-----Original Message-----

Feed: Marcel Hänggi - Texte

Posted on: Thursday, October 15, 2015 5:12 PM

Author: Marcel Hänggi ([email protected])

Subject: Nachrichten aus der Parallelwelt der Klimaökonomen

 

«WOZ DIE WOCHENZEITUNG» VOM 8. OKTOBER 2015

 

Nachrichten aus der Parallelwelt der Klimaökonomen

 

Im Dezember wollen die Uno-Mitglieder in Paris einmal mehr versuchen, die
Klimakatastrophe abzuwenden. Eine wichtige Diskussionsgrundlage bietet ihnen
dabei der Bericht des Weltklimarats IPCC. Dieser sagt: Das Ziel ist
erreichbar - aber nur unter unrealistischen Annahmen. Doch was taugt die
Arbeit des hochgleobten Gremiums, wenn es um Lösungen geht?

 

VON MARCEL HÄNGGI

 

Die Uno-Klimakonferenz von Paris hat eine klare Zielvorgabe: Sie soll ein
Abkommen auf den Weg bringen, das geeignet ist, die globale Erwärmung
gegenüber vorindustriellem Niveau auf 2 Grad zu begrenzen. Diese Vorgabe
haben sich die Uno-Mitglieder vor fünf Jahren, nach dem krachenden Scheitern
der Klimakonferenz von Kopenhagen, selbst gegeben, und allenfalls soll es
auf 1,5 Grad korrigiert werden. Fast 1 Grad haben wir bereits erreicht, und
die Treibhausgase, die sich bereits in der Atmosphäre befinden, werden eine
Erwärmung um ein weiteres halbes Grad bewirken.

 

Da fragt sich, ob das Ziel überhaupt noch erreichbar sei. Manche meinen
nein. Fatih Birol etwa, der Exekutivdirektor der Internationalen
Energieagentur, hat die 2-Grad-Grenze als ein «nettes Utopia» bezeichnet
(das so nett notabene nicht wäre - schon bei 2 Grad Erwärmung wären viele
Folgen verheerend).

 

Der letzte IPCC-Bericht [1] ist 2014 erschienen, und er sagt: Ja, die zwei
Grad sind zu schaffen. Die dritte Arbeitsgruppe (WG3) des IPCC hat 1200
wissenschaftliche Zukunftsszenarien ausgewertet. Etwas über hundert davon
entwerfen eine Entwicklung, die «wahrscheinlich» zu einer Erwärmung von
weniger als zwei Grad führt. Die dafür nötigen Maßnahmen bewirken dem IPCC
zufolge bis 2100 eine «Reduktion des Konsumwachstums» um durchschnittlich
0,04 bis 0,14 Prozentpunkte pro Jahr. Das liegt weit unterhalb den üblichen
Schwankungen des Wirtschaftswachstums von Jahr zu Jahr. In der Zahl nicht
enthalten sind die vermiedenen Klimaschäden durch eine andernfalls höhere
Erwärmung. «Es kostet nicht die Welt, den Planeten zu retten», lautete denn
auch das Fazit des Ko-Vorsitzenden der WG3, des deutschen Ökonomen Ottmar
Edenhofer [2] vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung, als er den
Bericht vorstellte.

 

Eine optimistische Botschaft - allein: Das Szenario beruht auf Annahmen, die
man nur als unrealistisch bezeichnen kann. Bis 2020 muss ein striktes
weltweites Abkommen zur Senkung der Emissionen in Kraft sein. Es braucht
mehr Atomkraft, und CO2 muss in großem Stil aus der Atmosphäre entfernt und
sicher gelagert werden - aber ob das je möglich sein wird, steht in den
Sternen. Und selbst so wird eine Erwärmung um mehr als 2 Grad lediglich
«wahrscheinlich» vermieden. So heißt es denn im IPCC-Bericht selber: «Die
Annahmen, die nötig sind, um eine wahrscheinliche Chance zu erhalten, die
Erwärmung auf zwei Grad zu beschränken, sind unter Bedingungen der realen
Welt sehr schwer zu erreichen.» (Seite 114 des Berichts)

 

Dominanz ökonomischer Sichtweise

 

Müssen wir uns also in unser Schicksal ergeben? Oder sollte man, wenn man
die expliziten Annahmen des untersuchten Szenarios nicht teilen will, auch
Annahmen hinterfragen, derer sich vermutlich die meisten IPCC-Autoren selbst
nicht bewusst sind - Annahmen, die ihren Weltbildern eingeschrieben sind?

 

Ich treffe einen Autor der WG3 in seinem Büro an der ETH Zürich. Anthony
Patt [3] ist Professor für Klimaschutz und hat in der Funktion eines
«Hauptautors» am Kapitel 2 (über Risiken und Unsicherheiten der
Klimapolitik) sowie an der Zusammenfassung für Entscheidungsträger
mitschrieben. Meine erste Frage beantwortet er, bevor ich sie habe stellen
können: «Ich war als Nicht-Ökonom ein Außenseiter in der WG3.»
Nicht-ökonomische Betrachtungsweisen, hätten nur eine geringe Rolle
gespielt, und unter den Ökonomen hätten ganz klar die Neoklassiker dominiert
(vgl. Box 1 unten). «Fast alle koordinierenden Hauptautoren [die Leiter der
Autorenkollektive für die jeweiligen Kapitel] waren neoklassische Ökonomen.
Es war frustrierend.»

 

Das IPCC will «politisch relevante Informationen bieten, ohne eine bestimmte
Politik vorzuschreiben». Doch schon die Kernaussage des dritten Teilberichts
beinhaltet eine klare weltanschaulich bedingte Präferenz: Das IPCC drückt
die Kosten politischer Maßnahmen dadurch aus, um wieviel sie das Wachstum
des Konsums reduzieren - immer im Vergleich mit einer hypothetischen Welt,
in der es keine Klimapolitik, aber auch keinen Klimawandel gibt. Der
WG3-Ko-Vorsitzende Edenhofer sagt, das sei eine in der Wissenschaft
akzeptierte Methode und das IPCC bewerte ja nicht, ob die Konsumverluste zu
hoch oder zu niedrig seien. Aber genau das tut es, wenn es «Reduktion des
Konsumwachstums» mit «Kosten» gleichsetzt.

 

Nehmen wir an, ein Staat beschließe, aus Klimaschutzgründen auf den Bau
einer geplanten Straße zu verzichten. Man sparte damit nicht nur die
Baukosten, sondern weil das Verkehrsaufkommen geringer wäre, gäbe es auch
weniger Unfälle, und die Lebensqualität entlang der nicht gebauten Straße
wäre höher. Drückt man die Kosten einer politischen Maßnahme aber als
Reduktion des Konsumwachstums aus, dann muss eine solche günstige Maßnahme
als teuer erscheinen.

 

Den Klimawandel in erster Linie als Kostenfrage zu sehen, bedeutet, andere
Sichtweisen - soziologische, geopolitische, ethische, aber auch ökonomische,
die statt nach Wohlstandsmaximierung nach Wohlstandsverteilung fragen - zu
marginalisieren.

 

Sogar die Schönheit der Natur kommt vor

 

Ottmar Edenhofer lässt den Vorwurf nicht gelten. Meine Fragen beantwortet er
schriftlich und schreibt: «Ein hoch diverses Autorenteam gibt die gesamte
Bandbreite wissenschaftlich fundierter Sichtweisen wieder, auch da, wo es
Widersprüche gibt.» Über «Werte, die Entscheidungen zugrunde gelegt werden
können», habe man Transparenz hergestellt.

 

Tatsächlich enthält der jüngste IPCC-Bericht je ein Kapitel über Ethik sowie
über nachhaltige Entwicklung und Gerechtigkeit - in den ersten vier
IPCC-Berichten gab es beides noch nicht. Man kann dort unter anderem
nachlesen, weshalb gewisse Methoden zur Bewertung verschiedener
Klimapolitiken nicht viel taugen (Seiten 247ff und 313ff) - Methoden, auf
die sich die anderen Kapitel des Berichts stützen (beispielsweise Seite
448).

 

Tatsächlich findet man auf den 1400 Seiten des Teilberichts viele Aussagen,
die der Sichtweise der Wachstumsmaximierung widersprechen. Dass weniger
Konsum (Seiten 310 und 388), namentlich eine Verringerung des
Fleischverzehrs (Seite 839) und eine Förderung des Fuß- und Veloverkehrs
zulasten der Autos (Seiten 604, 620, 961) hülfen oder dass es mitunter (etwa
im Bereich der Gebäudekühlung) sinnvoller ist, sich auf jahrhundertealte
Traditionen statt auf den neuesten technischen Fortschritt zu stützen (Seite
693) - es steht alles drin. Sogar die Schönheit der Natur wird einmal
erwähnt. (Seite 222)

 

Doch all das findet meist in kurzen Abschnitten statt, und die
Analysekategorie der Macht fehlt ganz - der ökonomischen und politischen
Macht von Energiekonzernen und mit ihr verbandelter Regierungen, Wandel zu
blockieren. Die nicht-ökonomischen Sozialwissenschaften sind in der WG3
schwach, die Geisteswissenschaften marginal vertreten. Das gilt für die
Autorschaft als Ganze, es gilt aber besonders für die zwanzig bis dreißig
Autoren, die laut einer jüngst in «Nature Climate Change» publizierten
Studie [4] die Fäden ziehen - die am besten vernetzt sind und nicht selten
ihre ganze Karriere rund um das IPCC aufgebaut haben. Das Autorenteam ist
nicht so «hoch divers», wie Edenhofer sagt.

 

Das bestehende Produktionssystem retten

 

Die Neoklassik dominiert die Wirtschaftswissenschaften, aber es gibt andere
Schulen wie beispielsweise die ökologische Ökonomik. Einer der fundiertesten
Kenner der Klimapolitik und -ökonomie unter den ökologischen Ökonomen ist
Clive Spash [5] von der Wirtschaftsuniversität Wien. Spash findet den
IPCC-Bericht «sehr problematisch». Zwar glaubt er, dass das 2-Grad-Ziel noch
zu erreichen sei, ohne dass man auf unerprobte Techniken zurückgreifen
müsse. Allerdings brauche es dazu tief greifende Veränderungen. Doch «der
IPCC-Bericht handelt davon, wie das bestehende Produktionssystem über den
Klimawandel hinweg gerettet werden kann», sagt Spash.

 

Das wichtigste Arbeitsinstrument der neoklassischen Umweltökonomie ist das
Computermodell, mit dem sich verschiedene Szenarien durchrechnen und
Kosten-Nutzen-Analysen erstellen lassen. Der Kritik dieses Ansatzes hat
Spash ein ganzes Buch [6] gewidmet. Die Zukunft im Computer zu modellieren,
sei der falsche Weg: «Es ist doch Irrsinn zu glauben, man könne heute
wissen, was in hundert Jahren ‹kosteneffektiv› sein wird - schon mit einem
Zeithorizont von zwanzig Jahren wäre das unmöglich.»

 

Was müsste also geschehen? «Es gibt keine einfache Lösung», sagt Spash. «Wir
müssen den Umbau der Weltwirtschaft auf die Agenda setzen.»

 

Alle Kühe müssen von der Weide

 

Ist Spash der kritische Pessimist, so kritisiert Anthony Patt den Bericht,
an dem er mitgearbeitet hat, gewissermaßen von optimistischer Seite. Seine
Kritik ist konzilianter im Ton, kaum aber weniger hart in der Sache. Auch
Patt hält es für verfehlt, die Maximierung des Wirtschaftswachstums
anzustreben; anders als die ökologischen Ökonomie hält er ein gewisses Maß
an Wirtschaftswachstum aber sowohl für nötig wie auch für möglich.

 

Die ganze Analyse des IPCC laufe darauf hinaus, sagt Patt, dass die
Atmosphäre ein globales Gemeingut sei und der Klimawandel eine «Tragik der
Allmende» darstelle. Ein Gemeingut ist etwas, das von vielen gemeinsam
genutzt wird - wie eine Allmende, auf der alle Gemeindemitglieder ihr Vieh
weiden lassen. Mit «Tragik der Allmende» bezeichnet man eine Situation, in
der die Nutzer die Weide überbeanspruchen, was für alle nachteilig ist.
Trotzdem hat der Einzelne kein Interesse daran, seine Nutzung zu reduzieren,
solange nicht alle mitmachen. Denn er würde die Kosten seiner Verzichts
allein zu tragen haben, während sich der Nutzen auf alle verteilt. Die
Antwort der orthodoxen Ökonomie auf diese Situation besteht darin, die
Allmende zu privatisieren - oder dort, wo das nicht geht, käufliche
Nutzungsrechte auszugeben. Das Kioto-Protokoll verfolgte diesen Ansatz,
indem es den Staaten Nutzungsrechte an der Atmosphäre zuteilte und für diese
Rechte einen Markt schuf. Die Emissionshandelssysteme der EU und anderer
Staaten tun das selbe.

 

Dagegen bringt Patt einen grundsätzlichen und einen pragmatischen Einwand
vor. Der grundsätzliche: Es geht nicht darum, die Emissionen lediglich zu
reduzieren; sie müssen ganz aufhören. Es gibt kein optimales Niveau der
Nutzung der Atmosphäre als Treibhausgas-Abfalleimer, sondern es müssen,
bildlich gesprochen, alle Kühe von der Allmende verschwinden. Der
pragmatische Einwand lautet: Die internationale Klimapolitik versucht seit
zwanzig Jahren, den Klimawandel als globales Gemeingut zu verwalten - ohne
Erfolg.

 

Doch das macht Patt nicht zum Pessimisten: «Ich glaube auch, dass es ‹nicht
die Welt kostet, den Planeten zu retten›, und es braucht keine Atomkraft
oder unerprobte Techniken und nicht einmal ein bindendes globales Abkommen.
Was es braucht, ist eine Technikwende.» Patt glaubt, eine globale Wende hin
zu erneuerbaren Energien stehe bevor - und solche Wenden vollzögen sich
mitunter sehr schnell. Ein Beispiel: «Bis vor wenigen Monaten gingen fast
alle Fachleute davon aus, dass das Stromnetz gewaltig ausgebaut werden
müsse, wenn immer mehr Wind- und Sonnenenergie ans Netz geht, weil nur so
die Produktionsschwankungen zwischen den Standorten ausgeglichen werden
könnten. Doch im Juni dieses Jahres drehte der Wind plötzlich. Was war
geschehen? Eine neue, viel billigere Batterie ist auf den Markt gekommen.»

 

Das heißt für Patt aber nicht (wie für viele andere), dass wir die Arme
verschränken und auf die Fortschritte der Technik warten können. Denn häufig
hätten sich bei solchen Transformationen Techniken durchgesetzt, die auf dem
Markt zu Beginn keine Chance hatten. Der Grund dafür sind
Pfadabhängigkeiten.

 

Pfadabhängigkeiten bewirken, dass etablierte Techniken, kurzfristig
betrachtet, immer als überlegen erscheinen (vgl. Box 2 unten) - ein Umstand
übrigens, das der IPCC-Bericht an mehreren Stellen diskutiert (unter anderem
Seiten 312f). Nur mit gezielter Förderung können neue Techniken
Pfadabhängigkeiten überwinden - bis sie schließlich der alten Technik
überlegen sind und sie ablösen. Für Patt sind es Staaten wie Deutschland mit
seiner «Energiewende» oder auch Kalifornien, die den Weg weisen. Für
Emissionszahlen interessiert er sich dabei wenig: «Wenn ein Land seine
Emissionen dadurch reduziert, dass es die Energieeffizienz steigert, sorgt
es nur dafür, länger auf dem falschen Pfad bleiben zu können. Da ist ein
Land, das sich auf den Weg zur Transformation begibt, viel weiter, selbst
wenn seine Emissionen dadurch noch nicht senken.»

 

Neoklassische Modelle können mit solchem Wandel nicht umgehen, sagt Patt -
und selbst das IPCC, das selber auf solche Modelle setzt, schreibt:
«Neoklassische Modelle haben eine begrenzte Aussagekraft, um Übergänge
zwischen Entwicklungspfaden zu erklären.» (Seite 314)

 

Unfähig, echten Wandel zu fassen

 

Dass neoklassische Modelle mit plötzlichem technischem Wandel nicht umgehen
können, bestätigt auch Matthew Paterson [7]. Der Politologe der Universität
Ottawa hat sowohl als Hauptautor in der WG3 des IPCC mitgearbeitet, wie er
auch über das IPCC forscht - der oben erwähnte Artikel in «Nature Climate
Change» stammt unter anderem von ihm. «Diese Modelle betrachten den
technischen Wandel als etwas, das mit einer konstanten Rate einfach
geschieht.»

 

Patersons Kritik ist gewissermaßen noch grundsätzlicher als die von Spash
und Patt: «Das IPCC bemüht sich sehr, seine Resultate als Konsens der
Wissenschaften darzustellen. Aber Wissenschaft ist kein Konsensprojekt.
Viele Diskussionen um das IPCC verlaufen nach dem Muster: ‹Das IPCC sagt,
was geschehen müsste, aber die Politik macht nicht mit - was läuft also
falsch?› Diese Idee, dass die Wissenschaft die Wahrheit verkündet und die
Politik danach handeln sollte, ist realitätsfremd. Welche Zwänge hindern die
Menschen, zu tun, was sie für richtig halten? Zu dieser Frage wird in
Disziplinen wie Soziologie oder Humangeografie viel geforscht, und diese
Forschung ist politisch höchst relevant. Aber im IPCC fehlen ihre Einsichten
weitgehend.»

 

Die neoklassischen Modellierer, sagt Paterson, gingen von Parametern aus,
die sich mit gewissen Raten veränderten - die Zahl der geflogenen Kilometer
nimmt zu, die Zahl der Kühlschränke und so weiter, gleichzeitig sorgt der
technische Fortschritt für mehr Energieeffizienz. «Die Vorstellung einer
anderen Welt, in der die Leute anders zusammenleben, anders konsumieren,
sich mit dem Fahrrad bewegen: Das ist mit Modellrechnungen überhaupt nicht
kompatibel.»

 

Modelle müssen, wenn sie mehr sein wollen als Kaffeesatzleserei, auf
Erfahrungswerten aufbauen - wie sollten solche Modelle Gesellschaftsformen
vorhersehen können, die ganz anders sind? Aber eine Gesellschaft, die lernt,
die Umwelt zu nutzen, ohne sie zu zerstören, wird ganz anders sein müssen.

 

Wie viele Afrikaner wiegen einen Europäer auf?

 

Das IPCC genießt weit über Wissenschaftskreise hinaus einen hervorragenden
Ruf, und 2007 wurde es mit dem Friedensnobelpreis geadelt. Aber der Ruf
stützt sich hauptsächlich auf die Arbeit der ersten beiden Arbeitsgruppen,
und auch die Angriffe derer, die den Klimawandel leugnen oder verharmlosen
und das IPCC diskreditieren wollen, setzen hier an. Die dritte und mit Blick
auf eine Bewältigung des Klimawandels wichtigste Arbeitsgruppe wird
öffentlich kaum zur Kenntnis genommen.

 

Eine Auseinandersetzung, die in die breitere Öffentlichkeit ausstrahlte,
erschütterte die WG3 indes 1995. Das ist lange her, bleibt aber bezeichnend
für die Schwierigkeiten, ein globales Problem wie den Klimawandel ökonomisch
zu erfassen. Der Entwurf zum damaligen zweiten IPCC-Bericht schlug vor, den
Wert eines Menschenlebens mit 1,5 Millionen Dollar zu bewerten - falls
dieser Mensch in einem Industrieland lebe; andernfalls mit 150.000 Dollar.
Kein Wunder, hagelte es Proteste, und die Passage wurde gestrichen. Die
Anhänger ökonomischer Kosten-Nutzen-Rechnungen fühlten sich missverstanden:
Sie seien - natürlich! - nicht der Meinung, ein Mensch in Afrika seien
weniger Wert als einer in Europa. Ihre Zahlen reflektierten lediglich die
Tatsache, dass die Zahlungsbereitschaft für ein Menschenleben in reichen
Ländern höher sei als in armen. Eine solche Zahlungsbereitschaft lässt sich
etwa dadurch ermitteln, dass man fragt, wie viel mehr Lohn einem Arbeiter
bezahlt werden muss, damit er eine gefährliche Arbeit annimmt, die seine
statistische Lebenserwartung um ein Jahr reduziert, und diesen Wert dann auf
die ganze Lebensdauer hochrechnet. Und natürlich stimmt das - jeder
Lösegelderpresser weiß das (damit argumentierten die
Kosten-Nutzen-BerechnerInnen allerdings nicht). Das Problem ist, dass die
Zahlungsbereitschaft in Wirklichkeit natürlich meistens nicht misst, was
jemand zahlen will, sondern was jemand zahlen kann.

 

Oder grundsätzlicher: Es besteht ein entscheidender Unterschied zwischen den
natur- und den sozialwissenschaftlichen Teilen des IPCC-Berichts, weil es
der Atmosphäre egal ist, mit welchen Theorien die Menschen sie zu verstehen
versuchen - sie erwärmt sich unabhängig davon. Dagegen werden Wirtschaft und
Politik vom Bild, das sich eine Mehrheit der Entscheidungsträger von ihnen
macht, sehr wohl beeinflusst. Ökonomische Aussagen über globale Themen
können Werte nie bloß abbilden, ohne gleichzeitig Werte zu setzen.

 

Heute umschifft das IPCC die Klippe, indem es lediglich die Kosten
klimapolitischer Pfade ausweist und auf eine Verrechnung der Kosten mit dem
Nutzen verzichtet. Allerdings muss man auch für bloße Kostenberechnungen
Unvergleichliches miteinander verrechnen. Ottmar Edenhofer sagt, es sei
«eine unserer zentralen Botschaften, dass Werte und Tatsachen nicht zu
trennen sind.» Tatsächlich steht in der Zusammenfassung für
Entscheidungsträger der Satz: «Viele Felder klimapolitischer
Entscheidfindung involvieren Werturteile und ethische Betrachtungen.» (Seite
5). Als «zentrale Botschaft» erscheint das freilich nicht gerade.

 

Klimawandel als Demokratieproblem

 

Meine letzte Gesprächspartnerin ist Amy Dahan-Dalmedico [8] vom Centre
Alexandre-Koyré in Paris. In ihrem Buch «Les modèles du futur» [9] schreibt
die Wissenschaftshistorikerin: «Der Kern des zeitgenössischen ökonomischen
Denkens reduziert Umweltschäden auf Externalitäten, die man internalisieren
könnte, indem man ihnen einen Preis gibt.» Ein derart auf ein ökonomisches
Problem reduziertes Denken, sagt Dahan im Gespräch - und schließt sich damit
Patts, Spashs und Patersons Kritik an -, schließe die Möglichkeit, sich
wahre Alternativen vorzustellen, von vornherein aus. Die Folgerung, die sie
daraus zieht, richtet sich nicht nur an das IPCC, sondern an das ganze
«klimapolitische Regime» - an die Wissenschaften, an die Uno, an die
Regierungen, an Umweltorganisationen: «Das Thema des Klimawandels muss neu
aufgefasst werden - nämlich als eine Frage der Demokratie.»

 

--------------------------------------------------------------------------

 

Box 1: Neoklassik

 

Als neoklassisch bezeichnet man die dominierende Schule der Ökonomie.
Begründet im späten 19. Jahrhundert, hat sie vor allem nach dem 2. Weltkrieg
ihre großen Synthesen hervorgebracht. Sie ist ein in sich stringentes
Denkgebilde, das sich gut in mathematische Formeln gießen lässt - weshalb es
sich gut für Lehrbücher eignet -, und auf ein paar simplen Annahmen beruht:
etwa, dass es einen freien Markt mit vollkommener Information und ohne
marktdominierende Akteure geben könne und dass sich Menschen als rationale
NutzenmaximiererInnen verstehen ließen (das Homo-oeconomicus-Modell).

 

Das neoklassische Denkgebilde ist außerorentlich elegant; so elegant, dass
seine Anhänger dazu neigen, die Wirklichkeit und nicht ihr Modell für falsch
zu halten, wenn Wirklichkeit und Modell nicht zusammen passen. Führt der
Markt zu schädlichen Resultaten wie Umweltzerstörungen, so ist das für die
Neoklassik keine Folge des Marktfunktionierens, sondern ein «Marktversagen»,
so dass Umweltpolitik nicht bedeutet, dem Markt ein Korrektiv
entgegenzustellen, sondern, einen noch nicht perfekten Markt zu verbessern
und auch das Verhältnis zur Umwelt marktförmig zu gestalten.

 

Die Neoklassik ist eine Gleichgewichtstheorie - ihr zufolge hält der Markt
Nachfrage und Angebot stets im Gleichgewicht. Weil etwas, das im
Gleichgewicht ist, sich nicht bewegt, braucht es einen externen Treiber,
damit die Wirtschaft wächst. Diesen sieht die Neoklassik in einem außerhalb
der Wirtschaft liegenden - und potenziell unbegrenzten - «technischen
Fortschritt».

 

Der wohl einflussreichste neoklassische Umweltökonom ist William Nordhaus
von der Stanford University. Er hat als erster ein Computermodell [10]
entwickelt, das berechnet, welche Balance zwischen Anstrengungen, den
Klimawandel zu bremsen, einerseits und dem Inkaufnehmen von Klimaschäden
andererseits zum optimalen Resultat, sprich: zur höchsten
Wirtschaftsleistung führt. In seiner jüngsten Version kommt das Modell zum
Schluss, eine Erwärmung um 3,4 Grad bis 2200 sei «optimal». Unternähme man
gar nichts, würde sich das Weltklima bis 2200 zwar um 5,3 Grad erwärmen -
doch das würde lediglich Kosten von 8 Prozent des dannzumaligen
Bruttoinlandprodukts verursachen. Das zeigt, dass sich die Neoklassiker
selbst von offensichtlich absurden Resultaten nicht schrecken lassen:
Tatsächlich dürfte die Weltwirtschaft bei einer Erwärmung von 5 Grad längst
kollabiert sein.

 

--------------------------------------------------------------------------

 

Box 2: Pfadabhängigkeit (Lock-in)

 

Nach orthodox ökonomischer Auffassung bevorzugt der Markt stets die beste
Technik. Setzt sich etwas Neues nicht durch, war es eben nicht gut genug -
und mithin nicht wert, sich durchzusetzen. Man sollte ihm nicht nachtrauern
und es schon gar nicht zu fördern versuchen.

 

In der realen Welt dagegen schützen so genannte Pfadabhängigkeiten oder
Lock-ins etablierte Techniken vor Konkurrenz, selbst wenn die Konkurrenz
«besser» wäre. Ein Lock-in entsteht, wenn eine dominante Technik sich ihre
eigene Umwelt schafft - von gebauten Infrastrukturen über institutionelle
Arrangements bis zu Mentalitäten und Verhaltensmustern. Ein gutes Beispiel
ist das Auto: Seit bald hundert Jahren richten sich Straßenbau und
Siedlungsentwicklungen nach dem Auto mit Verbrennungsmotor aus, zahlreiche
Institutionen ermöglichen sein Funktionieren, und es prägt Vorstellungen von
«Mobilität» und «Fortschritt». Kein Wunder, erscheint diese Technik bei all
ihren eklatanten Nachteilen als am besten geeignet, die
Mobilitätserwartungen der Verkehrsteilnehmer zu erfüllen. Und kein Wunder,
gelingt eine Trendwende weg vom Auto am ehesten in Städten, die gebaut
waren, bevor das Auto wichtig wurde - so wie übrigens auch vielversprechende
alternative Energiesysteme gerade in peripheren Gegenden entstehen, die nie
an die Energienetze des 20. Jahrhunderts angeschlossen waren.

 

--------------------------------------------------------------------------

 

Links:

[1] http://ipcc.ch/report/ar5/index.shtml

[2] https://www.pik-potsdam.de/members/edenh

[3] http://www.cp.ethz.ch/people/person-detail.html?persid=197701

[4]
http://www.nature.com/nclimate/journal/vaop/ncurrent/full/nclimate2782.html

[5] http://www.wu.ac.at/mlgd/staff/spashc/

[6]
http://www.clivespash.org/written-and-published-works/greenhouse-economics-v
alue-and-ethics/

[7] https://socialsciences.uottawa.ca/pol/professor-profile?id=123

[8] http://koyre.ehess.fr/index.php?367

[9]
http://www.editionsladecouverte.fr/catalogue/index-Les_modeles_du_futur-9782
707150134.html

[10] http://en.wikipedia.org/wiki/DICE_model

 

View article...

http://www.mhaenggi.ch/texte/nachrichten-aus-der-parallelwelt-der-klimaokono
men

 

 

 

 

° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° 

 

Ende der weitergeleiteten Nachricht. Alle Rechte bei den Autor*innen. 

Unverlangte und doppelte Zusendungen bitten wir zu entschuldigen! 

Abbestellen: mailto:[email protected]?subject=unsubscribe 

 

° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° 

 

Greenhouse Infopool Berlin 

http://twitter.com/greenhouse_info 

 

... oder via RSS-Feed, Facebook (Beta), Mailingliste: 

http://twitter.com/greenhouse_info 

http://www.facebook.com/mika.latuschek (Auswahl) 

http://listen.jpberlin.de/mailman/listinfo/greenhouse-info 

 

 

_______________________________________________
Pressemeldungen mailing list
[email protected]
https://lists.wikimedia.org/mailman/listinfo/pressemeldungen

Antwort per Email an