Berner Zeitung
http://www.bernerzeitung.ch/kultur/story/10186213

28.06.2014

Die Utopisten kommen ins Alter

Im Kornhausforum startet heute Samstag eine Ausstellung über die 40-jährige
Bewegung Longo maï

Von Tobias Marti

Wenn Andreas Schwab über Longo maï spricht, reagiert sein Gegenüber je nach
Alter höchst unterschiedlich: «Was, die gibt es noch?», fragen ihn ältere
Semester. «Longo maï, was soll das sein?», fragt die jüngere Generation.
Longo maï heisst auf Provenzalisch «Es möge lange währen». Und der Plan
scheint aufgegangen zu sein - vierzig Jahre hat das sozialwirtschaftliche
Gebilde, das in Kooperativen organisiert ist, mittlerweile überdauert.

Keine Werbeveranstaltung

1973 ist eine Gruppe junger Leute aus der Nach-68er-Generation nach
Südfrankreich aufgebrochen, um dort ländliche Arbeits- und
Lebensgemeinschaften zu gründen. Angefangen haben sie mit drei verlassenen
Höfen, welche sie wieder in Betrieb genommen haben. Heute, vierzig Jahre
später, leben noch rund zweihundert Personen in zehn Kooperativen, verteilt
in ganz Europa.

Andreas Schwab, Historiker und SP-Gemeinderat in Bremgarten, hat viele
dieser Longo-maï-Höfe besucht. Entstanden ist daraus nebst einem Buch jene
Wanderausstellung, die heute im Berner Kornhausforum eröffnet wird. In der
Ausstellung «Die Utopie der Widerspenstigen» will der Kurator die
menschlichen, politischen, sozialen, wirtschaftlichen und technischen
Aspekte der Bewegung beleuchten.

Bereits 10'000 Besucher in Basel, Zürich, Genf und Lausanne haben die von
Schwab und Longo maï konzipierte Ausstellung besucht. Der Historiker sorgte
als Externer dafür, dass die Schau nicht nur eine Werbeveranstaltung für
Longo maï ist: Beispielsweise werden Presseberichte aus den späten
Siebzigerjahren gezeigt, die den damaligen «Spendenskandal» thematisierten.

Ein Highlight der Ausstellung sind Videointerviews, die mit rund sechzig
Personen geführt wurden. In den Beiträgen erklären Mitglieder anhand von
Gegenständen, was für sie Longo maï ausmacht. Auch Steine oder andere
vermeintlich simple Gegenstände, die etwas über das gemeinschaftliche Leben
aussagen, werden dafür hergezeigt.

Generationenwechsel kommt

Auf einen chronologischen Aufbau hat Schwab bewusst verzichtet. Die
Ausstellung solle keinen Gründungsmythos zelebrieren, sondern die Facetten
der heutigen Kooperativen darlegen, sagt er. Longo maï stehe nämlich derzeit
an einem Wendepunkt: «Die meisten Gründungsmitglieder kommen ins
Pensionsalter, es wird einen Generationenwechsel geben», sagt Andreas
Schwab.

Wie dieser Wechsel aussehen wird, können vielleicht jene Mitglieder
beantworten, die täglich an der Ausstellung in Bern anwesend sein werden.
Historiker Schwab ist jedenfalls überzeugt: «Auch in vierzig Jahren wird es
Longo maï noch geben.» 

Ausstellung über Longo maï im Kornhausforum Bern vom 27.Juni bis 19.Juli.
Eintritt gratis. Di bis Fr, 10 bis 19 Uhr, Sa/So 11 bis 17 Uhr.
http://www.kornhausforum.ch/nc/veranstaltungen/detail/longo-mai.html



-----Original Message-----
From: Greenhouse Infopool [mailto:[email protected]] 
Sent: Thursday, January 30, 2014 8:07 PM
To: Greenhouse Infopool ([email protected])
Subject: [taz] Rezension: Landkooperativen Longo maï -- Pioniere der
gelebten Utopie

die tageszeitung
http://www.taz.de/1/archiv/?dig=2014/01/29/a0111

* 29.01.2014

BUCH 

Sachwalter des nie Dagewesenen

Ein Porträt der Landkooperative Longo maï zeigt, wie lebendig das Projekt
der 70er noch ist

RUDOLF WALTHER 

"Landkooperative Longo maï - Kampf gegen imperialistisch-kapitalistische
Ausbeutung" - das ist der Sound der siebziger Jahre, als die
Studentenbewegung ausfranste. Landkooperativen galten damals als Alternative
zu den maoistisch-leninistischen Parteisekten, den anarchischen
Spontaneisten und allerlei sozialen Bewegungen zwischen Feminismus und den
Anfängen der Ökobewegung. Dem romantisch grundierten Rückzug ins
selbstbestimmte, naturschonende, einfache Landleben gaben damals wenige eine
Überlebenschance. Sie täuschten sich zumindest in einem Fall gewaltig.

Die 1973 in der Provence von schweizerischen und österreichischen linken
Aussteigern gegründete Landkooperative Longo maï [1] (der Name bedeutet auf
Provenzalisch "Es möge lange dauern") besteht bis heute und hat Filialen in
Mecklenburg-Vorpommern, Kärnten und in der Schweiz, wo in Basel auch die
Zentrale liegt. Heute leben rund 200 Personen dauerhaft in den
Longo-maï-Projekten. In einem programmatischen Text von 1972 hieß es: "Wir
weigern uns, weiterhin ein Spiel zu spielen, das für uns von vornherein
verloren ist und nur dazu führt, dass wir kriminalisiert werden. Wir
überlassen die Industriegesellschaft, die ihrem sicheren Untergang zugeht,
von nun an ihrem Schicksal." Es war das pathetische "Adieu" an das
"Räderwerk der Gesellschaft".

Der Schweizer Ausstellungsmacher und Historiker Andreas Schwab hat die
heutigen Mitglieder der Landkooperative, die zum Teil seit dem Anfang dabei
sind, getroffen und berichtet über die Gespräche. Er beschreibt in seinem
Buch die aktuellen Probleme und das Funktionieren ökologischer
Landwirtschaft und des selbstbestimmten Zusammenlebens ohne formelle
Hierarchien, verbindet diese Beschreibung aber auch umsichtig mit Einblicken
in die Geschichte des Projekts.

Die war nicht immer einfach. Bereits 1979/80 wurde Longo maï bezichtigt,
eine autoritär geführte Sekte zu sein, deren Führung sich ein Luxusleben
leiste, während die einfachen Mitglieder der Kooperative schufteten und
darbten. Die Vorwürfe waren zum Teil berechtigt, aber durchweg übertrieben.
Auf jeden Fall regenerierte sich das Projekt aus eigenen Kräften und dank
des nie versiegenden Spendenflusses aus der Schweiz - jährlich etwa 1,7
Millionen Euro. Prominente Schriftsteller wie Friedrich Dürrenmatt und Adolf
Muschg warben ebenso öffentlich für Longo maï wie christliche Kirchen und
Politiker, Professoren und Anwälte. Muschg nannte die Kooperative einmal
"Sachwalter des nie Dagewesenen".

Außer für ihr wirtschaftliches Überleben kämpfte die Agrarkooperative von
Anfang an auch in Solidaritätsbewegungen - für Chile und Nicaragua ebenso
wie für Flüchtlinge, Außenseiter und Ausländer [2]. Als "Betriebsgeheimnis"
und Überlebensstrategie der Kooperative betrachtet Schwab die eherne Regel,
"dass aus der gemeinsamen Tätigkeit für das Allgemeinwohl", aus der die
Kooperative den Unterhalt aller Mitglieder finanziert, "keine individuellen
Ansprüche erwachsen". Einziger Eigentümer ist die Stiftung, und deren
Eigentum ist unverkäuflich. Eine Alternative zum herrschenden Kapitalismus
bildet das nicht, wohl aber ein anderes Arbeiten und Zusammenleben. Schwabs
Buch beeindruckt durch die nüchterne Beschreibung und Analyse einer
Lebensform. 

Andreas Schwab: "Landkooperativen Longo maï. Pioniere der gelebten Utopie"
[3]. Rotpunktverlag, Zürich 2013, 237 S., 29,90 Euro

--------------------------------------------------------------------------

[1] http://www.prolongomai.ch/
[2] http://www.forumcivique.org/
[3] http://tinyurl.com/m89j3u9

--

Weitere Rezension:
Rupert Neudeck: Libertäres Alternativprojekt, gescholten und bewundert
http://www.sonnenseite.com/Buch-Tipps,,34,a27360.html

Berichte: 
Schweizer Fernsehen, 21. Oktober 2013
Utopie der Widerspenstigen - 40 Jahre «Longo Maï»
http://tinyurl.com/qjj7j73

Neue Zürcher Zeitung, 22. Oktober 2013
Longo mai wird älter: Ein dauerhaftes Sozialexperiment
http://www.nzz.ch/1.18171210



-----Original Message-----
From: Greenhouse Infopool [mailto:[email protected]] 
Sent: Monday, October 21, 2013 8:34 AM
To: Greenhouse Infopool ([email protected])
Subject: [SRF] Europäisches Landkooperativen-Netzwerk Longo maï besteht 40
Jahre

Schweizer Radio und Fernsehen
http://www.srf.ch/ -- http://tinyurl.com/qjj7j73

Utopie der Widerspenstigen - 40 Jahre Longo maï

21.10.2013

Vor 40 Jahren brachen 30 Jugendliche aus ihrem gewohnten Leben aus: Sie
gründeten den Verein «Longo maï» mit dem Ziel, eine bessere Welt zu
schaffen. Der Traum, die Welt zu revolutionieren, ist gescheitert, aber
Longo maï [1] existiert nach wie vor mit zehn Kooperativen in fünf
verschiedenen Ländern

Jeannine Borer

Die 68er erachteten die Gesellschaft als zu spiessig, zu selbstgefällig, zu
hohl, zu autoritätshörig. Junge Männer und Frauen lehnten sich gegen diese
Gesellschaft auf und wehrten sich gegen die strenge Autorität ihrer Eltern
und Lehrmeister. Anfangs der 1970er Jahre gab es in der Schweiz eine
Gruppierung, die sich «Hydra» nannte. Eine ähnliche Gruppierung, mit dem
Namen «Spartakus» existierte auch in Österreich.

Spartakus und Hydra hatten eines gemeinsam: Sie setzten sich ein für die
Schwachen in der Gesellschaft. So kam es, dass die Basler Hydra eine
sogenannte «Gegen-Mensa» für Lehrlinge einrichtete, weil die offizielle
Mensa zu teuer für die Lehrlinge war. Die Hydra griff aber auch zu
unkonventionellen Mitteln: «Wir besetzten zum Beispiel das Büro eines Chefs
und blieben so lange, bis er den Lehrling, den er zuvor entlassen hatte,
wieder einstellte», erinnert sich Jost Hinnen, ehemaliges Mitglied der
Hydra.

Eine lebende Alternative zur Ellenbogengesellschaft

1973 gründeten Vertreter von der Hydra und Spartakus zusammen mit anderen
Gleichgesinnten den Verein Longo maï. Die Gründungsversammlung fand in der
Antoniuskirche in Basel statt - ohne grosses Aufsehen. Die Mitglieder hatten
einen Traum. «Wir träumten von einer idealen Gesellschaft, in der Werte wie
Gemeinschaft, Gleichheit, Solidarität und Selbstbestimmung gross geschrieben
werden», sagt Hannes Reiser, einer der Gründer von Longo maï, gegenüber vom
«Regionaljournal Basel» von Radio SRF.

In der Folge kauften 30 junge Männer und Frauen einen abgelegen Hof im Süden
Frankreichs. Sie begannen, den Hof zu unterhalten, das Land zu
bewirtschaften und sich so selbst zu ernähren. Die erste
Longo-maï-Kooperative war geboren. Heute existieren zehn Kooperativen in
fünf verschiedenen Ländern. Um die 200 Erwachsene (Stand: 2013) haben sich
entschieden, ihr Leben in einer Kooperative zu verbringen.

Das bedeutet: Jeder arbeitet für die Gemeinschaft. Jeder bringt das in die
Gemeinschaft ein, was er bereit ist zu leisten - in jeder Hinsicht. Die
Menschen, die in einer Kooperative leben, verdienen kein Geld. Für die AHV
der Schweizerinnen und Schweizer bei Longo maï sei aber gesorgt, meint
Reiser.

Der Rückzug in ländliche Gegenden Europas sei aber keine Kapitulation
gewesen. Vielmehr habe man die Idee gehabt, das menschenleere Land wieder zu
bevölkern, Arbeit zu schaffen und den dort ansässigen Menschen, neue
Perspektiven zu bieten. Gleichzeitig habe man den Kampf gegen die
Ungerechtigkeit auf der Welt weitergeführt mit diversen Aktionen [2]. Im
Zentrum der Aktionen seien immer die Rechtlosen gestanden: Asylsuchende,
Flüchtlinge, Papierlose. «Das war schon immer so und wird immer so bleiben»,
weiss Hinnen.

Die Ausstellung über Longo maï

Im Restaurant «Ackermannshof» in der St. Johanns-Vorstadt findet bis am 2.
November 2013 eine Ausstellung [3] über Longo maï statt. Die Ausstellung
trägt den Namen: «Utopie der Widerspenstigen». Sie handelt von den 30
umtriebigen Jugendlichen, die anfangs der 1970er auszogen, eine andere Welt
aufzubauen.

Sendung zu diesem Artikel
40 Jahre Longo maï - die gelebte Utopie | Dienstag, 8. Oktober 2013
Longo maï ist ein altes provenzalisches Grusswort und bedeutet «Es möge
lange dauern!» Lange gedauert hat diese Gesinnung in der Tat. Der Traum des
solidarischen Lebens entstand im Geiste der 68er Bewegung und hält bis heute
an.
http://www.srf.ch/sendungen/treffpunkt/40-jahre-longomai-die-gelebte-utopie

Audio 
40 Jahre Longo maï - was blieb? 4:36 min | Der Hauptsitz von Longo maï ist
in Basel 1:51 min | Archivaufnahme: Longo-maï-Fest in Basel 1974 1:29 min
http://tinyurl.com/qjj7j73

--------------------------------------------------------------------------

Buch
Andreas Schwab: Landkooperativen Longo maï. Pioniere einer gelebten Utopie.
Rotpunktverlag, Zürich 2013 [4]

[1] http://www.prolongomai.ch/
[2] http://www.forumcivique.org/
[3] http://tinyurl.com/k463e5g
[4] http://tinyurl.com/m89j3u9




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