bislang
schwersten Weltwirtschaftskrise des kapitalistischen Weltsystems,
ausgebrütet worden, bemerkte das erzkonservative Wirtschaftsblatt zu Recht.
Die Märkte für die Verfehlungen der Politik verantwortlich zu wachen, sei
"jetzt genauso wenig überzeugend wie in den 1930ern". Doch steht das WSJ mit
seiner Kritik an dem Konzept der Secular Stagnation und der
Wirtschaftspolitik der Regierung Obama, die für die schwache "Erholung" nach
dem Kriseneinbruch 2008/09 verantwortlich gemacht wird, inzwischen
weitgehend alleine dar. Führende Wirtschaftszeitungen wie die Financial
Times [5], die Washington Post [6] oder auch der Economist [7] sind
inzwischen durchaus bereit, sich mit der Hypothese der lang anhaltenden
Stagnation offen auseinanderzusetzen und Summers ein Forum für seine
Argumentation zu liefern.

"Neue Normalität"

Die Thesen, die Summers propagiert, rühren auch tatsächlich an etlichen in
den "Wirtschaftswissenschaften" aufgestellten Dogmen und Tabus. Demnach
befinde sich die Weltwirtschaft in einer Periode der Stagnation [8], die
durch "stockendes" Wachstum, ein schwaches Beschäftigungsniveau und ein
"problematisch niedriges Zinsniveau" geprägt seien. Dieser Zustand könne
laut Summers noch über "eine ziemlich lange Zeit" anhalten. In der Financial
Times sprach er gar von der Stagnation als einer "neuen Normalität" [9].

Was Summers Argumentation aber so außergewöhnlich macht, ist das für seine
Zunft neuartige Verständnis der Finanzblasen der vergangenen Jahrzehnte, wie
auch der derzeitigen, sehr expansiven Geldpolitik. Summer hat es als erster
prominenter Ökonom tatsächlich gewagt, die historische einmalige expansive
Geldpolitik, die einer gigantischen Gelddruckerei gleichkommt, wie auch die
Finanzblasen der vergangenen Jahrzehnte zu einer wirtschaftlichen
Notwendigkeit zu erklären. Spekulationsblasen und eine lockere Kreditpolitik
hätten in der vergangenen Dekade nur ausgereicht, um "moderates Wachstum" zu
generieren, so Summers in einem Kommentar [10] für die Financial Times. Ohne
die Unterstützung durch "unkonventionelle Politik" (Negativzinsen und
Gelddruckerei in historisch beispiellosem Ausmaß) würden die USA und die
wichtigen globalen Volkswirtschaften nicht mehr in der Lage sein, "zu
Vollbeschäftigung und starkem Wachstum" zurückzukehren.

In einem Interview [11] mit der Washington Post machte Summers zudem klar,
dass die "normalen selbstregulativen Eigenschaften der Wirtschaft" nicht
mehr ausreichen würden, um Beschäftigung und "finanzielle Stabilität"
aufrechtzuerhalten. Die ist eine kaum verhüllte Umschreibung für
Marktversagen. Er stützt sich dabei auf die Idee des Ökonomen Alvin Hansen,
der in den 1930ern die Idee der Secular Stagnation einführte, die aber
"durch den unglaublichen Auftrieb der Nachfrage nach Konsum und
Investitionsgütern" nach dem Zweiten Weltkrieg erledigt schien. Doch nun
müsse man Stagnation erneut als ein "globales Problem der industrialisierten
Welt" begreifen, so Summers.

Von besonderer Bedeutung seien vor allem die Spekulationsblasen gewesen, die
sich im vergangenen Jahrzehnt zu einem wichtigen Wachstumsmotor entwickelt
hätten. Dabei wäre es angesichts ihrer Dimensionen ungewöhnlich gewesen,
dass deren realwirtschaftlichen Auswirkungen so schwach ausgefallen seien:

 --Einer der Gründe für meine Besorgnis bestehet darin, dass wir vor der
Finanzkrise, als sich die Mutter aller Blasen auf dem Immobilienmarkt
entwickelte, unser Wachstum nur auf ein adäquates Niveau heben konnten, aber
es war nicht genug, um irgendeine Art von Überhitzung zu erschaffen … .
Stellen Sie sich die Wirtschaft zwischen 2003 und 2007 ohne die Konsequenzen
der Immobilienblase und lockerer Geldpolitik vor. Die Investitionen in dem
Immobiliensektor wären um zwei bis drei Prozentpunkte des BIP niedriger
gewesen, und die Ausgaben für den Konsum wären ebenfalls niedriger, was zu
einer sehr inadäquaten Performance geführt hätte.--
 Larry Summers [11]

Im Klartext: Die größte Spekulationsblase aller Zeiten hat die US-Wirtschaft
vor deren Platzen gerade mal auf Wachstumskurs gehalten; ohne deren
stimulierende - und schuldenfinanzierte! - Effekte wäre die amerikanische
Volkswirtschaft bereits zum Beginn des 21. Jahrhunderts in einer Krise
gleich nach dem Platzen der Dot-Com-Blase im Jahr 2000 versunken. Larry
Summers findet sich somit unversehens im Blasenland wieder, in einer
Ökonomie, die von Blasenbildung und den korrespondierenden
Verschuldungsprozessen abhängig ist. Kein Wunder also, dass konservative
Blätter die das Wall Street Journal so allergisch auf diese Erkenntnisse
reagieren - denn sie implizieren offensichtlich, dass die herrschende
"Wirtschaftsordnung" sich in einer fundamentalen Krise befindet.

Ähnlich argumentiert der bekannte US-Ökonom und Nobelpreisträger Paul
Krugman in der New York Times, der angesichts der gegenwärtig
zusammenbrechenden Spekulationen in vielen Schwellenländern ein globales
"Zeitalter der Blasen" [12] konstatierte. In einem Blogbeitrag [13]
verfolgte Krugman die Spur dieser Blasenökonomie über die
Internetaktienblase der 90er Jahre bis in die 1980er Jahre zurück, in die
"späten Jahre der Reagan-Expansion". Auch Krugman tendiert inzwischen dazu,
der Argumentation von Summers zuzustimmen, da es trotz Blasenbildung keine
Anzeichen für eine "überhitzte Ökonomie" gegeben habe:

 --Wie kannst du wiederholte Blasenbildung mit einer Ökonomie in Einklang
bringen, die keine Anzeichen inflationären Drucks aufweist. Summers Antwort
besteht darin, dass wir uns in einer Ökonomie befinden, die Blasen benötigt,
um nahezu Vollbeschäftigung zu erzeugen - dass bei fehlenden Blasen die
Ökonomie einen negativen Zinsfuß aufweist. Und das war nicht nur seit der
Finanzkrise von 2008 wahr; es ist wohl wahr seit den 1980ern, wenn auch mit
einer zunehmenden Intensität.--
 Paul Krugman

Krise der Arbeitsgesellschaft der Aufstieg der Finanzblasenökonomie

Die Krise ist laut Krugman nicht sechs Jahre, sondern 30 Jahre alt; es
handelt sich um einen langfristigen Krisenprozess. Worauf die - plötzlich im
Blasenland erwachenden - Herrn Ökonomen sich hier mühselig zubewegen, ist
die Wahrnehmung der äußeren Auswirkungen der fundamentalen Systemkrise [14],
in der das spätkapitalistische System gefangen ist. Telepolis-Leser konnten
schon 2008 diese krisenbedingten Zusammenhänge zwischen Blasenbildung und
Konjunkturentwicklung [15] nachlesen, die nun von Summers und Krugman neu
"entdeckt" werden.

Worauf die beiden Koryphäen der Wirtschaftswissenschaft hier stießen, sind
die Folgen der tief greifenden Krise der Arbeitsgesellschaft, die den
Kapitalismus an eine "innere Schranke" seiner Entwicklungsfähigkeit stoßen
lässt. Dank der mikroelektronischen Umwälzung der gesamten Gesellschaft wird
das Kapital schlicht arbeitslos. Die mit dem Aufkommen der IT-Revolution
immer schneller um sich greifende Rationalisierung und Automatisierung führt
tendenziell auf globaler Ebene dazu, dass immer mehr Waren in immer kürzerer
Zeit durch immer weniger Arbeitskräfte hergestellt werden können. Neue
Industriezweige wie die Mikroelektronik und die Informationstechnik
beschleunigten diese Tendenz seit den 1980er Jahren - zeitgleich mit dem
Aufkommen der nun auch von Summers und Co. wahrgenommenen
Finanzblasenökonomie - immer weiter. Der Kapitalismus produziert sozusagen
eine überflüssige Menschheit - auf globaler Ebene.

Diese Entwicklung kennzeichnet einen fundamentalen Widerspruch der
kapitalistischen Produktionsweise. Auch wenn die bürgerliche
"Wirtschaftswissenschaft" sich immer noch weigert, dies zu begreifen: Die
Lohnarbeit bildet nun mal die Substanz des Kapitals - doch zugleich ist das
Kapital bemüht, durch Rationalisierungsmaßnahmen die Lohnarbeit aus dem
Produktionsprozess zu verdrängen. Marx hat für diesen autodestruktiven
Prozess die geniale Bezeichnung des "prozessierenden Widerspruchs"
eingeführt. Dieser Widerspruch kapitalistischer Warenproduktion, bei dem das
Kapital mit der Lohnarbeit seine eigene Substanz durch
Rationalisierungsschübe minimiert, ist nur im "Prozessieren", in
fortlaufender Expansion und Weiterentwicklung neuer Verwertungsfelder der
Warenproduktion aufrechtzuerhalten. Derselbe wissenschaftlich-technische
Fortschritt, der zum Abschmelzen der Masse verausgabter Lohnarbeit in
etablierten Industriezweigen führt, ließ auch neue Industriezweige oder
Fertigungsmethoden entstehen. Doch genau dies funktioniert nicht mehr,
nachdem sich die Lohnarbeit aufgrund der Rationalisierungsschübe der
mikroelektronischen Revolution innerhalb der Warenproduktion verflüchtigt.
Letztendlich ist der Kapitalismus schlicht zu produktiv für sich selbst
geworden.

Und genau deswegen setzt zeitgleich mit der Krise der Arbeitsgesellschaft
der Aufstieg der Finanzblasenökonomie ein: Der wuchernde Finanzsektor
generierte so die - schuldenfinanzierte - Nachfrage, die der
hyperproduktiven Warenproduktion wegbrach. Die von Summers konstatierte
Ausbildung einer finanzmarktgetriebenen Blasenökonomie und des
korrespondierenden riesigen Schuldenbergs im globalen Maßstab kann folglich
als eine Systemreaktion auf einen nicht mehr erfolgreich stattfindenden
Strukturwandel in den Industrieländern aufgefasst werden.

Aus dem erläuterten "prozessierenden Widerspruch" der Warenproduktion
resultiert ein industrieller Strukturwandel, bei dem alte Industrien
verschwanden und neue hinzukamen, die wiederum Felder für Kapitalverwertung
und Lohnarbeit eröffneten. Über einen bestimmten Zeitraum hinweg besaßen
bestimmte Industriesektoren und Fertigungsmethoden die Rolle eines
Leitsektors, bevor diese durch andere, neue Industriezweige abgelöst wurden:
So erfahren wir seit dem Beginn der Industrialisierung im 18. Jahrhundert
einen Strukturwandel, bei dem die Textilbranche, die Schwerindustrie, die
Chemiebranche, die Elektroindustrie, der Fahrzeugbau, usw. als Leitsektoren
dienten, die massenhaft Lohnarbeit verwerteten. Mit der IT-Revolution
scheiterte der industrielle Strukturwandel. Diese neuen Technologien schufen
weitaus weniger Arbeitsplätze, als durch deren gesamtwirtschaftliche
Anwendung wegrationalisiert wurden. Die Produktivkräfte sprengen somit die
Fesseln der Produktionsverhältnisse, um hier Marx zu paraphrasieren. Dieses
System stößt an eine innere Schranke seiner Entwicklungsfähigkeit.

Falsche Harmonielehre

Die Wahrnehmung der Krisensymptome durch Krugman und Summers bedeutet aber
mitnichten, dass es selbst den nachfrageorientierten - und in Relation zur
sonstigen Zunft geistig eher aufgeschlossenen - Ökonomen umgehend gelingen
würde, diese Ursachen der Systemkrise zu begreifen. Summers hält sich bei
der Ursachensuche auffallend zurück, während Krugman absurderweise mit
demografischen Argumenten zu hantieren versucht, um in Anlehnung an Alvin
Hansen - den erwähnten Erfinder der Stagnationsthese - die Stagnation auf
ein abnehmendes Bevölkerungswachstum [16] zurückzuführen. Wie würde sich
dann aber die Wachstumsdynamik des von der Ein-Kind-Politik geprägten Chinas
in den vergangenen Dekaden erklären lassen?

Auch Adair Lord Turner, ehemaliger Präsident der britischen Bankenaufsicht,
kommt über die Beschreibung des Phänomens einer Weltwirtschaft, die immer
mehr Schulden aufnehmen muss, um noch ausreichend Wachstum zu generieren,
nicht hinaus. Es sind ja gerade keine Investitionen in die Warenproduktion,
die die Verschuldungsdynamik antrieben, sondern Hypothekenkredite oder
Konsumkredite, wie Patrick Bernau in der FAZ am Beispiel Großbritanniens mit
Verweis auf Adair Lord Turner, den ehemaligen Präsidenten der britischen
Bankenaufsicht, darlegte [17]. Turner nennt drei Faktoren, die seiner
Meinung nach zu dieser zunehmenden "Schuldensucht" des spätkapitalistischen
Systems führten.

"Warum braucht Wachstum heute so viel Kredit? Turner nennt drei Gründe:

den Kauf bestehender Immobilien. Mit immer neuen Krediten können die Leute
immer mehr Immobilien kaufen und die Immobilienpreise steigen immer weiter,
obwohl volkswirtschaftlich - wie beschrieben - nichts investiert wird.

die hohe Ungleichheit. Während reiche Leute mit hohem Einkommen ihr Geld
nicht ausgeben, sondern zur Bank bringen, kaufen arme Leute viel auf Kredit
- ein Mechanismus, den Raghuram Rajan so ähnlich beschrieben hat.

die Ungleichgewichte zwischen den Ländern. Sie führen dazu, dass sich
einzelne Länder hoch verschulden, um Waren in anderen Ländern zu kaufen."

Hier werden offensichtlich Krisenfolgen - wie die Spekulationsdynamik, die
zunehmenden internationalen Ungleichgewichte und die eskalierende soziale
Ungleichheit - mit den Ursachen der Krise verwechselt. Vor einer tiefer
gehenden Ursachensuche schreckt das durch die Volkswirtschaftsehre
präformierte Bewusstsein offensichtlich zurück. Die bürgerliche Ökonomie
erweist sich - mal wieder - als ein regelrechtes Gedankengefängnis, dessen
Insassen nur Oberflächenphänomene wahrnehmen können.

Ähnlich bieder muten die Rezepte aus der keynesiansichen Mottenkiste der
1970er Jahre an, die etwa Summers und Krugman als Gegenmaßnahmen
propagieren. Krugman wie Summers plädieren [18] für eine Ausweitung
staatlicher Konjunktur- und Investitionsprogramme. Man müsse die "Chance zur
Erneuerung unserer Infrastruktur" aufgreifen, und das "Nachfrageniveau
anheben", forderte [19] Summers in einem Kommentar für die Financial Times.
Summers tut hier gerade so, als ob es die gigantischen Konjunkturprogramme
nicht gegeben hätte, die nach Krisenausbruch 2008 und 2009 aufgelegt wurden
- und die ein Volumen von rund 4,7 Prozent der damaligen jährlichen
Weltwirtschaftsleistung umfassten ('Hurra, der (Pseudo-)Aufschwung ist da!'
[20]). Die Staaten legten also bereits umfassende Investitionsprogramme auf,
nur erwiesen sie sich als ein kurzfristiges wirtschaftliches Strohfeuer.

Fasst scheint es so, als ob diese renommierten Wirtschaftswissenschaftler
vor der Radikalität der Implikationen zurückschrecken würden, die aus den
von ihnen gemachten Beobachtungen resultierten. Larry Summers habe ein "sehr
radikales Manifest" verfasst, so Krugman in seinem diesbezüglichen
Blogeintrag [21]: "Und ich fürchte sehr, dass er recht haben könnte."
Offensichtlich dämmert es einigen Ökonomen, dass ein System buchstäblich "in
der Schwebe" hängt, das nur noch vermittels der heißen Luft aufrechterhalten
werden kann, die immer neue Spekulationsblasen produziert.

Die Unfähigkeit dieser Ökonomen, die Ursachen der endlich zur Kenntnis
genommenen Krisensymptome in der Krise der Arbeitsgesellschaft zu verorten,
ist auf die Grundannahmen des Ideologiegebildes zurückzuführen, das
gemeinhin als Volkswirtschaftslehre bezeichnet wird. In dieser Wissenschaft
finden sich zwei Momente wieder, die in der gegenwärtigen Krise zunehmend in
Widerspruch zueinander geraten: Einerseits das Bemühen, das bestehende
System zu verstehen, um es zu optimieren, und anderseits die stumme Vorgabe,
es zu legitimieren und als alternativlos darzustellen. Deswegen wird der
Kapitalismus als ein quasi "natürliches", der menschlichen Natur des homo
oeconomicus (hierbei soll es sich um eine Art Raubaffen handeln, der auf
ewiger Jagd nach größtmöglichem Profit die Welt durchstreifen soll) gemäßes
Wirtschaftssystem dargestellt.

Dieses angeblich "natürliche" Wirtschaftssystem, das - ein kurzer Blick in
ein Geschichtsbuch müsste da eigentlich genügen - erst vor drei
Jahrhunderten seinen vollen gesamtgesellschaftlichen Durchbruch erlebte,
gilt der Volkswirtschaftslehre allen Krisen zum Trotz als potenziell
widerspruchsfrei und harmonisch. Die Märkte würden demnach in einem
"Gleichgewicht", in einer Ära der Harmonie, auf ewig prosperieren - wenn man
sie denn nur ließe! Der einzige Unterschied zwischen Keynesianern wie
Krugman und neoliberalen Hardlinern wie etwa Hans Werner Sinn besteht darin,
dass die Ersteren den Staat und seine Regulationsfähigkeiten als Teil dieser
natürlichen Ordnung wahrnehmen, während die Letzteren den Staatsapparat
tendenziell als einen Fremdkörper in der geheiligten Marktwirtschaft
imaginieren. Daraus resultiert die Tendenz in der gesamten
Volkswirtschaftslehre, die grundlegenden Kategorien und
Vergesellschaftungsformen, die das Kapital in den vergangenen rund 300
Jahren hervorgebracht hatte, als unabänderlich und natürlich anzusehen - sie
werden nicht hinterfragt. Dies gilt vor allem für die als eine
Selbstverständlichkeit wahrgenommene Lohnarbeit, deren Krise die Wurzel der
"lang anhaltenden Stagnation" bildet.

Angesichts dieser Denkhürden, die die Volkswirtschaftslehre den Ökonomen
aufwirft, stellt die bloße Wahrnehmung der Stagnation tatsächlich ein
"radikales Manifest" dar. Summers stellt tatsächlich die scheinbar
natürliche Ordnung der Dinge infrage, wenn er eine durch Marktkräfte
bedingte Stagnationsphase konstatiert. Das Bemühen Summers, das
offensichtlich kriselnde System zu verstehen, rührt somit an der Vorgabe der
Systemapologetik. Dies erklärt auch die heftigen Reaktionen des Wall Street
Journals und vieler konservativer Ökonomen. Unsere Ökonomenzunft gleicht
somit der Theologie des ausgehenden Mittelalters, die sich darüber streitet,
ob Gott die Erde tatsächlich im Zentrum des Universums platziert hat oder
eben nicht.

Die Stagnationsthese stellt somit einen weiteren Beweis für die geistige
Bankrotterklärung dar, die die bürgerliche Ökonomie spätestens mit dem
manifesten Krisenausbruch ab 2008 abgeben musste. Die
"Wirtschaftswissenschaften" haben rund sechs Jahre gebraucht, um nach dem
bislang stärksten Krisenschub überhaupt zu der offensichtlichen Erkenntnis
vorzustoßen, dass mit der geheiligten Marktwirtschaft irgendetwas
fundamental nicht stimmen könnte. Vielleicht sollten sich die Hohepriester
des Kapitalkultes ein paar Anregungen bei der Konkurrenz im Vatikan abholen,
denn die Krisenanalyse des Papstes [22] - bei der immerhin vom "Fetischismus
des Geldes", "überflüssigen Menschen" und einer "Wirtschaft der
Ausschließung" die Rede ist - kommt der Realität um ein Vielfaches näher als
alle Hervorbringungen derjenigen Experten, die die Zeilen der
Wirtschaftspresse vollschreiben dürfen.

Dabei stellen Ökonomen wie Krugman, die sich mit dem Faktum einer
Systemkrise auseinandersetzen, schon den progressiven Flügel dieser Zunft
dar. In der deutschen Wirtschaftswissenschaft, deren Volkswirtschaftslehre
den Realitätsgehalt eines Grimmschen Märchens angenommen hat, wird die
Stagnationsthese gerne rundweg bestritten. Längst hat man sich hierzulande
angewöhnt, die Volkswirtschaftslehre als eine theoretische Unterabteilung
der Betriebswirtschaftslehre zu behandeln, bei der Nationen Unternehmen
gleich ein "Geschäftsmodell" haben müssen und sich ausschließlich an der
Weltmarktkonkurrenz zu orientieren haben.

Wie tief man hierzulande in ideologischer Verblendung sinken kann, macht die
einstmals als linksliberal geltende deutsche Zeitschrift Die Zeit auf ihrer
Internetpräsenz klar. Die von Summers aufgeworfenen Fragen bezeichnete das
Blatt schlich als eine "Entschuldigung fürs Schuldenmachen" [23].
Stattdessen soll der Krise mit Sparpolitik und mehr Arbeit begegnet werden:
"Aus der Krise kommt der Westen nur auf altmodische Art: Er muss sich neuen
Wohlstand verdienen." Auf die Krise der Arbeitsgesellschaft wird hier
letztendlich mit einem Aufruf zur Mehrarbeit reagiert. Hier, bei solcher
deutschen Krisenideologie, fungiert eine zur nackten Weltanschauung
verkommende "Ökonomie" nur noch als Projektionsfläche für Ressentiments.
Absurd etwa die Einschätzung der Wirtschaftsentwicklung in der
Bundesrepublik und in der Eurozone, die ja von der Bundesregierung auf
neoliberale Spardiät gesetzt wurde:

Und Europa? Fährt überall gut, wo Reformer der Wirtschaft neue Kraft
verleihen. Spanien und Portugal etwa sind heute im internationalen
Wettbewerb stärker als vor fünf Jahren. Und wer würde in Deutschland schon
von anhaltender Arbeitslosigkeit und Stagnation reden?

Die Zeit

In den Redaktionsstuben der Zeit scheint die spätkapitalistische Welt trotz
Arbeitslosenquoten von rund 30 Prozent (Spanien) noch in Ordnung, auch wenn
man sich der totalen Realitätsverweigerung hingeben und hierbei sogar das
eingangs erwähnte Wall Street Journal unterbieten muss. Die Grundlage dieses
Fiebertraums eines durch Sparwut erstarkenden Europas stellen natürlich die
deutschen Export- und Leistungsbilanzüberschüsse [24] dar, mit denen auch
Verschuldung und Arbeitslosigkeit exportiert werden - und die hierzulande
die Illusion einer intakten Arbeitsgesellschaft aufkommen lassen, wie es
inzwischen sogar einem FAZ-Autor dämmert [25].

Somit dürfte evident sein, dass die nachfrageorientierte Ökonomie eines Paul
Krugman (oftmals auch als Keynesianismus bezeichnet) dem brutalen
neoliberalen Spardiktat vorzuziehen ist, obwohl sie ebenfalls von
ideologischen Verzerrungen geprägt ist. Die Keynesianer merken zumindest
noch, dass der Kapitalismus sich in einer schweren strukturellen Krise
befindet, während viele Neoliberale - insbesondere in Deutschland - zu
verblendet sind, um dies überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Zudem weist
insbesondere die von Krugman favorisierte nachfrageorientierte
Wirtschaftspolitik ein fortschrittliches Element auf, das als Ausgangspunkt
einer Systemtransformation dienen könnte: Die Betonung der Bedürfnisse der
Menschen, die laut Krugman befriedigt werden könnten, ohne dass irgendwer
unter einem Sparterror leiden müsste. Dieses Postulat ist aufgrund der
ungeheuren Produktivitätsschübe der IT-Revolution sicherlich richtig, aber
nur jenseits der gerade an dieser Produktivität erstickenden
kapitalistischen Produktionsweise zu realisieren.

Der Neoliberalismus hingegen bildet mit seiner Propagierung immer neuer
Sparpakete, mit seiner Forderung nach totaler und sinnloser Unterwerfung
unter die Imperative einer kollabierenden Wirtschaftsunordnung, die ideale
Ausgangsbasis für das Erstarken autoritärer und extremistischer Kräfte, wie
es derzeit überall im rezessionsgeplagten Europa auch beobachtet werden
kann.

Tomasz Konicz: Krisenideologie. Wahn und Wirklichkeit spätkapitalistischer
Krisenverarbeitung. Als eBook [26] für 4,99 Euro bei Telepolis erschienen

Tomasz Konicz: Politik in der Krisenfalle. Kapitalismus am Scheideweg. Als
eBook [27] bei Telepolis erschienen

Links

[1] http://blogs.reuters.com/lawrencesummers/2013/12/16/on-secular-stagnatio
[2] http://www.heise.de/tp/artikel/40/40530/
[3] http://www.youtube.com/watch?v=KYpVzBbQIX0
[4] http://tinyurl.com/mrrcrpx [$]
[5] http://www.ft.com/intl/cms/s/2/87cb15ea-5d1a-11e3-a558-00144feabdc0.html
[6] http://www.washingtonpost.com/blogs/wonkblog/wp/2014/01/14/l
[7] http://www.economist.com/blogs/freeexchange/2014/01/secular-stagnation
[8] http://blogs.reuters.com/lawrencesummers/2014/01/06/what-to-do-about-sec
[9] http://www.ft.com/intl/cms/s/2/87cb15ea-5d1a-11e3-a558-00144feabdc0.html
[10] http://on.ft.com/INXc4R
[11] http://www.washingtonpost.com/blogs/wonkblog/wp/2014/01/14/l
[12] http://nyti.ms/1f60nO5
[13] http://krugman.blogs.nytimes.com/2013/11/16/secular-stagnation-coalmine
[14] http://www.heise.de/tp/artikel/36/36123/
[15] http://www.heise.de/tp/artikel/29/29356/
[16] http://krugman.blogs.nytimes.com/2013/11/16/secular-stagnation-coalmine
[17] http://blogs.faz.net/fazit/2014/02/11/raus-aus-der-schuldensucht-3539/
[18] http://on.ft.com/1g9WjyE
[19] http://on.ft.com/1g9WjyE
[20] http://www.heise.de/tp/artikel/31/31137/
[21] http://krugman.blogs.nytimes.com/2013/11/16/secular-stagnation-coalmine
[22] http://www.heise.de/tp/artikel/40/40631/1.html
[23] http://www.zeit.de/2014/03/stagnation-wirtschaftswachstum-larry-summers
[24] http://www.heise.de/tp/artikel/38/38239/
[25] http://blogs.faz.net/fazit/2014/02/11/raus-aus-der-schuldensucht-3539/
[26] http://www.heise.de/tp/ebook/ebook_11.html
[27] http://www.heise.de/tp/ebook/ebook_3.html




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