Schattenblick
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24. April 2015

Kalkül des Meerwerts 

WWF berechnet Ökosystemdienstleistung der Weltmeere als Argumentationshilfe
für die Forderung nach einem nachhaltigeren Umgang / Ozeane sind mehr wert
als bloße Fischlieferanten oder Auffangbecken für allerlei Schadstoffe

SO WIE DIE Erdatmosphäre als kostenloses Endlager für Luftschadstoffe und
anthropogene Treibhausgasemissionen benutzt wird, werden auch die Weltmeere
als riesige Auffangbecken für ungereinigte Abwässer, Gülle, Raketenstufen,
Schiffsabfälle, Atomfässer, Munitionsreste, Kunststoffpartikel und vieles,
vieles mehr verwendet. Luft wie Wasser haben jedoch ihre Kapazitätsgrenzen -
nicht im physikalischen, sondern im ökonomischen und letztlich sogar
existentiellen Sinne. Beispielsweise würden die Emissionen von immer mehr
Treibhausgasen aus der Verbrennung fossiler Energieträger darauf
hinauslaufen, dass sich die Erde aufheizt, was mit folgenschweren
Naturkatastrophen einherginge, und die Ozeane würden so schnell versauern,
dass alle Kalkbildner unter den Meerestieren nicht überleben. Beides würde
die Lebens- und Überlebensbedingungen vieler Menschen erheblich
beeinträchtigen.

Noch in diesem Jahr will die internationale Gemeinschaft
Nachhaltigkeitsziele (SDG - Sustainable Development Goals) und ein
Klimaschutzabkommen als Nachfolger des Kyoto-Protokolls verabschieden.
Zeitgleich zu den gegenwärtig laufenden Vorbereitungsverhandlungen der
nationalen Delegationen in den entsprechenden Gremien positioniert sich die
Zivilgesellschaft mit ihren Vorstellungen. So auch der World Wide Fund For
Nature (WWF).

Die Ozeane müssen geschützt werden, sie haben einen Wert von 24 Billionen
Dollar und wären damit die siebtgrößte Wirtschaftsnation, heißt es in einer
neuen Studie [1], die der WWF gemeinsam mit dem Global Change Institute an
der Universität von Queensland und der Boston Consulting Group diese Woche
unter dem Titel "Reviving the Ocean Economy: the case for action - 2015"
veröffentlicht hat. In der 12-seitigen Zusammenfassung heißt es, dass der
Wert der Ozeane für unseren Planeten "unberechenbar" ist, aber dass er nun
in den Fokus gerückt sei, da die Menschheit von der Unversehrtheit der
Ozeane und dem, was sie bereitstellen, abhängig ist.

Weiter heißt es zur Bedeutung der Weltmeere: "Diese unschätzbare Ressource,
die uns ernährt, das Klima stabilisiert und zahllose andere Wohltaten
bietet, zeigt gefährliche Anzeichen einer angeschlagenen Gesundheit." Lokale
Stressfaktoren wie die Zerstörung von Habitaten, Überfischung und
Verschmutzung belasteten die Meere ebenso wie die schnellen und
beispiellosen Veränderungen der Meerestemperatur und des Säuregrads.

Um die politischen Entscheidungsträger zu Schutzmaßnahmen für die Ozeane zu
bewegen, verwendet die Arbeitsgruppe um Studienleiter Professor Ove
Hoegh-Guldberg Kategorien aus der Ökonomie. Der Bericht spräche deutlich
aus, "was wir alle zu verlieren haben, sollte das Missmanagement der
Vermögenswerte der Ozeane andauern", heißt es. Die Wissenschaft allein
genüge nicht als Treiber, deshalb habe man, um die Dringlichkeit von
Maßnahmen anzumahnen, die schwerwiegende Umweltdegradation mit der Frage der
Wirtschaftlichkeit verknüpft. Konservativ gerechnet liefere die Küsten- und
Meeresumwelt jährlich einen Dienstleistungswert von 2,5 Billionen Dollar.
Der gesamte Vermögenswert der Ozeane betrage das Zehnfache dessen.

Der Report benennt acht Maßnahmen, die ergriffen werden müssten, um die
gegenwärtige, negative Entwicklung aufzuhalten: Erstens sollte die Erholung
der Meere von den Vereinten Nationen in die "Post-2015-Agenda",
einschließlich SDGs, aufgenommen werden. Desweiteren wird gefordert, das
Problem der Ozeanerwärmung und Versauerung in Angriff zu nehmen, mehr
Meeresschutzgebiete auszuweisen, die Überfischung zu beenden, eine "Blaue
Allianz" von maritimen Staaten - denen eine Führungsrolle zum raschen und
umfassenden Schutz der Ozeane zugedacht wird - und öffentlich-private
Partnerschaften für einen nachhaltigen Umgang mit marinen Ökosystemen zu
bilden, den Wert der Ozeane genauer zu erfassen sowie eine internationale,
interdisziplinäre Plattform zum Austausch von Erfahrungen und
Lösungsmöglichkeiten zu schaffen.

Der vom WWF gewählte Ansatz, das Interesse der politischen
Entscheidungsträger dadurch zu wecken, dass Umweltschäden und sogenannten
Ökosystemdienstleistungen ein monetärer Wert zugemessen wird, hat in der
Umweltbewegung Tradition. Ein Vorteil dieses Ansatzes könnte theoretisch
darin liegen, dass in der Politik allmählich ein Umdenken einsetzt und es
den Unternehmen nicht mehr gestattet wird, die Kosten zur Beseitigung von
Kollateralschäden ihrer Produktion auf die Gesellschaft abzuwälzen.

Ein gravierender Nachteil besteht jedoch darin, dass dadurch die Natur immer
weiter ökonomisiert wird und sich damit eine von den Hochproduktionsländern
propagierte Lebensweise durchsetzt - zu der auch der Umwelt- und Naturschutz
gehört -, durch die beispielsweise aus indigenen Bewohnern des tropischen
Regenwalds, die natürlicherseits einen nachhaltigen Umgang mit ihrer
Umgebung pflegen, Ökosystemdienstleister gemacht werden, die Geld dafür
erhalten, dass sie den Wald als "CO2-Senke" bewahren - aber als Preis dafür
auf einige ihrer gewohnten Waldnutzungsformen verzichten.

Eine vergleichbare Problematik entsteht bei der Ausweisung von
Meeresschutzgebieten in Küstennähe, wo bislang artisinale Fischerei
betrieben wird. Naturschutz und Kleinfischerei müssen kein Gegensatz sein,
bei einer Ausweitung der Schutzgebiete könnte aber eine Flächenkonkurrenz
entstehen, bei der die handwerkliche Fischerei wieder einmal das Nachsehen
hätte.

Sollte der Ansatz der Inwertsetzung der Natur, wie er in der WWF-Studie in
abstrakter Form vorexerziert wird, dazu führen, dass zwar Naturschutz be-,
aber dafür Menschen vertrieben werden, dann würde die
ressourcenverbrauchende und umweltzerstörende "economy", deren
Kollateralschäden bislang sozialisiert und späteren Generationen aufgelastet
werden, lediglich in eine "green economy" mit vergleichbaren Folgewirkungen
transformiert. [RESSOURCEN/174]

Fußnote:

[1] http://ocean.panda.org/#science 

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