Deutscher Naturschutzring/umwelt aktuell
http://www.dnr.de/publikationen/umwelt-aktuell/102015/

01.10.2015

Tadzio Müller über die Antikohlebewegung

„Die Kohleindustrie steht mit dem Rücken zur Wand“

Mit den Ende-Gelände-Protesten im August beim Tagebau Garzweiler entstand
eine bundesweite Antikohlebewegung. Für einen Ausstieg aus der Kohle braucht
es eine Verbreiterung der gesellschaftlichen Debatte und Pläne gerechter
Übergänge für die ArbeiterInnen, sagt Tadzio Müller

Interview: Eric Janacek

Charakterisierem Sie doch mal die Antikohlebewegung. Was sind ihre
Forderungen?

Erst mal ist es eine Bewegung im Entstehen. Sie ist noch sehr amorph, es
gibt keine großen Organisationen, kein Attac der Antikohlebewegung und kein
„X-tausendmalquer“ oder „ausgestrahlt“. Es sind Leute aus der
globalisierungskritischen, aus der Umwelt- und Klimabewegung und aus
Bürgerinitiativen. Eigentlich kann man erst seit dem 15. August von einer
Antikohlebewegung reden. Das ist die Relevanz von dem Protest um „Ende
Gelände!“. Davor gab es zwar eine regionale Antikohlebewegung im Rheinland
und in der Lausitz, aber es war kein bundesweites Phänomen. Bei den
Forderungen wird es schwierig. Es gibt einige, die fordern einen sofortigen
Kohleausstieg und viele, die sagen, das sei technisch unmöglich und wäre für
bestimmte Regionen in Deutschland ein ökonomischer und sozialer Kahlschlag.
Da gibt es eine lebhafte Debatte. Eine Dimension davon ist ein gerechter
Kohleausstieg für die Menschen, die in den Kohlerevieren leben und arbeiten.

Wie kann man soziale Gruppen außerhalb der akademischen wohlsituierten
Mittelschicht gegenüber Kohle positionieren?

Dieser Klimawandel und -gerechtigkeitsdiskurs ist ja ein Thema, das für
viele hierzulande recht weit weg ist. Dinge, die wir jetzt tun, haben erst
sehr spät Effekte und wir müssen unsere Produktions- und Konsummuster total
ändern. Deswegen nutzen viele AntikohleaktivistInnen in den letzten Jahren
auch andere Narrative. Kohle ist nicht nur schlecht fürs Klima, sondern auch
für die Menschen, die in den Revieren leben. Es gibt eigentlich nur ein paar
Tausende Leute, die in der Braunkohleindustrie arbeiten, aber viel mehr, die
unter dem Kohlestaub leiden. Atemwegserkrankungen, Asthma, Lungenkrebs sind
in Kohlerevieren ungleich höher als in anderen Standorten. Ein Tagebau kann
ja auch das Grundwasser verseuchen und Landwirtschaft erschweren. Um die
Leute, die in der Kohleindustrie arbeiten und deren Angehörige aus dem
Prokohleblock rauszuschweißen, braucht es aber mehr als eine Erzählung,
nämlich Vorschläge dafür, was die Gewerkschaften „gerechte Übergänge“
nennen: eine Transition aus der Kohleindustrie raus, die auch von den
ArbeiterInnen in den Regionen selbst angetrieben wird.

Wie sind die Chancen, sich gegenüber der Kohleindustrie durchzusetzen?

Also ich benutze den Begriff „Team Kohle“. Das sind nicht nur die
Kohlekonzerne. Die Gewerkschaften und Leute bei Parteien sind da auch
zentrale Akteure. Das ist ein breiter, in bestimmten Regionen tief
verwurzelter, gesellschaftlicher Block, der für die Kohleindustrie kämpft.
Und es muss eben mit Aktionen wie Ende Gelände oder im Hambacher Forst oder
lokalen Bürgerinitiativen gezeigt werden: Kohle ist ein Konfliktthema. Und
wir müssen zusammen mit den VertreterInnen der ArbeiterInnen über Pläne für
einen gerechten Übergang in den Kohleregionen reden. Für mich ist eine
Bedingung progressiver Klima- und Antikohlepolitik die Entwicklung von
realistischen Plänen für gerechte Übergänge.

Die Antiatombewegung in den 70er- und 80er-Jahren war eine
gesamtgesellschaftliche Bewegung. Wie ist das bei der Antikohlebewegung?

In der Süddeutschen Zeitung stand drei Tage nach Ende Gelände ein flammendes
Editorial, die Antikohlebewegung sei die neue Antiatombewegung. Aber es gibt
einen zentralen Unterschied: Die Antiatombewegung war ja keine reine
Umweltbewegung, sondern auch von der Friedensbewegung getrieben. Denn
natürlich hing der Kampf um die Atomkraftwerke auch mit der Frage der
Wiederaufrüstung Europas zusammen. Es gab dieses Gefühl einer kollektiven
Bedrohung und eine ganz reale Angst. Und der Klimawandel ist halt anders.
Der fühlt sich eben nicht ganz so apokalyptisch an wie der Atomkrieg.

Welche Rolle spielen für Sie die internationalen Klimaverhandlungen?

Da gibt es eine lebhafte Debatte innerhalb der Bewegung. Es gibt ja immer
diese Pre-Cops, sektorale Vorverhandlungen, die „social Pre-Cop“ und die
„scientific Pre-Cop“. Einige haben uns die „disobedient Pre-Cop“ genannt.
Für die war Ende Gelände der ungehorsame Auftakt zu den Auseinandersetzungen
um Paris. Aber man muss sagen, dass die Leute, die Ende Gelände auf die
Beine gestellt haben, zum Großteil von Paris nichts erwarten. Aus einer
Policy-Perspektive wird Paris sicher die Parameter für die Antikohle- und
Klimaarbeit in Deutschland beeinflussen. Aber die letzten 20 Klimagipfel
waren klimapolitisch irrelevant, warum soll der 21. plötzlich wichtiger
sein? Die Relevanz der Gipfel liegt aus einer Bewegungsperspektive eher
darin, dass um sie herum internationale Kooperationen entstehen, weil das
einer der Orte ist, wo sich internationale KlimaaktivistInnen treffen.

Was sind die größten Erfolge der Bewegung und zurzeit die zentralen
Herausforderungen?

Die Erfolge der Antikohlekämpfe vor Ende Gelände waren die lokalen
Verhinderungen des Neubaus von Kohlekraftwerken oder einzelner Blöcke. Das
wurde aber auch durch die sinkenden Profitaussichten der Kohlekraftwerke
unterstützt. Die Kohleindustrie steht mit dem Rücken zum Wand, auch wenn sie
nicht von Klimaregulationen plattgemacht wird. Und Kohle rutscht halt in so
eine Schmuddelecke. Da gibt es eine diskursive Verschiebung. Aber bis diesen
Sommer gab es keine Antikohlebewegung, weil es auch keine Debatte um die
Kohle gab. Durch Ende Gelände wurde eine bundesweite gesellschaftliche
Debatte erst angestoßen und sichtbar. Seitdem ist der Begriff Kohleausstieg
auch gesellschaftlich gesetzt. Das ist der große Erfolg: die Ausweitung der
Betroffenen- und ExpertInnendebatte in eine breite gesellschaftliche
Debatte. Ein weiterer Erfolg ist das unüblich breite Bündnis: von
AnarchistInnen im Rheinland bis hin zu etablierten NGOs. Die größte
Herausforderung ist, glaube ich, dass eine Polarisierung stattfindet und
ÖkoaktivistInnen gegen Linke und Bürger gegen Arbeiter stehen, wenn es keine
Pläne für gerechte Übergänge für die Leute in den Regionen gibt. Und dann
ist die gesamte Arbeit der letzten Jahre zunichte.

Dr. Tadzio Müller ist Referent für Klimagerechtigkeit und Energiedemokratie
der Rosa-Luxemburg-Stiftung und aktiv in der Antikohlebewegung. Kontakt:
E-Mail: [email protected],
www.rosalux.de/publikationen/autorenprofil/profil_detail/tadzio-mueller




° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° 

Ende der weitergeleiteten Nachricht. Alle Rechte bei den Autor*innen. 
Unverlangte und doppelte Zusendungen bitten wir zu entschuldigen! 
Abbestellen: mailto:[email protected]?subject=unsubscribe 

° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° 

Greenhouse Infopool Berlin 
http://twitter.com/greenhouse_info 

... oder via RSS-Feed, Facebook (Beta), Mailingliste: 
http://tinyurl.com/greenhouse-feed 
http://www.facebook.com/mika.latuschek (Auswahl) 
http://listen.jpberlin.de/mailman/listinfo/greenhouse-info 



_______________________________________________
Pressemeldungen mailing list
[email protected]
https://lists.wikimedia.org/mailman/listinfo/pressemeldungen

Antwort per Email an