Rheinische Post
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14. Juli 2015 | 09.25 Uhr

Mutige Türkin besiegt die Bagger

Eine 63-Jährige wird zum Symbol der Umweltschutzbewegung. Ein Gericht gab
der Demonstrantin Recht

Von Thomas Seibert

ISTANBUL. Rote Jacke, Kopftuch, langer Stock: Havva Bekar aus der türkischen
Provinz Rize an der Schwarzmeerküste sieht nicht aus wie eine
Revolutionärin, die ein staatliches Riesenprojekt zu Fall bringen kann. Und
doch ist Tante Havva, wie sie überall genannt wird, mit ihrem Widerstand
gegen die Staatsgewalt zum Symbol der türkischen Umweltbewegung geworden.

Die 63-Jährige stellte sich zusammen mit einer Gruppe namens "Initiative
Sturm" dem Vorhaben entgegen, auf den bewaldeten Hängen entlang der
Schwarzmeerküste eine 2600 Kilometer lange Überlandstraße zu bauen. Die von
den Behörden "Grüner Weg" getaufte Asphaltpiste soll der Regierung zufolge
die an vielen Stellen sehr zerklüftete und bergige Gegend besser erschließen
und der Wirtschaft sowie dem Tourismus dienen.

Doch vor Ort regte sich Widerstand gegen die Bagger. Die Schwarzmeer-Region
ist für ihre Hochweiden und unberührten Wälder berühmt. Die Natur sei durch
die neue Straße bedroht, befürchten Kritiker. Der "Initiative Sturm" geht es
vor allem um einen Nationalpark im Sturmtal. Mit der neuen Straße werde der
Massentourismus und damit die Zerstörung eines einzigartigen Reservats
beginnen.

Zunächst reagierten die Behörden mit der seit den Istanbuler Gezi-Unruhen
bekannten Arroganz. "Zwei, drei Plünderer" würden das Projekt nicht stoppen
können, wurde der Gouverneur von Rize, Ersin Yazici, zitiert. Vor zwei
Jahren hatte der heutige Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan die
Demonstranten vom Gezi-Park in Istanbul ebenfalls als "Plünderer"
bezeichnet. Yazici erklärte zwar später, er habe das Wort nicht benutzt,
doch Demonstranten wie Tante Havva fühlten sich trotzdem brüskiert. Was dem
Gouverneur denn einfalle, sie so zu nennen, fragte sie.

Tante Havvas großer Moment kam am vergangenen Wochenende, als sie zusammen
mit anderen Umweltschützern auf einer Almwiese in der Nähe ihres Heimatortes
Camlihemsin die für Erdarbeiten angerückten Bagger stoppte. Im Nebel der
Hochweide setzte sie sich auf einen Stein, weigerte sich, den Baumaschinen
Platz zu machen und fuchtelte wütend mit ihrem Gehstock in der Luft herum,
als Gendarmen sich ihr nähern wollten. "Seid ihr verrückt geworden?", keifte
sie die Polizisten an.

Die schleiften einige Demonstranten unsanft aus dem Weg, um den Baggern
Platz zu machen. Doch an Tante Havva und ihren langen Stock trauten sie sich
nicht heran.

So konnte sie auf ihrem Stein sitzen bleiben und mit einer Tirade beginnen,
die ihr viel Applaus der umstehenden Umweltschützer und landesweite
Bekanntheit in der Türkei einbrachte. Als ein Gendarm von Gerichten und
staatlichen Stellen sprach, fuhr sie ihn an: "Was ist schon der Staat? Es
gibt keinen Staat, wir sind der Staat. Wer ist schon der Gouverneur oder der
Landrat? Ich bin das Volk." Und das Volk wolle die neue Straße eben nicht.
Die Umweltschützer klatschten begeistert, die Gendarmen zogen ab. Das Video
wurde zum Renner im Internet.

Kurz darauf konnten sich Tante Havva und die "Initiative Sturm" noch mehr
freuen: Das Verwaltungsgericht in Rize stoppte auf Antrag der Umweltschützer
das Straßenbauprojekt in einer einstweiligen Verfügung. Die Behörden haben
nun zwei Wochen Zeit, das Gericht von den Vorteilen des Projekts zu
überzeugen.

In der Öffentlichkeit gibt es viel Sympathie für Tante Havva und ihre
Freunde. Schon den jetzt gestoppten Vorarbeiten seien mehrere Hundert Bäume
zum Opfer gefallen, meldeten die Zeitungen. Die 63-jährige Havva will dafür
kämpfen, dass es nicht noch mehr werden.




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