DIE ZEIT
http://www.zeit.de/wirtschaft/2015-12/energiewende-erfolg

Keine Angst vor der Energiewende

Die Energiewende funktioniert, wenn man will: Eine Studie von über 100
Experten kommt zum Schluss, dass dafür kein Stromtransport vom Norden in den
Süden notwendig ist

Von Fritz Vorholz

10. Dezember 2015

Wissenschaft lebt vom Streit, normalerweise. Es ist deshalb bemerkenswert,
wenn sich drei Wissenschaftsakademien einvernehmlich zu einem der größten
industriepolitischen Projekte äußern. Vor allem, wenn sie obendrein zu dem
Ergebnis kommen, dass es für dieses Vorhaben mehr als nur eine Blaupause
gibt, dass also ein bestimmter Weg keineswegs alternativlos ist, wie
Politiker gern glauben machen. Ist es eben nicht, so der Tenor einer
aktuellen Stellungnahme [1] der Nationalen Akademie der Wissenschaften
Leopoldina, der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften acatech und der
Union der deutschen Akademien der Wissenschaften: Die Energiewende kann ganz
unterschiedliche Formen annehmen, jedenfalls in puncto Stromversorgung. Sie
würde sogar laut der Drei-Akademien-Expertise, an der mehr als 100 Experten
aus allen Bereichen von Wissenschaft und Wirtschaft mitgewirkt haben, auch
ohne den Transport großer Strommengen von Nord nach Süd durch umstrittene
Hochspannungskabel funktionieren: dezentral - selbst ohne
Offshore-Windparks.

Die Botschaft kommt zu einem Zeitpunkt, da die Auseinandersetzung um die
Energiewendepolitik wieder härter wird. Zwar wird in Paris gerade über eine
Abmachung zum weltweiten Klimaschutz verhandelt. Doch die Expertenkommission
zum Monitoring der hiesigen Energiewendepolitik hat der Regierung vor Kurzem
bescheinigt, dass ihr Klimaschutzziel in immer weitere Ferne rückt. Aus den
Reihen der Wind- und Solarenergiebranche werden derweil Stimmen laut, die
vor dem Ausbremsen der Energiewende warnen und davor, Bürgerenergieprojekte
durch Ausschreibungsverfahren unattraktiv zu machen.

Unbezahlbar oder technisch unmöglich - wer in Zukunft noch solche Bedenken
gegen die Energiewende vorbringt handelt sich jedenfalls den Ruf eines
unverbesserlichen Ignoranten ein. Die Stromversorgung der Zukunft lässt sich
ohne jeden Treibhausgasausstoß organisieren. Die Studie legt sogar nahe,
dieses Ziel anzupeilen - und nicht nur, wie von der Regierung bisher
geplant, eine Emissionsminderung um "mindestens 80 Prozent". Begründung: Der
Stromsektor lässt sich besonders einfach dekarbonisieren, anders als nach
heutigem Wissen der Wärme- und der Verkehrssektor.

"Es gibt keinen Grund, Angst vor der Energiewende zu haben", sagt Dirk Uwe
Sauer [2], Professor für Energiewandlung und -speicherung an der RWTH
Aachen, einer der drei Leiter der Studie. Tatsächlich halten sich danach die
Zusatzkosten einer vollkommen CO2-freien Stromversorgung in Grenzen, die
Erzeugung einer Kilowattstunde Strom wäre um das Jahr 2050 sogar billiger
als nach dem Abschalten des letzten Atommeilers in rund zehn Jahren -
vorausgesetzt, die Elektrizität wird überwiegend mithilfe von immer billiger
werdenden Wind- und Fotovoltaikanlagen erzeugt. Die Berechnungsmethoden und
die verwendeten Eingangsdaten zu allen Technologien werden in der Studie
offengelegt.

Selbst wenn Wind- und Solaranlagen deutlich mehr Strom erzeugen können als
gebraucht wird, könne dies eine "interessante Option" darstellen, heißt es
in der Studie. Der Grund: Der Überschussstrom ließe sich in speicherbaren
Wasserstoff umwandeln, der bei Bedarf wieder in Strom zurückverwandelt
werden kann. Dann, wenn die grünen Kraftwerke mangels Sonne und Wind längere
Zeit nichts liefern. Ohne regenerativ gewonnenen Wasserstoff müsste in
Zeiten solcher "Dunkelflauten" Strom aus Biogas erzeugt und der dafür
notwendige Rohstoff im großen Stil durch den Anbau von Energiepflanzen
gewonnen werden. Das ist unter anderem wegen der Umweltrisiken schon heute
hochumstritten. Zudem buhlen auch die chemische Industrie, der Mobilitäts-
und der Wärmesektor um die begrenzte Ressource Biomasse.

Stromversorgung kann stark dezentral erfolgen

Neben den langen Dunkelflauten müssen aber auch kurzfristige Schwankungen
des Stromverbrauchs sowie der Solar- und Windstromerzeugung ausgeglichen
werden. Laut der Studie kann dafür vor allem ein flexibles Management von
Stromverbrauchern und Energiespeichern in Haushalten und Industrie
beitragen: die gemeinschaftliche Nutzung von Batteriespeichern in Häusern
mit Fotovoltaikanlagen, intelligentes Lademanagement von Elektrofahrzeugen
und die Nutzung der Wärmespeicher von Heizungs- und Warmwasseranlagen.

Biogas oder Wasserstoff - trotz Solar- und Windenergienutzung werden auch in
Zukunft noch Feuer und Dampf gebraucht, um die Stromversorgung 365 Tage rund
um die Uhr zu sichern. Fragt sich nur welche konventionelle Technik zum
Einsatz kommt. Selbst die Braunkohle könnte noch eine Zukunft haben, würde
das bei der Verbrennung entstehende CO2 abgeschieden und unterirdisch
gelagert. Allerdings fehlt in Deutschland die Akzeptanz dafür. Auch Erdgas,
das vergleichsweise emissionsarm verbrennt, könnte für die notwendige
Flexibilität sorgen; die Importabhängigkeit würde dann allerdings steigen.

Rein technisch würde selbst die Stromerzeugung mittels Nutzung von Erdwärme
als Ausgleich für die fluktuierende Wind- und Solarstromerzeugung dienen
können; wirtschaftlich wäre das indes nur, wenn die Kosten des Verfahrens
drastisch sinken. Jedenfalls gibt es mehr als eine Möglichkeit, Blackouts zu
vermeiden. Eine zentrale Rolle werden Turbinen und Kraftwerke spielen, die
variabel mit Erdgas, Biogas, Wasserstoff oder Methan betrieben werden
können. Ihr Bau könne deshalb schon heute als sinnvoll angesehen werden,
müsste allerdings "über geeignete Marktmechanismen sichergestellt werden",
heißt es in der Expertise. Warum? Weil ihre Betreiber in den wenigen Stunden
des Jahres, in denen die Anlagen gebraucht werden, die Investitionskosten
wohl kaum über die Erlöse beim Stromverkauf refinanzieren können.

Für besonderen Gesprächsstoff dürfte sorgen, dass die drei Akademien sich
nicht das Mantra zu eigen machen, nur der umstrittene Transport großer
Mengen in Norddeutschland und sogar auf hoher See erzeugten Windstroms gen
Süden könne die Energiewende zu einem erfolgreichen Projekt werden lassen.
Falsch. "Die Stromversorgung kann auch stark dezentral organisiert sein,
sofern der Ausbau von Wind und Photovoltaik in allen Teilen Deutschlands
erfolgt...", heißt es in ihrer Studie.

Die Kosten pro Kilowattstunde würden zwar dann um gut zehn Prozent steigen.
Aber womöglich wäre das ja der Preis für etwas mehr Akzeptanz bei den
Bürgern.

[1] http://www.acatech.de/flexibilitaetskonzepte-2050
[2] http://www2.isea.rwth-aachen.de/de/content/mitarbeiter-0




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