Der Standard
http://derstandard.at/2000024349372/

27. Oktober 2015

Aktivisten kündigen Protest bei UN-Klimakonferenz an

Die Aktionen sollen einen Umfang haben, wie ihn Klimaveranstaltungen bislang
nicht gesehen haben

ARTHUR NESLEN, THE GUARDIAN

Nach zwei bunten, als "Climate Games" (Klimaspiele) titulierten
Protestwochen, werden tausende Teilnehmer zu den Blockaden "roter Linien"
während des Pariser Klimagipfels erwartet. Tausende von Klima-Aktivisten
haben angekündigt einen der größten UN Klimagipfel in Paris mit Aktionen zu
blockieren, von denen sie selbst behaupten, Europa sie in diesem Ausmaß
bislang noch nicht gesehen.

Grassroot-Gruppen wie 350.org [1] oder Attac France stehen hinter den
"Climate Games" zu dieser herausragenden Klimakonferenz im Dezember. Die
Proteste beinhalten auch zehn Blockaden, die sogenannten "roten Linien"
zugeordnet werden können. Diese möglichen Konfliktpunkte könnten, so die
Befürchtung der NGOs, von den Unterhändlern der nahezu 200 Länder, die auf
dem Gipfel vertreten sind, überschritten werden.

Die Regierungen treffen sich in der französischen Hauptstadt, um eine
Einigung über die Aktionen zum Klimawandel [2] für die Zeit nach 2020 zu
erreichen. Frühere Pläne der Aktivisten, die Vertreter zum Beispiel am
Verlassen des Gipfels zu hindern, bis eine endgültige Einigung über die
Reduzierung der Emissionen erreicht wird, wurden jedoch wieder fallen
gelassen.

"Die Idee der roten Linien findet die richtige Balance zwischen 'Macht den
Laden zu!' und 'Macht endlich eure Arbeit'", sagt Autorin Naomi Klein dem
Guardian. "Ich glaube außerdem, dass damit auch die Berichterstattung
beeinflusst werden kann - ein kritischer Punkt, wenn die Regierungen
versuchen sollten ein schlechtes Ergebnis als Erfolg zu verkaufen", so
Klein.

Mindestvoraussetzungen für lebenswerten Planeten

Am letzten Tag des Gipfels, dem 11. oder 12. Dezember, werden tausende
Menschen am Konferenzort in Le Bourget mit aufblasbaren roten Linien
erwartet, sagte John Jordan, Künstler und prominenter Aktivist. Er ergänzt:
"Es geht nicht darum, die Gipfelteilnehmer einzusperren, sondern darum mit
Aktionen des zivilen Ungehorsams Straßen und Infrastruktur zu blockieren,
wenn sie rote Linien überschreiten, die die Mindestvoraussetzungen für einen
lebenswerten Planeten sind."

Die Demonstranten können sich die roten Linien, denen sie sich anschließen
wollen, aussuchen: Dabei kann es sich etwa um eine gerechte Verteilung der
Klimafinanzierung für arme Länder oder eine sinnvolle Reduzierung der
Emissionen handeln. "Es wird die größte von zivilem Ungehorsam geprägte
Massenveranstaltung zur Klimagerechtigkeit werden, die Europa je gesehen
hat", meint Prayal Parekh, eine Aktivistin von 350.org.

Auftakt 29. November

Ein voraussichtlich riesiger Demonstrationszug wird die Proteste am 29.
November einleiten. Zu diesem Zeitpunkt werden auch die Regierungschefs zum
Gipfel eintreffen. Die Demo ist ein Versuch an den "People’s Climate March",
der letztes Jahr 300.000 Menschen auf die Straßen New Yorks brachte,
anzuknüpfen. Große Umweltgruppen wie Greenpeace und WWF organisieren sie
zusammen mit der Online-Kampagnen-Gruppe Avaaz, Gewerkschaften und religiös
motivierten Gruppen.

Danach beginnen die sogenannten Climate Games. Aktivisten können sich anonym
für die Teams registrieren und dann für die zweiwöchige Dauer Ziele für
direkte gewaltfreie Aktionen herunterladen. Während der Gipfel weitergeht,
sollen die Spiele mit einer Mischung an Protesten, Street Art und Aktionen
die Aufmerksamkeit erregen.

Gespräche mit Anonymous

"In jedem Fall hat es auch Gespräche mit Anonymous gegeben", sagte eine
Quelle der Aktivisten. Ich weiß, dass die Aktivisten der Climate Games mit
ihnen gechatted haben, aber ich weiß nicht, ob daraus bislang irgendwelche
konkreten Pläne entstanden sind."

Auch eine Geschäftskonferenz, Solutions COP21, an der unter anderem Engie
(zuvor GDF Suez), Renault Nissan, Suez Environment und L'Oreal teilnehmen,
kommt als eines der Ziele in Frage. In einem internen, als "Aktionskonsens"
bezeichneten Papier, das dem Guardian vorliegt, vereinbarten Kampagne-Träger
und Gewerkschaften, sich jedem Versuch zu widersetzen, "unsere Mobilisierung
für reaktionäre, nationalistische oder gewalttätige Ziele ausnutzen zu
lassen".

Parekh wies auch darauf hin, dass gewaltfreie Aktionen überlebenswichtig
sind. "Ich bin aus Indien, und über zivilen Ungehorsam erlangte mein
Heimatland seine Unabhängigkeit", sagte sie. "Jetzt stehen wir an einem
Wendepunkt, der uns die Möglichkeit eröffnet, den fossilen Brennstoffen den
Rücken zu kehren und unsere Gesellschaft etwas gerechter zu machen und ich
möchte diese Gelegenheit für eine bessere Zukunft nicht verstreichen lassen.
Ich möchte nicht wieder über den heißesten Sommer aller Zeiten oder Inseln,
die im Pazifik verschwinden lesen müssen", sagt die 350.org-Aktivistin.
(Arthur Neslen, The Guardian, Oktober 2015)

Übersetzung: Christoph Maier - VoxEurop

[1] http://350.org/ 
[2] http://derstandard.at/r1937/Klimawandel 

Hintergrund

Dieser Artikel wurde mit freundlicher Genehmigung des "Guardian"
veröffentlicht und ist Teil einer internationalen Medienkooperation zum
Thema Klimawandel.
http://derstandard.at/2000016182993/

Weitere Informationen zur Medienkooperation
http://www.theguardian.com/environment/series/keep-it-in-the-ground

Der Artikel ist Teil der "Keep It In The Ground"-Serie.




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