On Monday, June 01, 2015 1:52 PM, Kris Kunst [mailto:[email protected]]
wrote:
Hier sind wir an einem spannenden Punkt, und vielleicht könnte man das ja
verbreitet debattieren. Ich möchte die u.g. Argumente vertiefen, denn sie
greifen noch nicht weit genug:
1. Wenn nach dem u.g. Vorschlag eine Ökosteuer erhoben würde, wären die
Effekte sozial ungerecht..."Nur noch Reiche können sich Autofahren
leisten...". Insofern ist zu überlegen, wie die Steuer so ausgestaltet sein
kann, dass sie entweder hauptsächlich den Luxuskonsum und
Massen-Wohlstands-Konsum trifft (und nicht die Befriedigung der
Grundbedarfe). Oder aber es ist an anderer Stelle eine entsprechende soziale
Kompensation einzuführen. Jene hätte freilich auch wieder zusätzliche
Nachfrage-Effekte zur Folge, die durch eine entsprechend hoch zu
veranschlagende Öko-Steuer mit einberechnet werden müssten.
2. Was nützt es, wenn der Staat die vereinnahmte Ökosteuer gleich wieder
ausgeben würde? Nichts, denn dann hätten wir die zusätzliche Nachfrage
(nebst Ressourcenverbrauch) eben an dieser Stelle.
Wie man es dreht und wendet - es zeigt sich: Prinzipiell lässt sich der
Ressourcenverbrauch nur durch zwei Maßnahmen effektiv verringern:
a) "Harte" Rationierung knapper Ressourcen - Deckelung des Verbrauchs,
Vergabe der verbleibenden Verbrauchsrechte durch direkte Zuteilung
und/ oder:
b) Einschränkung der Gesamt-Kaufkraft aller Wirtschaftssubjekte (inkl. dem
Staat). Dieses nach Möglichkeit in sozialer Staffelung.
3. Die Höhe der Ökosteuer ist unten viel zu optimistisch berechnet: Es
reicht ökologisch nicht, gemütlich im Takt des Fortschritts der
Energie-Effizienz die Kaufkraft abzuschöpfen, so dass die Bevölkerung keinen
realen Wohlstands-Verlust hat. Sondern angesichts der dramatischen Lage der
Umwelt und des weit überproportionalen Reduktions-Beitrags, den die
Industrieländer zu erbringen haben werden (Reduktion der Verbräuche um
80-95% bis 2050), sprechen wir hier von echtem Minder-Konsum!
Dauerhaft sinkende Gesamtnachfrage würde im Rahmen des bestehenden
kapitalistischen Wirtschaftssystems, in dem Geld nur zur Investition
vergeben wird, wenn ein Gewinn zu erwarten ist, zum Zusammenbruch führen
(Infarkt durch "Investitionsstreik" der privaten Investoren). Wir kämen in
eine Deflationsspirale hinein. Binswanger ("Wachstumsspirale") und Ulrike
Herrmann ("Der Sieg des Kapitals") können sich deswegen keinen echten
Nachfrage- (und damit BIP-)Rückgang vorstellen, da sie bei der Prämisse
bleiben, dass Geld aus privater Hand kommen muss. Herrmann zuckt am Ende
ihres Buches selbst mit den Schultern und spricht von einem unlösbaren
Dilemma.
Deswegen wäre zu überlegen, die Prämisse von Binswanger & Herrmann
aufzugeben und zu erwägen, ob die Überführung der Investitionsfunktion (im
Sinne von: Geld geben an Unternehmen für Investitionen) nicht in öffentliche
Hand überführt werden sollte! Denn wer kann es sich leisten, Geld zu
vergeben auch bei erwarteter negativer Rendite, wenn nicht eine öffentliche
Institution? In einem Umfeld allgemein sinkender Kaufkraft, was ja
ökologisch gewollt ist, wären Unternehmen, die Verluste machen, nicht die
Ausnahme, sondern die Regel! Und - marktwirtschaftlich gesprochen: Wenn die
Gesamtwirtschaft in BIP-Zahlen um z.B. 5% schrumpft, ist ein Unternehmen,
das nur 3% Verlust macht, bereits überproportional "gut" und hat weiteres
Investitionskapital "verdient".
Ein Mittel hierfür könnte die Überführung des Bankensystems in öffentliche
Hand sein (andere Ansatzpunkte wären auch denkbar). Wobei man sich dabei
freilich von den heutigen öffentlichen Banken gedanklich lösen sollte - sie
agieren ja häufig nach der gleichen Logik wie Privatbanken. Die neuen Banken
wären dann ausgestattet mit einer sozial-ökologischen Lenkungsaufgabe
anstatt mit einer Gewinnerzielungsaufgabe. Eine öffentliche Bank könnte auch
dann noch Kredite/ Darlehen vergeben, wenn die Kreditnehmer keine Zinsen
zahlen könnten oder sogar die Gesamt-Tilgung unter 100% reduzieren würden
(faktisch Negativ-Zinsen). Ein Kollaps der Wirtschaft durch eine sinkende
Gesamtnachfrage wäre vermeidbar.
Wie wichtig die o.g. Lenkungsaufgabe werden kann, zeigt sich, wenn man auf
das große Ganze blickt:
Damit die Menschen mit einer fortlaufenden Einschränkung ihrer Kaufkraft
leben können, ist es eigentlich notwendig, im Großen die grundlegenden
Strukturen der Bedarfsbefriedigung umzubauen: Heute individuell befriedigte
Bedarfe müssten in Zukunft kollektiv befriedigt werden können (viele
Beispiele gibt es im Verkehr, aber auch beim Wohnen und vielen weiteren
Bereichen). Und, durch die Neufassung der gesamten Siedlungsstruktur
(räumliche Zusammenführung der Funktionen Wohnen, Arbeiten, Einkaufen,
Bildung, Krankenversorgung usw.) müsste auch der Staat sehr viel Geld in die
Hand nehmen bzw. das Geld Privater umsteuern. Das scheint mir am einfachsten
zu bewerkstelligen, wenn er nicht erst private Subjekte durch Anreize
indirekt lenkt, sondern gleich mit eigenem Geld "klotzt anstatt zu
kleckern".
Ja gewiss, "Kapitalismus" und "ökologische Nachhaltigkeit" sind wohl
unvereinbar. Aber "Marktwirtschaft" und "ökologische Nachhaltigkeit" wären
durchaus zusammen denkbar. Es wäre immerhin - von der heutigen
Wirtschaftsordnung aus betrachtet - der logisch nächste Schritt.
Herzliche Grüße
Kris Kunst
--
Kris Kunst
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[email protected]
Am 1. Juni 2015 um 07:31 schrieb Greenhouse Infopool
<[email protected]>:
energiezukunft
http://www.energiezukunft.eu/umwelt/wirtschaft/energieeffizienz-der-bumerang
-kommt-schmerzhaft-zurueck-gn103238/
28.06.2015
Energieeffizienz: Der Bumerang kommt schmerzhaft zurück
Bumerang- oder Rebound-Effekte fressen die Ersparnis auf, die steigende
Energieeffizienz erreichen soll: Sparsame Autos werden mehr gefahren, LEDs
brennen länger, weniger Heizkosten finanzieren Flugreisen. Ausweglos? Nein,
denn eine Langfrist-Ökosteuer könnte für einen Ausgleich sorgen
Von Ingo Leipner
Wer Ernst-Ulrich von Weizsäcker nach dem Rebound-Effekt fragt, wird auf
eine Reise ins 19. Jahrhundert geschickt: Schon der Ökonom William Stanley
Jevons untersuchte 1865, wie sich der Kohleverbrauch entwickelte, nachdem
James Watt seine Dampfmaschine erfunden hatte. Diese Maschine verbrannte
ihren Brennstoff viermal effizienter als die Vorgängermodelle. Die Folge:
Der Kohleverbrauch war nicht gesunken, sondern dramatisch gestiegen -
gerade weil Watts Dampfmaschine eine so großartige Effizienz aufwies, so
von Weizsäcker. Plötzlich ergaben sich viele Möglichkeiten, die neue
Dampfmaschine einzusetzen, etwa als Dampflokomotive. Das Eisenbahnnetz
entstand - und damit ein gewaltiger Bedarf an Kohle.
Aus dieser historischen Betrachtung ergibt sich die ketzerische Frage:
Schadet Energieeffizienz, weil sie zu mehr Energieverbrauch führt? Sitzt die
Menschheit energetisch in einer Falle, umgeben von Rebound-Effekten? Von
Weizsäcker: Bisher ist das Wachstum an einen steigenden Ressourcenverbrauch
gekoppelt, weil wir keine ernsthaften Anstrengungen unternehmen, diese zwei
Entwicklungen zur trennen.
Martin Achtnicht [1] und Simon Koesler [2] haben sich genau diese Fragen
gestellt. Sie veröffentlichten einen interessanten Beitrag [3] in der
Fachzeitschrift Wirtschaftsdienst: Energieeffizienz: größte Energiequelle
oder Quell zusätzlicher Nachfrage?
Am Anfang ihrer Überlegungen schildern sie eine Ansicht, die weit verbreitet
ist: Wenn zur Erzielung eines bestimmten Outputs weniger Energie eingesetzt
werden muss, dann schont dies Energiereserven, spart Energiekosten und
reduziert negative Umweltwirkungen. Eine Steigerung der Energieeffizienz
ist immer gut, Ende der Diskussion. Doch die Mitarbeiter des Zentrums für
Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) kritisieren: Dieser Ansatz
[verkennt] elementare ökonomische Prinzipien.
Wenn Wissenschaftler den Effekt von Einsparmaßnahmen messen, gehen sie in
der Regel von einer Ceteris-paribus-Bedingung aus. Eine zentrale Annahme
vieler ökonomischer Modelle, die besagt: Wir ändern im System einen Faktor,
alle anderen Einflussgrößen halten wir konstant. Dann lässt sich die Wirkung
des einen Faktors isoliert betrachten, alle anderen fallen unter den Tisch.
Das ist mathematisch elegant, aber oft wenig geeignet, um
Ursache-Wirkungsbeziehungen realistisch abzubilden. Übrigens: Ceteris
paribus heißt auf Latein: Alles übrige bleibt gleich.
Was bedeutet das im Fall der Energieeffizienz? Unter sonst identischen
Bedingungen wird verglichen, wie groß der Unterschied im Energieverbrauch
ist - vor und nach einer Effizienz-Maßnahme. Der Haken dabei: Mögliche
Verhaltensänderungen der Nutzer infolge einer erhöhten Energieeffizienz
bleiben dabei unberücksichtigt, so die ZEW-Autoren.
Die Folgen können gravierend sein: Die Verbraucher sind jetzt in der Lage,
dieselbe Leistung zu sinkenden Kosten in Anspruch zu nehmen - woraus der
Fehlanreiz entsteht, diese Leistung verstärkt nachzufragen. Konsequenz:
Dieser Rebound-Effekt frisst die ursprüngliche Ersparnis zum Teil wieder
auf, im schlimmsten Fall steigt der Energieverbrauch, statt zu sinken. Daher
heißt der Rebound-Effekt auch Bumerang-Effekt, weil die gutgemeinte
Maßnahme zum Energiesparen negativ auf die Akteure zurückfällt.
Achtnicht und Koesler unterscheiden drei Möglichkeiten, wie ein
Rebound-Effekt zustande kommt:
DIREKTER REBOUND-EFFEKT: Er wird auch Preiseffekt genannt, weil durch
Effizienzgewinne die Nutzung eines Gutes günstiger wird. Beispiel: Ein sehr
sparsames Auto kommt auf den Markt, das auf 100 Kilometern nur 3 Liter
Benzin verbraucht. Hatte der Kunde vorher einen Verbrauch von 6 Litern/100
Kilometern wird er jetzt verführt, deutlich mehr Kilometer zu fahren als mit
dem alten Pkw. Ergebnis: ein positiver Rebound-Effekt, der im Extremfall die
Einsparungen überkompensiert - etwa bei der Betrachtung einer gesamten
Fahrzeugflotte.
INDIREKTER REBOUND-EFFEKT: Die Ersparnis aus dem effizienteren Auto lässt
sich auch anders nutzen, etwa durch mehr Konsum in einem neuen Bereich. Dann
schlägt der indirekte Rebound-Effekt zu, etwa wenn ein Autofahrer das
gesparte Geld in eine Flugreise investiert. Sie hätte es nicht gegeben, wenn
nicht die Energieeffizienz beim Autofahren gestiegen wäre. So entsteht ein
zusätzlicher Energieverbrauch, der die Nettoenergieeinsparung der
Effizienzsteigerung beim Betrieb des Pkw reduziert, schreiben die
ZEW-Autoren.
GESAMTWIRTSCHAFTLICHER REBOUND-EFFEKT: In einer freien Volkswirtschaft sind
die Preise und die bereitgestellten Mengen auf den verschiedenen Teilmärkten
durch Handel eng miteinander verknüpft, stellen Achtnicht und Koesler fest.
Das bedeutet im Fall der Mobilität: Sinkt der Verbrauch bei den Pkw und
bleibt das Kraftstoff-Angebot konstant, müssen die Preise für die Betankung
von Lkw auch zurückgehen. So kommt der gesamtwirtschaftliche Rebound-Effekt
ins Spiel: Es lohnt sich, Lkw vermehrt auf die Straße zu schicken, weil sich
ihr Treibstoff verbilligt hat. Und wieder frisst der Rebound-Effekt die
Einsparungen auf, sich durch effizientere Technologie ergeben hatten.
Stellt sich die Frage: Wie groß sind diese Rebound-Effekte? Die Schätzungen
schwanken stark, auch abhängig vom jeweiligen Sektor, in dem Energie
verbraucht wird. Ein Beispiel könnte das Themenfeld Mobilität sein, das
Wissenschaftler bereits genauer untersucht haben. So hat Koesler berechnet,
wie eine Effizienzsteigerung von zehn Prozent wirkt, wenn private Pkw in
Deutschland betrachtet werden. Dabei berücksichtigte er alle drei
Rebound-Effekte. Resultat: Fast die Hälfte der Energieeinsparung wird wieder
aufgezehrt - durch einen deutschlandweiten Rebound.
Steigerung der Energieeffizienz - kein Königsweg, sondern eine Sackgasse?
Nur auf den ersten Blick: Wichtig ist die Erkenntnis, dass eine Politik,
die auf eine Steigerung der Energieeffizienz abzielt, und dabei
Rebound-Effekte gänzlich ausblendet, nicht zweckdienlich ist, so das Fazit
von Achtnicht und Koesler.
Sie fordern daher u. a. Instrumente, die den Rebound-Effekt gar nicht erst
entstehen lassen. Konkret heißt das, zum Beispiel eine
Langfrist-Ökosteuer einzuführen, wie sie von Weizsäcker schon lange Zeit
vorschwebt: Wenn wir kein Preissignal setzen, bekommen wir den
Rebound-Effekt nicht vom Tisch, ist sich der Wissenschaftler sicher. Er
stellt sich vor, Energie- und Mineralienpreise jedes Jahr gerade um so viel
Prozent zu verteuern, wie im abgelaufenen Jahr die Effizienz zugenommen
hat.
Dann bleiben die Kosten per Saldo für Unternehmen und Konsumenten gleich -
die Effizienzgewinne frisst kein Rebound-Effekt mehr auf. Von Weizsäcker:
Im Durchschnitt entstehen so unter dem Strich kaum Mehrkosten - außer den
Investitionen in die Effizienz. Die aber werden von Jahr zu Jahr rentabler.
Es gibt einen Wettbewerb um die Geschwindigkeit, mit der die der Effizienz
gesteigert wird.
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[1] http://www.zew.de/de/mitarbeiter/mac
[2] http://www.zew.de/de/mitarbeiter/SKO
[3] http://link.springer.com/article/10.1007/s10273-014-1706-6
° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° °
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