ARCHIPEL / Europäisches BürgerInnen-Forum - Forum Civique Européen
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Archipelausgabe 237 (05/2015)

28.05.2015

Wälder aus den USA in Europa verbrannt

Unter dem Deckmantel der «Grünen Energie» werden Wald und Feuchtgebiete
kaputt gemacht. Ein Netzwerk in den USA, die Dogwood Alliance, wehrt sich
gegen diesen Raubbau 

VON SCOT QUARANDA, DOGWOOD ALLIANCE 

Die Dogwood Alliance wurde im Jahr 1996 mit dem Ziel gegründet, die Wälder
im Süden der Vereinigten Staaten zu schützen, die weltweit zu den
artenreichsten und aussergewöhnlichsten zählen. Unser Netzwerk besteht aus
mehr als 75 Gruppen, die sich unserer Kampagne angeschlossen haben. Unser
Gebiet erstreckt sich von Virginia die atlantische Küste entlang, weiter
nach Westen und entlang der Golfküste Richtung Arkansas und schliesst alles
mit ein: die Laubwälder in den Feuchtgebieten und Überschwemmungsgebieten
bis zum Süden der Appalachen, eine Region mit einer im Weltvergleich
besonders hohen Biodiversität. 

Wir wollten auf die enorme Steigerung der Papierproduktion in unserer Region
reagieren, die weltweit die grösste ist. Wir wollten konkrete Änderungen in
der Forstwirtschaft erreichen und verhindern, dass natürlich gewachsene
Wälder in Nadelbaumpflanzungen umgewandelt werden. Heute beobachten wir die
massive Entwicklung einer neuen Industrie: die der Holz-Pellets, gepresster
Kügelchen aus Sägespänen. Diese werden nach Europa transportiert, wo mit
ihnen Elektrizitätswerke gefüttert werden (1). Das heisst, unsere Wälder
werden in Europa verbrannt, um Strom herzustellen - und das im Namen des
Klimaschutzes.

Kahlschläge

In Wirklichkeit hat das katastrophale Auswirkungen auf unser Klima, unsere
Wälder und unsere Gemeinden. In den letzten fünf Jahren haben rund zwanzig
Fabriken angefangen, Pellets zu produzieren, und dreissig weitere sind
geplant. Ihre Produktionskapazität ab 2016 wird auf 6 Millionen Tonnen
jährlich geschätzt. Aufgrund der Papierindustrie und noch zusätzlich wegen
der Herstellung von Biomasse wurden die natürlichen Laubwälder in
Nadelbaumpflanzungen transformiert. Ein alter Wald wird zerstört und
Baumpflänzchen werden, unter Anwendung von chemischen Dünge- und
Unkrautvertilgungsmitteln, in langen Reihen an seine Stelle gesetzt. 

Ungefähr 60 Prozent unserer Wälder und Feuchtgebiete sind von diesen
Kahlschlägen betroffen. Die Gebiete werden entwässert und neu bepflanzt. So
verlieren wir alles, was die Wälder unserer Gesellschaft gebracht haben:
Schutz vor Überschwemmungen, Trinkwasserversorgung, Lebensraum für eine sehr
spezifische Fauna und Flora. Leider sind 90 Prozent der Wälder im Süden der
USA privat und haben keinen wirklichen Rechtsschutz (2). In einem einzigen
Staat gibt es eine Reglementierung, wonach man die Behörden über jeden
Holzschlag informieren sollte. Im Grossen und Ganzen kann man also mit
seinem privaten Wald machen, was man will.

Gemeinden wehren sich

Wir waren auf den Einbruch der Pellets-Industrie nicht vorbereitet, doch der
Widerstand weitet sich immer mehr aus. Im November 2014 haben zum Beispiel
50.000 Personen Botschaften an den britischen Minister für Energie und
Klimawandel geschickt, in denen sie ihn auffordern, seine Politik zu ändern
und so unsere Wälder zu schützen (3). Solche Briefe gingen auch an die
Zuständigen für Umwelt und Klima in der Europäischen Kommission. 

Es hat sich auch eine starke Opposition in den Gemeinden gebildet, in denen
sich die Pellets-Fabriken niedergelassen haben. In diesen Ortschaften ist
das Leben durch den Lärm, den allgegenwärtigen gesundheitsgefährdenden
Holzstaub, das Brandrisiko und den vermehrten Lastwagenverkehr ernsthaft in
Gefahr. 

Anfangs haben die Verantwortlichen erklärt, dass Pellets ausschliesslich aus
Ästen und anderem Holzabfall von Sägewerken etc. produziert würden, aber
nachdem die Nachfrage immer grösser wurde, haben sie damit begonnen, ganze
Bäume zu verwenden. Darauf folgten die Kahlschläge. Die Stämme werden in
winzige Stückchen gehäckselt oder aber zu Sägemehl gemahlen, um dieses dann
zu komprimieren; ein sehr energieaufwändiger Vorgang. Züge bringen die
Pellets zum Hafen, wo sie in Richtung Europa verfrachtet werden. Nach der
Fahrt über den Ozean müssen sie schliesslich zur Verbrennung in die
verschiedenen Elektrizitätswerke transportiert werden. 

Die Wälder im Süden der USA fangen 15 Prozent des Kohlenstoffs auf, der in
den Vereinigten Staaten anfällt. Wir sind also dabei, unsere
Kohlenstoffspeicher zu zerstören, um im Endeffekt die Umweltverschmutzung in
Europa durch die Kohlendioxid-Emissionen der Pellets-Kraftwerke zu erhöhen
(4).

Vor zwei Jahren haben wir Dokumente entdeckt, die aufzeigsen, dass der
US-amerikanische Landwirtschaftsminister genetisch veränderte
Weihrauchkiefern, die noch schneller wachsen, zugelassen hat. Diese Sorte
reift in fünf bis sieben Jahren. Es besteht somit die Gefahr, dass zu der
extremen Bodenübernutzung auch noch die Kontaminierung unserer Wälder durch
genveränderte Pollen kommt.

Das grösste Pellets-Unternehmen in den USA heisst Enviva. Es produziert
Pellets aus dem Holz der Laubwälder in den Küstenregionen, die zum Grossteil
Feuchtgebiete sind. Ihre Hauptaktivität findet im Nordosten von Carolina und
im Südosten von Virginia statt. Dort haben sie drei Fabriken und verwenden
fast ausschliesslich Laubholz. 

Eine dieser Fabriken hat Enviva im Gebiet von Northampton in North Carolina
mitten in einer alten afroamerikanischen Gemeinde errichtet. Die Gemeinde
hat schon wiederholt Beschwerde wegen des Lastwagenverkehrs eingereicht, der
Lärm und Gefahren auf der Strasse verursacht. Ausserdem beschweren sich die
Einwohner/innen wegen des vielen Geldes, das in den Betrieb gesteckt wurde,
statt dass man sich um die Gesundheit der Bevölkerung sorgt. Die zuständigen
Stellen schweigen dazu.

Proteste gegen die EU

Forschungen haben ergeben, dass es keine gute Lösung ist, ganze Bäume zu
verbrennen, um Strom zu erzeugen. Wissenschaftler/innen im Süden der
Vereinigten Staaten, spezialisiert auf diesem Gebiet, haben protestiert,
nachdem ihnen klar wurde, dass die europäische Energiepolitik die Ausweitung
dieser Industrie fördert. Sie haben einen Appell an die Europäische Union
und an die britische Regierung formuliert, in dem sie erklären, dass dies
keine gute Idee für unser Klima ist. Wir haben Partner/innen in
Grossbritannien und in der EU, die diese politischen Entscheidungen und die
damit einhergehenden Subventionen für die Pellets-Industrie anfechten. 

Leider haben wir einige Umstellungen bei Unternehmen wie Drax feststellen
müssen. Hier wurden zwei ihrer Kohlekraftwerke (von 300 MW) zu
Biomasse-Kraftwerken umgebaut. Dasselbe soll mit zwei weiteren
Kohlekraftwerken geschehen. Wir wollen unbedingt eine Kürzung der
Subventionen für solche Umstellungen erreichen, denn ohne die finanzielle
Unterstützung wird es für Drax wesentlich schwieriger, diesen Industriezweig
zu entwickeln.

Wir wollen zeigen, dass unsere Wälder als Kohlenstoffspeicher, als Quelle
von sauberem Trinkwasser, als Biotope verschiedener Tier- und Pflanzenarten
und zur Vorbeugung von Überschwemmungen viel nützlicher sind. Die Wälder
sollen auch wieder mit natürlich wachsenden Bäumen und mit schönen
Holzprodukten aufwertet werden.

(1) Es gibt eine kleine Biomasse-Industrie in den USA mit Kraftwerken von 20
oder höchstens 50 MW. Die wirkliche Anfrage kommt aus Europa.

(2) Die Gesetzgebung ist von Staat zu Staat verschieden und die
Reglementierung in den Nordstaaten ist strenger als die in den westlichen
Staaten.

(3) Grossbritannien ist das Land mit der am stärksten entwickelten
Biomasse-Industrie. Allein das Kraftwerk von Drax wird 16 Millionen Tonnen
Pellets jährlich brauchen. Der Bedarf aller zugelassenen Kraftwerke zusammen
kommt auf 60 Millionen Tonnen jährlich, von denen fast alles importiert
werden wird.

(4) Die Frage des Kohlenstoffs und des Einflusses der Biomasse-Industrie auf
das Klima ist komplex. Scott Quaranda erklärt dies ausführlicher im
Interview, das Sie auf französisch auf der Webseite des EBF lesen können.
Kontact: [email protected]; www.dogwoodalliance.org

Nicolas Bell vom EBF, der in derselben Problematik [1] in Südfrankreich
aktiv ist, hat Scot Quaranda beim Biofuelwatch-Treffen «Kampf ums Klima»
Anfang Februar in London getroffen. Nick ist bei SOS Forêts du Sud [2]
insbesondere gegen das Biomasse-Elektrizitätswerk von E.ON [3] in Gardanne
nahe Marseille und im Réseau pour les Alternatives Forestières [4]
engagiert.

[1] http://www.forumcivique.org/de/archipel/220-112013
[2] http://sosforetdusud.wordpress.com/
[3] http://www.forumcivique.org/de/artikel/eiszeit-stopp-dem-biomassaker
[4] http://www.alternativesforestieres.org/




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