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Feed: Marcel Hänggi - Texte Posted on: Thursday, October 15, 2015 5:12 PM Author: Marcel Hänggi ([email protected]) Subject: Nachrichten aus der Parallelwelt der Klimaökonomen «WOZ DIE WOCHENZEITUNG» VOM 8. OKTOBER 2015 Nachrichten aus der Parallelwelt der Klimaökonomen Im Dezember wollen die Uno-Mitglieder in Paris einmal mehr versuchen, die Klimakatastrophe abzuwenden. Eine wichtige Diskussionsgrundlage bietet ihnen dabei der Bericht des Weltklimarats IPCC. Dieser sagt: Das Ziel ist erreichbar - aber nur unter unrealistischen Annahmen. Doch was taugt die Arbeit des hochgleobten Gremiums, wenn es um Lösungen geht? VON MARCEL HÄNGGI Die Uno-Klimakonferenz von Paris hat eine klare Zielvorgabe: Sie soll ein Abkommen auf den Weg bringen, das geeignet ist, die globale Erwärmung gegenüber vorindustriellem Niveau auf 2 Grad zu begrenzen. Diese Vorgabe haben sich die Uno-Mitglieder vor fünf Jahren, nach dem krachenden Scheitern der Klimakonferenz von Kopenhagen, selbst gegeben, und allenfalls soll es auf 1,5 Grad korrigiert werden. Fast 1 Grad haben wir bereits erreicht, und die Treibhausgase, die sich bereits in der Atmosphäre befinden, werden eine Erwärmung um ein weiteres halbes Grad bewirken. Da fragt sich, ob das Ziel überhaupt noch erreichbar sei. Manche meinen nein. Fatih Birol etwa, der Exekutivdirektor der Internationalen Energieagentur, hat die 2-Grad-Grenze als ein «nettes Utopia» bezeichnet (das so nett notabene nicht wäre - schon bei 2 Grad Erwärmung wären viele Folgen verheerend). Der letzte IPCC-Bericht [1] ist 2014 erschienen, und er sagt: Ja, die zwei Grad sind zu schaffen. Die dritte Arbeitsgruppe (WG3) des IPCC hat 1200 wissenschaftliche Zukunftsszenarien ausgewertet. Etwas über hundert davon entwerfen eine Entwicklung, die «wahrscheinlich» zu einer Erwärmung von weniger als zwei Grad führt. Die dafür nötigen Maßnahmen bewirken dem IPCC zufolge bis 2100 eine «Reduktion des Konsumwachstums» um durchschnittlich 0,04 bis 0,14 Prozentpunkte pro Jahr. Das liegt weit unterhalb den üblichen Schwankungen des Wirtschaftswachstums von Jahr zu Jahr. In der Zahl nicht enthalten sind die vermiedenen Klimaschäden durch eine andernfalls höhere Erwärmung. «Es kostet nicht die Welt, den Planeten zu retten», lautete denn auch das Fazit des Ko-Vorsitzenden der WG3, des deutschen Ökonomen Ottmar Edenhofer [2] vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung, als er den Bericht vorstellte. Eine optimistische Botschaft - allein: Das Szenario beruht auf Annahmen, die man nur als unrealistisch bezeichnen kann. Bis 2020 muss ein striktes weltweites Abkommen zur Senkung der Emissionen in Kraft sein. Es braucht mehr Atomkraft, und CO2 muss in großem Stil aus der Atmosphäre entfernt und sicher gelagert werden - aber ob das je möglich sein wird, steht in den Sternen. Und selbst so wird eine Erwärmung um mehr als 2 Grad lediglich «wahrscheinlich» vermieden. So heißt es denn im IPCC-Bericht selber: «Die Annahmen, die nötig sind, um eine wahrscheinliche Chance zu erhalten, die Erwärmung auf zwei Grad zu beschränken, sind unter Bedingungen der realen Welt sehr schwer zu erreichen.» (Seite 114 des Berichts) Dominanz ökonomischer Sichtweise Müssen wir uns also in unser Schicksal ergeben? Oder sollte man, wenn man die expliziten Annahmen des untersuchten Szenarios nicht teilen will, auch Annahmen hinterfragen, derer sich vermutlich die meisten IPCC-Autoren selbst nicht bewusst sind - Annahmen, die ihren Weltbildern eingeschrieben sind? Ich treffe einen Autor der WG3 in seinem Büro an der ETH Zürich. Anthony Patt [3] ist Professor für Klimaschutz und hat in der Funktion eines «Hauptautors» am Kapitel 2 (über Risiken und Unsicherheiten der Klimapolitik) sowie an der Zusammenfassung für Entscheidungsträger mitschrieben. Meine erste Frage beantwortet er, bevor ich sie habe stellen können: «Ich war als Nicht-Ökonom ein Außenseiter in der WG3.» Nicht-ökonomische Betrachtungsweisen, hätten nur eine geringe Rolle gespielt, und unter den Ökonomen hätten ganz klar die Neoklassiker dominiert (vgl. Box 1 unten). «Fast alle koordinierenden Hauptautoren [die Leiter der Autorenkollektive für die jeweiligen Kapitel] waren neoklassische Ökonomen. Es war frustrierend.» Das IPCC will «politisch relevante Informationen bieten, ohne eine bestimmte Politik vorzuschreiben». Doch schon die Kernaussage des dritten Teilberichts beinhaltet eine klare weltanschaulich bedingte Präferenz: Das IPCC drückt die Kosten politischer Maßnahmen dadurch aus, um wieviel sie das Wachstum des Konsums reduzieren - immer im Vergleich mit einer hypothetischen Welt, in der es keine Klimapolitik, aber auch keinen Klimawandel gibt. Der WG3-Ko-Vorsitzende Edenhofer sagt, das sei eine in der Wissenschaft akzeptierte Methode und das IPCC bewerte ja nicht, ob die Konsumverluste zu hoch oder zu niedrig seien. Aber genau das tut es, wenn es «Reduktion des Konsumwachstums» mit «Kosten» gleichsetzt. Nehmen wir an, ein Staat beschließe, aus Klimaschutzgründen auf den Bau einer geplanten Straße zu verzichten. Man sparte damit nicht nur die Baukosten, sondern weil das Verkehrsaufkommen geringer wäre, gäbe es auch weniger Unfälle, und die Lebensqualität entlang der nicht gebauten Straße wäre höher. Drückt man die Kosten einer politischen Maßnahme aber als Reduktion des Konsumwachstums aus, dann muss eine solche günstige Maßnahme als teuer erscheinen. Den Klimawandel in erster Linie als Kostenfrage zu sehen, bedeutet, andere Sichtweisen - soziologische, geopolitische, ethische, aber auch ökonomische, die statt nach Wohlstandsmaximierung nach Wohlstandsverteilung fragen - zu marginalisieren. Sogar die Schönheit der Natur kommt vor Ottmar Edenhofer lässt den Vorwurf nicht gelten. Meine Fragen beantwortet er schriftlich und schreibt: «Ein hoch diverses Autorenteam gibt die gesamte Bandbreite wissenschaftlich fundierter Sichtweisen wieder, auch da, wo es Widersprüche gibt.» Über «Werte, die Entscheidungen zugrunde gelegt werden können», habe man Transparenz hergestellt. Tatsächlich enthält der jüngste IPCC-Bericht je ein Kapitel über Ethik sowie über nachhaltige Entwicklung und Gerechtigkeit - in den ersten vier IPCC-Berichten gab es beides noch nicht. Man kann dort unter anderem nachlesen, weshalb gewisse Methoden zur Bewertung verschiedener Klimapolitiken nicht viel taugen (Seiten 247ff und 313ff) - Methoden, auf die sich die anderen Kapitel des Berichts stützen (beispielsweise Seite 448). Tatsächlich findet man auf den 1400 Seiten des Teilberichts viele Aussagen, die der Sichtweise der Wachstumsmaximierung widersprechen. Dass weniger Konsum (Seiten 310 und 388), namentlich eine Verringerung des Fleischverzehrs (Seite 839) und eine Förderung des Fuß- und Veloverkehrs zulasten der Autos (Seiten 604, 620, 961) hülfen oder dass es mitunter (etwa im Bereich der Gebäudekühlung) sinnvoller ist, sich auf jahrhundertealte Traditionen statt auf den neuesten technischen Fortschritt zu stützen (Seite 693) - es steht alles drin. Sogar die Schönheit der Natur wird einmal erwähnt. (Seite 222) Doch all das findet meist in kurzen Abschnitten statt, und die Analysekategorie der Macht fehlt ganz - der ökonomischen und politischen Macht von Energiekonzernen und mit ihr verbandelter Regierungen, Wandel zu blockieren. Die nicht-ökonomischen Sozialwissenschaften sind in der WG3 schwach, die Geisteswissenschaften marginal vertreten. Das gilt für die Autorschaft als Ganze, es gilt aber besonders für die zwanzig bis dreißig Autoren, die laut einer jüngst in «Nature Climate Change» publizierten Studie [4] die Fäden ziehen - die am besten vernetzt sind und nicht selten ihre ganze Karriere rund um das IPCC aufgebaut haben. Das Autorenteam ist nicht so «hoch divers», wie Edenhofer sagt. Das bestehende Produktionssystem retten Die Neoklassik dominiert die Wirtschaftswissenschaften, aber es gibt andere Schulen wie beispielsweise die ökologische Ökonomik. Einer der fundiertesten Kenner der Klimapolitik und -ökonomie unter den ökologischen Ökonomen ist Clive Spash [5] von der Wirtschaftsuniversität Wien. Spash findet den IPCC-Bericht «sehr problematisch». Zwar glaubt er, dass das 2-Grad-Ziel noch zu erreichen sei, ohne dass man auf unerprobte Techniken zurückgreifen müsse. Allerdings brauche es dazu tief greifende Veränderungen. Doch «der IPCC-Bericht handelt davon, wie das bestehende Produktionssystem über den Klimawandel hinweg gerettet werden kann», sagt Spash. Das wichtigste Arbeitsinstrument der neoklassischen Umweltökonomie ist das Computermodell, mit dem sich verschiedene Szenarien durchrechnen und Kosten-Nutzen-Analysen erstellen lassen. Der Kritik dieses Ansatzes hat Spash ein ganzes Buch [6] gewidmet. Die Zukunft im Computer zu modellieren, sei der falsche Weg: «Es ist doch Irrsinn zu glauben, man könne heute wissen, was in hundert Jahren kosteneffektiv sein wird - schon mit einem Zeithorizont von zwanzig Jahren wäre das unmöglich.» Was müsste also geschehen? «Es gibt keine einfache Lösung», sagt Spash. «Wir müssen den Umbau der Weltwirtschaft auf die Agenda setzen.» Alle Kühe müssen von der Weide Ist Spash der kritische Pessimist, so kritisiert Anthony Patt den Bericht, an dem er mitgearbeitet hat, gewissermaßen von optimistischer Seite. Seine Kritik ist konzilianter im Ton, kaum aber weniger hart in der Sache. Auch Patt hält es für verfehlt, die Maximierung des Wirtschaftswachstums anzustreben; anders als die ökologischen Ökonomie hält er ein gewisses Maß an Wirtschaftswachstum aber sowohl für nötig wie auch für möglich. Die ganze Analyse des IPCC laufe darauf hinaus, sagt Patt, dass die Atmosphäre ein globales Gemeingut sei und der Klimawandel eine «Tragik der Allmende» darstelle. Ein Gemeingut ist etwas, das von vielen gemeinsam genutzt wird - wie eine Allmende, auf der alle Gemeindemitglieder ihr Vieh weiden lassen. Mit «Tragik der Allmende» bezeichnet man eine Situation, in der die Nutzer die Weide überbeanspruchen, was für alle nachteilig ist. Trotzdem hat der Einzelne kein Interesse daran, seine Nutzung zu reduzieren, solange nicht alle mitmachen. Denn er würde die Kosten seiner Verzichts allein zu tragen haben, während sich der Nutzen auf alle verteilt. Die Antwort der orthodoxen Ökonomie auf diese Situation besteht darin, die Allmende zu privatisieren - oder dort, wo das nicht geht, käufliche Nutzungsrechte auszugeben. Das Kioto-Protokoll verfolgte diesen Ansatz, indem es den Staaten Nutzungsrechte an der Atmosphäre zuteilte und für diese Rechte einen Markt schuf. Die Emissionshandelssysteme der EU und anderer Staaten tun das selbe. Dagegen bringt Patt einen grundsätzlichen und einen pragmatischen Einwand vor. Der grundsätzliche: Es geht nicht darum, die Emissionen lediglich zu reduzieren; sie müssen ganz aufhören. Es gibt kein optimales Niveau der Nutzung der Atmosphäre als Treibhausgas-Abfalleimer, sondern es müssen, bildlich gesprochen, alle Kühe von der Allmende verschwinden. Der pragmatische Einwand lautet: Die internationale Klimapolitik versucht seit zwanzig Jahren, den Klimawandel als globales Gemeingut zu verwalten - ohne Erfolg. Doch das macht Patt nicht zum Pessimisten: «Ich glaube auch, dass es nicht die Welt kostet, den Planeten zu retten, und es braucht keine Atomkraft oder unerprobte Techniken und nicht einmal ein bindendes globales Abkommen. Was es braucht, ist eine Technikwende.» Patt glaubt, eine globale Wende hin zu erneuerbaren Energien stehe bevor - und solche Wenden vollzögen sich mitunter sehr schnell. Ein Beispiel: «Bis vor wenigen Monaten gingen fast alle Fachleute davon aus, dass das Stromnetz gewaltig ausgebaut werden müsse, wenn immer mehr Wind- und Sonnenenergie ans Netz geht, weil nur so die Produktionsschwankungen zwischen den Standorten ausgeglichen werden könnten. Doch im Juni dieses Jahres drehte der Wind plötzlich. Was war geschehen? Eine neue, viel billigere Batterie ist auf den Markt gekommen.» Das heißt für Patt aber nicht (wie für viele andere), dass wir die Arme verschränken und auf die Fortschritte der Technik warten können. Denn häufig hätten sich bei solchen Transformationen Techniken durchgesetzt, die auf dem Markt zu Beginn keine Chance hatten. Der Grund dafür sind Pfadabhängigkeiten. Pfadabhängigkeiten bewirken, dass etablierte Techniken, kurzfristig betrachtet, immer als überlegen erscheinen (vgl. Box 2 unten) - ein Umstand übrigens, das der IPCC-Bericht an mehreren Stellen diskutiert (unter anderem Seiten 312f). Nur mit gezielter Förderung können neue Techniken Pfadabhängigkeiten überwinden - bis sie schließlich der alten Technik überlegen sind und sie ablösen. Für Patt sind es Staaten wie Deutschland mit seiner «Energiewende» oder auch Kalifornien, die den Weg weisen. Für Emissionszahlen interessiert er sich dabei wenig: «Wenn ein Land seine Emissionen dadurch reduziert, dass es die Energieeffizienz steigert, sorgt es nur dafür, länger auf dem falschen Pfad bleiben zu können. Da ist ein Land, das sich auf den Weg zur Transformation begibt, viel weiter, selbst wenn seine Emissionen dadurch noch nicht senken.» Neoklassische Modelle können mit solchem Wandel nicht umgehen, sagt Patt - und selbst das IPCC, das selber auf solche Modelle setzt, schreibt: «Neoklassische Modelle haben eine begrenzte Aussagekraft, um Übergänge zwischen Entwicklungspfaden zu erklären.» (Seite 314) Unfähig, echten Wandel zu fassen Dass neoklassische Modelle mit plötzlichem technischem Wandel nicht umgehen können, bestätigt auch Matthew Paterson [7]. Der Politologe der Universität Ottawa hat sowohl als Hauptautor in der WG3 des IPCC mitgearbeitet, wie er auch über das IPCC forscht - der oben erwähnte Artikel in «Nature Climate Change» stammt unter anderem von ihm. «Diese Modelle betrachten den technischen Wandel als etwas, das mit einer konstanten Rate einfach geschieht.» Patersons Kritik ist gewissermaßen noch grundsätzlicher als die von Spash und Patt: «Das IPCC bemüht sich sehr, seine Resultate als Konsens der Wissenschaften darzustellen. Aber Wissenschaft ist kein Konsensprojekt. Viele Diskussionen um das IPCC verlaufen nach dem Muster: Das IPCC sagt, was geschehen müsste, aber die Politik macht nicht mit - was läuft also falsch? Diese Idee, dass die Wissenschaft die Wahrheit verkündet und die Politik danach handeln sollte, ist realitätsfremd. Welche Zwänge hindern die Menschen, zu tun, was sie für richtig halten? Zu dieser Frage wird in Disziplinen wie Soziologie oder Humangeografie viel geforscht, und diese Forschung ist politisch höchst relevant. Aber im IPCC fehlen ihre Einsichten weitgehend.» Die neoklassischen Modellierer, sagt Paterson, gingen von Parametern aus, die sich mit gewissen Raten veränderten - die Zahl der geflogenen Kilometer nimmt zu, die Zahl der Kühlschränke und so weiter, gleichzeitig sorgt der technische Fortschritt für mehr Energieeffizienz. «Die Vorstellung einer anderen Welt, in der die Leute anders zusammenleben, anders konsumieren, sich mit dem Fahrrad bewegen: Das ist mit Modellrechnungen überhaupt nicht kompatibel.» Modelle müssen, wenn sie mehr sein wollen als Kaffeesatzleserei, auf Erfahrungswerten aufbauen - wie sollten solche Modelle Gesellschaftsformen vorhersehen können, die ganz anders sind? Aber eine Gesellschaft, die lernt, die Umwelt zu nutzen, ohne sie zu zerstören, wird ganz anders sein müssen. Wie viele Afrikaner wiegen einen Europäer auf? Das IPCC genießt weit über Wissenschaftskreise hinaus einen hervorragenden Ruf, und 2007 wurde es mit dem Friedensnobelpreis geadelt. Aber der Ruf stützt sich hauptsächlich auf die Arbeit der ersten beiden Arbeitsgruppen, und auch die Angriffe derer, die den Klimawandel leugnen oder verharmlosen und das IPCC diskreditieren wollen, setzen hier an. Die dritte und mit Blick auf eine Bewältigung des Klimawandels wichtigste Arbeitsgruppe wird öffentlich kaum zur Kenntnis genommen. Eine Auseinandersetzung, die in die breitere Öffentlichkeit ausstrahlte, erschütterte die WG3 indes 1995. Das ist lange her, bleibt aber bezeichnend für die Schwierigkeiten, ein globales Problem wie den Klimawandel ökonomisch zu erfassen. Der Entwurf zum damaligen zweiten IPCC-Bericht schlug vor, den Wert eines Menschenlebens mit 1,5 Millionen Dollar zu bewerten - falls dieser Mensch in einem Industrieland lebe; andernfalls mit 150.000 Dollar. Kein Wunder, hagelte es Proteste, und die Passage wurde gestrichen. Die Anhänger ökonomischer Kosten-Nutzen-Rechnungen fühlten sich missverstanden: Sie seien - natürlich! - nicht der Meinung, ein Mensch in Afrika seien weniger Wert als einer in Europa. Ihre Zahlen reflektierten lediglich die Tatsache, dass die Zahlungsbereitschaft für ein Menschenleben in reichen Ländern höher sei als in armen. Eine solche Zahlungsbereitschaft lässt sich etwa dadurch ermitteln, dass man fragt, wie viel mehr Lohn einem Arbeiter bezahlt werden muss, damit er eine gefährliche Arbeit annimmt, die seine statistische Lebenserwartung um ein Jahr reduziert, und diesen Wert dann auf die ganze Lebensdauer hochrechnet. Und natürlich stimmt das - jeder Lösegelderpresser weiß das (damit argumentierten die Kosten-Nutzen-BerechnerInnen allerdings nicht). Das Problem ist, dass die Zahlungsbereitschaft in Wirklichkeit natürlich meistens nicht misst, was jemand zahlen will, sondern was jemand zahlen kann. Oder grundsätzlicher: Es besteht ein entscheidender Unterschied zwischen den natur- und den sozialwissenschaftlichen Teilen des IPCC-Berichts, weil es der Atmosphäre egal ist, mit welchen Theorien die Menschen sie zu verstehen versuchen - sie erwärmt sich unabhängig davon. Dagegen werden Wirtschaft und Politik vom Bild, das sich eine Mehrheit der Entscheidungsträger von ihnen macht, sehr wohl beeinflusst. Ökonomische Aussagen über globale Themen können Werte nie bloß abbilden, ohne gleichzeitig Werte zu setzen. Heute umschifft das IPCC die Klippe, indem es lediglich die Kosten klimapolitischer Pfade ausweist und auf eine Verrechnung der Kosten mit dem Nutzen verzichtet. Allerdings muss man auch für bloße Kostenberechnungen Unvergleichliches miteinander verrechnen. Ottmar Edenhofer sagt, es sei «eine unserer zentralen Botschaften, dass Werte und Tatsachen nicht zu trennen sind.» Tatsächlich steht in der Zusammenfassung für Entscheidungsträger der Satz: «Viele Felder klimapolitischer Entscheidfindung involvieren Werturteile und ethische Betrachtungen.» (Seite 5). Als «zentrale Botschaft» erscheint das freilich nicht gerade. Klimawandel als Demokratieproblem Meine letzte Gesprächspartnerin ist Amy Dahan-Dalmedico [8] vom Centre Alexandre-Koyré in Paris. In ihrem Buch «Les modèles du futur» [9] schreibt die Wissenschaftshistorikerin: «Der Kern des zeitgenössischen ökonomischen Denkens reduziert Umweltschäden auf Externalitäten, die man internalisieren könnte, indem man ihnen einen Preis gibt.» Ein derart auf ein ökonomisches Problem reduziertes Denken, sagt Dahan im Gespräch - und schließt sich damit Patts, Spashs und Patersons Kritik an -, schließe die Möglichkeit, sich wahre Alternativen vorzustellen, von vornherein aus. Die Folgerung, die sie daraus zieht, richtet sich nicht nur an das IPCC, sondern an das ganze «klimapolitische Regime» - an die Wissenschaften, an die Uno, an die Regierungen, an Umweltorganisationen: «Das Thema des Klimawandels muss neu aufgefasst werden - nämlich als eine Frage der Demokratie.» -------------------------------------------------------------------------- Box 1: Neoklassik Als neoklassisch bezeichnet man die dominierende Schule der Ökonomie. Begründet im späten 19. Jahrhundert, hat sie vor allem nach dem 2. Weltkrieg ihre großen Synthesen hervorgebracht. Sie ist ein in sich stringentes Denkgebilde, das sich gut in mathematische Formeln gießen lässt - weshalb es sich gut für Lehrbücher eignet -, und auf ein paar simplen Annahmen beruht: etwa, dass es einen freien Markt mit vollkommener Information und ohne marktdominierende Akteure geben könne und dass sich Menschen als rationale NutzenmaximiererInnen verstehen ließen (das Homo-oeconomicus-Modell). Das neoklassische Denkgebilde ist außerorentlich elegant; so elegant, dass seine Anhänger dazu neigen, die Wirklichkeit und nicht ihr Modell für falsch zu halten, wenn Wirklichkeit und Modell nicht zusammen passen. Führt der Markt zu schädlichen Resultaten wie Umweltzerstörungen, so ist das für die Neoklassik keine Folge des Marktfunktionierens, sondern ein «Marktversagen», so dass Umweltpolitik nicht bedeutet, dem Markt ein Korrektiv entgegenzustellen, sondern, einen noch nicht perfekten Markt zu verbessern und auch das Verhältnis zur Umwelt marktförmig zu gestalten. Die Neoklassik ist eine Gleichgewichtstheorie - ihr zufolge hält der Markt Nachfrage und Angebot stets im Gleichgewicht. Weil etwas, das im Gleichgewicht ist, sich nicht bewegt, braucht es einen externen Treiber, damit die Wirtschaft wächst. Diesen sieht die Neoklassik in einem außerhalb der Wirtschaft liegenden - und potenziell unbegrenzten - «technischen Fortschritt». Der wohl einflussreichste neoklassische Umweltökonom ist William Nordhaus von der Stanford University. Er hat als erster ein Computermodell [10] entwickelt, das berechnet, welche Balance zwischen Anstrengungen, den Klimawandel zu bremsen, einerseits und dem Inkaufnehmen von Klimaschäden andererseits zum optimalen Resultat, sprich: zur höchsten Wirtschaftsleistung führt. In seiner jüngsten Version kommt das Modell zum Schluss, eine Erwärmung um 3,4 Grad bis 2200 sei «optimal». Unternähme man gar nichts, würde sich das Weltklima bis 2200 zwar um 5,3 Grad erwärmen - doch das würde lediglich Kosten von 8 Prozent des dannzumaligen Bruttoinlandprodukts verursachen. Das zeigt, dass sich die Neoklassiker selbst von offensichtlich absurden Resultaten nicht schrecken lassen: Tatsächlich dürfte die Weltwirtschaft bei einer Erwärmung von 5 Grad längst kollabiert sein. -------------------------------------------------------------------------- Box 2: Pfadabhängigkeit (Lock-in) Nach orthodox ökonomischer Auffassung bevorzugt der Markt stets die beste Technik. Setzt sich etwas Neues nicht durch, war es eben nicht gut genug - und mithin nicht wert, sich durchzusetzen. Man sollte ihm nicht nachtrauern und es schon gar nicht zu fördern versuchen. In der realen Welt dagegen schützen so genannte Pfadabhängigkeiten oder Lock-ins etablierte Techniken vor Konkurrenz, selbst wenn die Konkurrenz «besser» wäre. Ein Lock-in entsteht, wenn eine dominante Technik sich ihre eigene Umwelt schafft - von gebauten Infrastrukturen über institutionelle Arrangements bis zu Mentalitäten und Verhaltensmustern. Ein gutes Beispiel ist das Auto: Seit bald hundert Jahren richten sich Straßenbau und Siedlungsentwicklungen nach dem Auto mit Verbrennungsmotor aus, zahlreiche Institutionen ermöglichen sein Funktionieren, und es prägt Vorstellungen von «Mobilität» und «Fortschritt». Kein Wunder, erscheint diese Technik bei all ihren eklatanten Nachteilen als am besten geeignet, die Mobilitätserwartungen der Verkehrsteilnehmer zu erfüllen. Und kein Wunder, gelingt eine Trendwende weg vom Auto am ehesten in Städten, die gebaut waren, bevor das Auto wichtig wurde - so wie übrigens auch vielversprechende alternative Energiesysteme gerade in peripheren Gegenden entstehen, die nie an die Energienetze des 20. Jahrhunderts angeschlossen waren. -------------------------------------------------------------------------- Links: [1] http://ipcc.ch/report/ar5/index.shtml [2] https://www.pik-potsdam.de/members/edenh [3] http://www.cp.ethz.ch/people/person-detail.html?persid=197701 [4] http://www.nature.com/nclimate/journal/vaop/ncurrent/full/nclimate2782.html [5] http://www.wu.ac.at/mlgd/staff/spashc/ [6] http://www.clivespash.org/written-and-published-works/greenhouse-economics-v alue-and-ethics/ [7] https://socialsciences.uottawa.ca/pol/professor-profile?id=123 [8] http://koyre.ehess.fr/index.php?367 [9] http://www.editionsladecouverte.fr/catalogue/index-Les_modeles_du_futur-9782 707150134.html [10] http://en.wikipedia.org/wiki/DICE_model View article... http://www.mhaenggi.ch/texte/nachrichten-aus-der-parallelwelt-der-klimaokono men ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° Ende der weitergeleiteten Nachricht. Alle Rechte bei den Autor*innen. 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