Deutschlandfunk
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China

Das Ende der Nomaden 
oder 
die Entstehung einer Öko-Katastrophe

In China spielt sich eine beispiellose Umweltkatastrophe ab. Jedes Frühjahr
verdunkeln Staubstürme den Norden des Landes und jährlich nehmen sie zu.
Ursache ist die Zwangsansiedlung nationaler Minderheiten wie Tibeter oder
Mongolen, die über Jahrhunderte mehrheitlich als Nomaden lebten

Von Tom Lessokallow

"Über dem Norden Chinas ist ein schwerer Sandsturm hinweggefegt. In mehreren
Städten führte er zu starken Sicht- und Verkehrsbehinderungen. In Peking
verfärbte sich die Skyline orange."

Der Nachrichtenkanal Euronews am 15. April 2015.

"Fahrzeuge schalteten Nebelscheinwerfer ein, um überhaupt noch Sicht zu
haben. Viele Fußgänger legten Atemschutzmasken an, um sich vor dem Staub zu
schützen. Auch in der benachbarten Provinz Hebei kam es zum ersten Sandsturm
dieses Jahres, die Sichtweite war auf siebenhundert Meter begrenzt. Es kam
zu Stromausfällen, Verkehrschaos, die Arbeit auf den Ölfeldern in der Region
musste unterbrochen werden."

95 Prozent der Bevölkerung Chinas leben auf jenem Viertel des Staatsgebiets,
das innerhalb der großen Mauer liegt. Hier finden wir die Reisfelder und
Pagoden, Bambushaine und Metropolen, die für uns das Reich der Mitte
ausmachen. Der Rest des Landes besteht überwiegend aus sehr dünn besiedeltem
Hochland. Es beginnt auf sechshundert Metern im Nordosten, an der Grenze zu
Russland und erreicht im Südwesten das tibetische Plateau. Ein großer Teil
dieser riesigen Gebiete sind Wüste oder unbewohntes Hochgebirge. Überall
sind die klimatischen Bedingungen so hart, dass mit wenigen Ausnahmen kein
Ackerbau möglich ist. Die Winter sind lang und das Klima so trocken, dass
kaum Bäume, sondern nur Gräser gedeihen. Im Nordosten, an der Grenze zu
China und der Mongolei findet man gewaltige Steppen und in Tibet die größten
alpinen Grasländer der Erde. Seit alters her wird dieses Grasland von
Nomaden genutzt. Die meisten sind Mongolen oder Tibeter. Doch ihr Land
verdirbt. Überall in den Grasländern Chinas nimmt die Vegetation ab. Eine
verheerende Erosion ist die Folge. Am sichtbarsten ist dieser Prozess im
Norden Chinas.

Jayne Belnap: "Die Staubstürme haben seit den sechziger Jahren zugenommen,
wie wir auf den Satellitenaufnahmen erkennen können."

Jayne Belnap ist eine energische Frau Ende fünfzig. Die Amerikanerin ist
eine der weltweit führenden Experten für das Ökosystem Steppenlandschaft.
Mehrmals hat sie in China geforscht: "Ich habe mit jemanden von der NASA
gesprochen, der sagte, früher seien sie sehr aufgeregt gewesen, wenn sie
einmal einen Staubsturm erblickten und zehn Jahre später war es eine
Sensation, wenn es keinen Staubsturm gab. In Peking haben sie jetzt das
halbe Jahr über erhöhte Partikelzahlen in der Luft. Eine Million Tonnen
Staub wird jedes Jahr durch die Stadt geweht, was enorme Gesundheits- und
ökonomische Probleme verursacht. Und es wird noch schlimmer werden."

In Südkorea und Japan haben die Beschwerden über den Staub aus China so
zugenommen, dass China 2002 einwilligen musste, mit Vertretern der
Parlamente beider Länder eine trilaterale Kommission einzurichten. Doch
geändert hat sich nichts. Der Staub erreicht mittlerweile die Westküste der
Vereinigten Staaten. Im Death Valley östlich von Los Angeles ist an manchen
Tagen die Sichtweite deutlich eingeschränkt. Jayne Belnap gehört zu einer
Gruppe Wissenschaftler, die sich mit den Ursachen beschäftigt hat. "Auf
Satellitenaufnahmen sieht man diesen riesigen Unterschied zwischen der
Äußeren und der Inneren Mongolei und wir fragten uns, woher kommt das?"

Die chinesische Provinz "Innere Mongolei" ist vier Mal so groß wie
Deutschland, hat aber nicht einmal die Hälfte der Bevölkerung. Sie liegt im
Norden Chinas und grenzt an den mongolischen Staat, den man traditionell
"Äußere Mongolei" nennt. Hier wie dort lebt die Bevölkerung von der
Viehzucht, denn die natürlichen Bedingungen lassen keinen Ackerbau zu.
Niederschlag fällt nur im Sommer und zwar so wenig, dass nur Gräser, aber
keine Bäume wachsen. Außerdem ist das Klima auf der mongolischen Hochebene
streng kontinental. Im Sommer ist es brütend heiß, ab Oktober herrscht
Dauerfrost und im Winter sinken die Temperaturen auf unter minus 50 Grad
Celsius. Die nördlichsten Wüsten und der südlichste Permafrost der Welt
liegen hier. Jayne Belnap: 

"Direkt an der Grenze war die Biomasse in der Inneren Mongolei viel
geringer, als in der Äußeren Mongolei. Das Gras war viel kürzer und
spärlicher in der Inneren Mongolei und viel länger und dichter in der
Äußeren Mongolei. Weder der Boden kam als Ursache dafür in Frage noch das
Klima, weil das direkt an der Grenze war. Auch die Zahl der Tiere
unterschied sich nicht wesentlich. Es musste die Landnutzung sein. Die
politische Grenze machte den Unterschied aus. Auf der einen Seite lebten
Nomaden, die immer in Bewegung blieben. Die Viehhalter auf der anderen Seite
waren sesshaft und nutzten ein- und dasselbe Stück Land wieder und wieder."

In den innerasiatischen Steppengebieten hat sich in Jahrtausenden eine
hochkomplexe Form der mobilen Viehhaltung entwickelt. Um den spärlichen
Pflanzenwuchs möglichst optimal zu nutzen, ziehen die Viehzüchter von der
Frühjahrs- auf die Sommer-, dann auf die Herbst-, und schließlich auf die
Winterweide. Dabei beachten sie die verschiedenen Böden, die je nach
Jahreszeit und Tierart verschiedene Vorteile haben. Manche Weiden sind nur
für Kamele geeignet, andere nur für Schafe. Pferde kann man nach Schafen
weiden lassen, doch nie Schafe nach Pferden.

"Im unabhängigen Staat Mongolei hat man diese Art der Landnutzung im
Wesentlichen beibehalten. In der benachbarten chinesischen Provinz "Innere
Mongolei" wurde vor dreißig Jahren ein folgenschwerer Beschluss gefasst. Die
Nomaden sollten nicht länger herumziehen. Jede Familie wurde gezwungen, sich
ein Stück Land einzuzäunen. Das Weideland sollte so intensiv genutzt werden,
wie das Ackerland im eigentlichen China. Jayne Belnap über die Folgen:

"Theoretisch hört sich das gut an, aber in einer semiariden Landschaft mit
sehr variablem Niederschlag reicht in vielen Jahren ein kleines Stück Land
nicht aus, um die Tiere am Leben zu halten. Kein Grasland dieser Erde könnte
diesem Druck standhalten. Grasländer überall auf der Welt gedeihen unter
Herden, die immer in Bewegung sind. Einmal sind sie hier und dann sind sie
wieder weg und kommen erst nach Monaten zurück. Wenn man Land privatisiert,
müssen sie an einem Fleck bleiben. Welche Wahl haben die Viehzüchter? Sie
halten die Anzahl von Tieren, die sie zum Überleben brauchen und das Land
wird immer schlechter. In einer Gegend mit starken Regenfällen sind diese
meist auch zuverlässig. Aber aride und semiaride Landschaften haben von
Natur aus sehr variable Niederschläge. Das bedeutet, in manchen Jahren fällt
sehr viel Regen, in anderen weniger. Es gibt kaum Jahre mit
durchschnittlichen Regenfällen. Da müssen die Bewohner die Möglichkeit
haben, umherzuziehen."

Jayne Belnaps Haltung ist Konsens unter westlichen Wissenschaftlern. Doch in
China noch lange nicht.

"Interessant ist, dass die chinesischen Professoren von der staatlichen
Universität der inneren Mongolei die Sache ganz anders sehen."

Troy Sternberg von der Universität in Oxford hat seine Doktorarbeit über
Landnutzung in den Trockengebieten Innerasiens geschrieben. Zweimal war er
längere Zeit zu Gast in der geografischen Abteilung der Universität von
Hohot in der gleichnamigen Hauptstadt der Provinz Inneren Mongolei: "Meinem
Eindruck nach hat die Ausbreitung der Wüste die Kollegen dort nicht wirklich
interessiert. Es ging nur darum, was man heute produziert, ohne Perspektive
für die kommenden fünf oder zehn Jahre, was für Auswirkungen das alles haben
wird. Aber die Viehzüchter müssen machen, was man ihnen sagt. So wurden zum
Beispiel einer Familie, die ich besucht habe, Milchkühe aus Australien
aufgezwungen. Jetzt leben diese Milchkühe aus dem gemäßigten Klima
Australiens in der Gobi mit ihren extrem kalten Wintern. Der Viehzüchter hat
zwanzig Kühe und soll davon seinen Lebensunterhalt bestreiten. Egal ob die
Bedingungen dafür geeignet sind oder nicht. Er muss Milch abliefern."

Australische Milchkühe in einem Land, wo die Wintertemperaturen regelmäßig
dreißig Grad minus unterschreiten. Das ist ein Extrembeispiel für die Art
und Weise, wie die chinesische Politik die natürlichen Bedingungen in den
Steppengebieten des Landes ignoriert.

Von einer Änderung dieser fatalen Herangehensweise kann keine Rede sein.
Stattdessen hat die chinesische Regierung einen neuen Schuldigen gefunden:
Die Nomaden, deren traditionelle Lebensweise man zerstört hat, sind
angeblich unfähig das Land so zu bewirtschaften, dass es intakt bleibt. Also
müssen sie und ihre Tiere verschwinden, wenn man Peking vor weiteren
Staubstürmen bewahren will. Weite Steppengebiete werden radikal entvölkert,
die Nomaden sollen Stadtmenschen werden.

Begleitet wird diese Politik von salbungsvollen Jubelartikeln. Präsentiert
werden glückliche Nomaden, die jetzt endlich in richtigen Häusern leben und
Partei und Regierung nicht genug preisen können. Doch wovon sollen die
ehemaligen Viehzüchter leben? Auch da weiß die Staatspropaganda Antwort. Zum
Beispiel schreibt die Tageszeitung China Daily am 28. Mai 2013 unter der
Schlagzeile: "Das Nomadentum wendet sich dem Tourismus zu."

Obwohl Millionen Einwohner der Inneren Mongolei seit tausenden Jahren von
der Viehzucht gelebt haben, wird sich die Region mehr auf den Tourismus
verlassen, um die Lebensqualität und die Ökologie zu verbessern. Der
Tourismus wird eine neue Möglichkeit für die Viehzüchter sein, die sich
jetzt ansiedeln müssen, um Überweidung zu vermeiden und das Grasland zu
schützen.

Der Artikel ist typisch für die Ignoranz der Staatsmedien. Dass die Nomaden
längst nicht mehr umherziehen können, weil das Land privatisiert und
eingezäunt wurde, wird nirgends erwähnt. Und schon gar nicht, dass erst
diese Zerteilung des Landes zu der Katastrophe geführt hat. Nur angedeutet
wird die Lösung der chinesischen Politik: Die radikale Entvölkerung der
ehemaligen Nomadenregionen.

August 2013. Wir sind am Südrand der Wüste Gobi in einem Landkreis namens
Abag Banner in der chinesischen Provinz Innere Mongolei. Abag Banner ist
größer als das Bundesland Hessen, hat aber nur vierzigtausend Einwohner.

Um uns herum sind Frauen, die Kamele melken und Hirten, die eine Schafherde
zusammentreiben. Diese Szene könnte sich auch im benachbarten Staat Mongolei
abspielen. Zumindest auf den ersten Blick. Bei genauerem Hinsehen wird der
Unterschied deutlich. Es fehlen die Jurten, die charakteristischen Filzzelte
der Nomaden. Stattdessen sehen wir ärmliche, zusammenfallende Lehmhütten.
Und überall Zäune. Moderne, teure Drahtzäune.

Abag Banner ist eines der letzten Gebiete im chinesischen Teil der Gobi, wo
noch Kamele gehalten werden. Überall sonst ist die Kamelzucht längst
abgeschafft. Kamele passen nicht in die neue Welt der Landaufteilung der
chinesischen Regierung.

"Es ist widersinnig, die Weiden aufzuteilen. Die Kamele brauchen große
Weideflächen. Man kann Kamele nicht auf kleinen Flächen halten. Auf diese
Weise werden die Kamele ausgerottet. Trotzdem wird das bei uns so gemacht."

Batbayaar ist ein großer Mann mongolischer Herkunft. Er hat graue Haare, ist
weit über sechzig und strahlt eine natürliche Autorität aus. Batbayaar ist
ein Pseudonym. Der pensionierte Beamte will seinen wahren Namen nicht
genannt wissen. Es ist zu gefährlich der staatlichen Propaganda zu
widersprechen.

"Man hat den Nomaden gesagt, bis Ende des Jahres dürfen keine Tiere mehr in
der Gobi gehalten werden. Deswegen haben sie letztes Jahr angefangen, ihre
Tiere billig zu verkaufen. Nur wenige Leute dürfen in der Gobi bleiben. Der
Rest muss in die Stadt ziehen. Man hat den Nomaden gesagt, was du dann dort
machst, ob du Handlanger wirst oder eine andere Arbeit findest, ist deine
Sache."

Wir treffen Batbayaar in der Stadt Schilin Gol. Dort wird der Landkreis Abag
Banner verwaltet. Der Ex-Beamte war viele Jahre Mitglied der kommunistischen
Partei und hat immer noch Verbindungen zur Führung der Provinz.

"Die Nomaden befinden sich in einer verzweifelten Lage. Einige von ihnen
sind hierher gekommen und haben um Hilfe gebeten. Egal wie. Ich habe dies
nach oben weiter gegeben. Von dort hieß es, ihr altes Leben habe keine
wissenschaftliche Grundlage. Nur der Eintritt in die Moderne könne sie
retten. Wir werden Euch helfen, sagt man den Nomaden, aber ihr müsst euer
altes Leben aufgeben."

Batbayaar ist selbst als Nomade aufgewachsen und hat später Botanik
studiert. Er glaubt nicht, dass die Politik der Regierung erfolgreich sein
wird.

"Dieses Gebiet hat man zur Schutzzone erklärt und glaubt, so die Staubstürme
in Peking zu verhindern. Sie denken, dass die Tiere der Weide schaden. Man
weiß nicht, dass die Kamele und die Vegetation zusammengehören. Die
Vegetation nützt den Kamelen und die Kamele befördern das Wachstum der
örtlichen Pflanzen."

Batbayaar zögert, genauer zu erklären, welche Leute in der Hierarchie diese
verhängnisvollen Entscheidungen treffen. Ein Freund von ihm, gleichfalls
ethnischer Mongole und studierter Botaniker, hat weniger Hemmungen.

"Jahrelang haben wir uns mit diesen Fragen beschäftigt und sind zu dem
Schluss gekommen, dass diese Entwicklung kulturelle Ursachen hat. Wir haben
hier den Zusammenstoß einer nomadischen mit einer Ackerbautradition. Das
Hauptproblem ist, dass man das Land nach chinesischem Muster aufgeteilt
hat."

Heute, drei Jahre später, sind die Nomaden und ihre Tiere aus dem Landkreis
Abag Banner verschwunden. Das gilt für den größten Teil der Inneren
Mongolei. Die chinesische Regierung hat es vorgezogen hunderttausende
Viehzüchter zu entwurzeln und in die Städte zu zwingen, anstatt ihre
verhängnisvolle Parzellierungspolitik aufzugeben. Was in der Inneren
Mongolei passiert ist, geschieht genauso in den anderen Nomadengebieten
Chinas. Ein Grund ist sicher die Arroganz der Kader aus dem Kerngebiet
Chinas, die die Landnutzung der Nomaden für primitiv halten. Doch es gibt
einen weiteren Grund. Es geht um eine endgültige Lösung der Probleme mit den
sogenannten Minderheiten.

"Die Kultur der Völker jenseits der großen Mauer unterscheidet sich stark
von der chinesischen Kultur. Das betrifft nicht nur die Lebensweise. Die
Mongolen benutzen eine Schrift, die sich aus dem Arabischen herleitet, die
Tibeter eine, die ihren Ursprung im indischen Sanskrit hat. Nirgendwo hat
die chinesische Staatsphilosophie, der Konfuzianismus, je eine bedeutende
Rolle gespielt. Hinzu kommt ein starkes Selbstbewusstsein, da Tibeter wie
Mongolen viele Jahrhunderte lang in eigenen Staaten lebten. Schließlich und
vielleicht am wichtigsten unterscheiden sich die Lebensweisen diesseits und
jenseits der großen Mauer: Seit alters her ist die Mehrheit der Bevölkerung
dort mit Viehherden umher gezogen, um die spärliche Vegetation zu nutzen.

Erst vor vierhundert Jahren wurden diese Völker in den chinesischen
Staatsverband eingegliedert. In der Folgezeit kam es immer wieder zu
Aufständen. 1948, nach dem Sieg der Kommunisten im chinesischen Bürgerkrieg,
begann eine neue Politik. Den sogenannten Minderheiten wurde große
kulturelle Autonomie gewährt. Die Parole hieß, nationalistisch in der Form,
sozialistisch im Inhalt. Doch es gelang nicht, die Gebiete jenseits der
großen Mauer wirklich zu befrieden. Jedes Nachlassen der Zentralgewalt rief
neue Unabhängigkeitsbestrebungen hervor.

Vor zehn Jahren ist China zu einer radikalen Politik übergegangen: Keine
Zugeständnisse mehr. Die Minderheiten sollen sich im Mehrheitsvolk auflösen.
Unterrichtssprache ist nur noch Chinesisch. Ausgewählte Schüler werden in
Internate im eigentlichen China verlegt. Von dort sollen sie zurückkehren
und führende Posten in ihrer jeweiligen Heimatregion einnehmen. Obendrein
hat Peking tausende Kilometer Eisenbahnen und Straßen gebaut und Millionen
Siedler angelockt. In der Inneren Mongolei sind Chinesen bereits die
überwiegende Mehrheit. Aber sie leben hauptsächlich in den Städten und in
den wenigen klimatisch günstigen Regionen. Das weite Steppenland war bis vor
einem Jahrzehnt noch mehrheitlich von Mongolen bewohnt. Damit ist es nun
vorbei. Die ehemaligen Nomaden hat man in der Stadt angesiedelt und ihre
Assimilierung ist lediglich eine Frage der Zeit. Schwieriger ist die Lage im
tibetischen Siedlungsgebiet. Dort sind Tibeter noch in der Mehrheit, und es
gibt viel mehr Gegenwehr.

"Das tibetische Hochplateau nennt man auch den dritten Pol der Erde. 4500
Meter über dem Meeresspiegel breitet sich das eindrucksvolle Hochland auf
2,5 Millionen Quadratkilometern aus, beinahe halb so groß wie die Fläche der
Europäischen Union. Zwei Drittel davon sind Grasland. Wie in der Inneren
Mongolei sind die Klimabedingungen hart. Bloß in einigen kleineren,
niedriger gelegenen Regionen wie um die Hauptstadt Lhasa ist Ackerbau
möglich. Alles andere ist Wüste oder von Nomaden bewohntes Grasland. Die
Hirten leben in schwarzen Zelten und halten hauptsächlich Yaks -
langhaarige, zottelige Rinder, die an große Höhe und schneidende Winterkälte
ideal angepasst sind."

Ist es in der Inneren Mongolei schwierig zu recherchieren, so ist dies in
Tibet völlig unmöglich. Seit einem Aufstand 2008 waren nicht nur die
autonome Provinz Tibet, sondern alle tibetischen Siedlungsgebiete immer
wieder gänzlich für Ausländer gesperrt. Ausnahmen werden nur für kleine
bestimmte Gruppen von Wissenschaftlern gemacht. So für die Mitarbeiter eines
Projekts der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Zusammen mit chinesischen
Kollegen erforschen sie eine Graspflanze namens Kobresia Pygmea. Doch ein
erster Versuch, mit einem der deutschen Wissenschaftler zu sprechen, wird
abgeblockt. In der E-Mail heißt es:

"Wir haben uns mit den chinesischen Kollegen beraten und diese haben
bezüglich des Interviews Bedenken. Das muss ich respektieren und Ihnen daher
leider absagen."

Aber nicht alle Wissenschaftler sind so ängstlich.

Hier kommen wir in das Labor, in dem wir im Rahmen des Kobresia-Projekts am
meisten gearbeitet haben.

Wir sind an der Leibniz Universität in Hannover. Professor Georg
Guggenberger, der Präsident der deutschen Gesellschaft für Bodenkunde, führt
uns durch sein Labor. Er ist führend am Kobresia-Projekt beteiligt und war
mehrmals längere Zeit in Tibet.

"Das ist, wenn man so will, Kohlenstofflabor. Wir haben hier einige Geräte,
mit denen man die Kohlenstoffgehalte misst und zwar an diesen und an jenen
Bodenproben; das heißt in der Festphase und in diesen Geräten wird der
Wirkungsgrad gemessen. Da messen wir jetzt die Kohlenstoffkonzentration in
der Lösungsphase. Bodengewässer beispielsweise. Man kann das erkennen hier,
die Lösung ist leicht gefärbt, und das sind natürliche organische
Substanzen, die eben teilweise gelöst sind. In jedem Bach, der
beispielsweise ein Moor entwässert, kann man das erkennen."

Später, wir sitzen in seinem Büro, erläutert der Bodenkundler die Bedeutung
seiner Forschungen.

"In Tibet finden Sie die größten sogenannten alpinen Grasländer d.h.
Grasländer in großer Höhe so zwischen drei und fünftausend Meter Höhe finden
sich diese Kobresia-Grasländer, auf, na ja, sicher ne Million
Quadratkilometer von der Ausdehnung wirklich groß. Das ist ein Gras, das
sehr gut an Beweidung angepasst ist. Auch Viehtritt stört da den Boden
überhaupt net und das wichtige ist an dem Kopresia-Grasland: das hat nen
ausgeprägten Wurzelfilz. Und dieser Wurzelfilz ist sehr hart. Normalerweise
auch sehr gut geschützt gegen Viehtritt und diese Grasländer gibt es seit
circa acht- oder neuntausend Jahren, und es hat sich offenbar zusammen
entwickelt mit der Intensivierung der Beweidung von großen Weidetieren und
die Yaks werden auch seit fünf-, sechstausend Jahren domestiziert, es gab
große Herden und dieses Kobresia-Grasland ist eben in idealer Weise auf die
Beweidung durch die Yaks angepasst."

Jetzt ist das Kobresia-Grasland bedroht. Die Fähigkeit Wasser zu speichern
nimmt ab und die Erosion nimmt zu. Das hat gravierende Folgen für die
größten Flüsse Indiens und Chinas, die allesamt im tibetischen Hochland
entspringen. Warum Kobresia Pygmea schwindet, ist somit eine hochwichtige
Frage.

"Die Nomaden, halt die Tierhalter die sind natürlich hin und hergezogen, sie
hatten Sommerweiden, Winterweiden und insofern war quasi der Weidedruck
durch die Yaks auf die gesamten Weiden, auf den gesamten Bereich verteilt.
Man spricht da im Englischen bei uns vom sogenannten Moderate Grazing. Wenn
man so will angepasste Beweidung. Nachdem jetzt die Chinesen Tibet
übernommen haben, gab es dann große Programme, dass eben die Nomaden in
Siedlungen gezwungen sind, und das hat dann dazu geführt, dass Bereiche, die
näher an den Siedlungen sind, stärker beweidet wurden und Überweidung führt
dann zur Schädigung dieser Kobresia-Wiesen. Man kommt dann wirklich im
Extremfall von einer absolut tollen, schützenden Pflanzendecke hin zu
offenem Boden."

Es ist dieselbe Geschichte wie in der Inneren Mongolei. Erst hat die
chinesische Regierung das Land eingezäunt und jetzt steht sie vor gewaltigen
Umweltproblemen. Wie gefährlich der Rückgang der Kobresia-Wiesen ist, sieht
man am Gelben Fluss, von dem ein großer Teil der Wasserversorgung Nordchinas
abhängt. Jahr für Jahr führt er weniger Wasser aus Tibet mit sich. Dafür
immer mehr Sedimente, die Staudämme und Kanäle verstopfen. Auch in Tibet hat
man auf riesigen Flächen jegliche Beweidung verboten und hunderttausende
Viehzüchter in Städten angesiedelt. Das führt keineswegs zu einer Erholung
der Böden.

"Wenn man überhaupt nicht beweidet oder die Beweidung sehr stark
zurückfährt, das ist auch nicht gut. Weil dann kommt man von diesem Optimum
der Anpassung des Kobresia-Rasens mit der Beweidung weg. Der Anteil des
Kobresia Pygmea, das ist die Pflanze, an der Vegetation geht zurück, es
kommen andere Pflanzen. Was dazu führt, dass wir Kohlenstoff im Boden
verlieren, der dann auch wieder als CO2 in der Atmosphäre landet und auch
die Futterqualität wird schlechter. Insofern, das, was die Nomaden
eigentlich über Jahrtausende hinweg gemacht haben, ist natürlich die
optimale Einstellung auf die Umgebung."

Im März 2016 treffen wir einen Tibeter, der die ursprüngliche Lebensweise
der Nomaden noch selbst erlebt hat.

"Mein Name ist Golog Jigme und ich bin in Tibet in einer nomadischen Familie
geboren."

Der 44-Jährige lebt in einer modern eingerichteten Wohnung im Zentrum von
Zürich. Nur buddhistische Rollbilder verraten, dass hier Exiltibeter wohnen.
Golog Jigme ist ein kleiner, rundlicher Mann, der beim Gespräch Gebetsperlen
durch die Finger gleiten lässt. Er trägt die rote Robe buddhistischer
Mönche. Jigme stammt aus der Provinz Quinghai im Nordosten des tibetischen
Hochlandes, ein sehr dünn besiedeltes Gebiet.

"Die nächstgrößeren Städte sind Serta oder Gantze. Und diese beiden Städte
liegen etwa gleich weit voneinander entfernt. Früher sind wir mit dem Pferd
geritten und wenn man mit dem Yak gegangen ist, dann hat es länger gedauert,
etwa vier Tage.

Wir sind vier Mal im Jahr an neue Orte gezogen. Und meistens, wenn wir uns
entschieden haben, weiter zu gehen, haben wir uns mit anderen Familien oder
Freunden zusammen getan, die auch weiter ziehen wollten. Hatten wir einen
guten Ort gefunden, ließen wir uns nieder. Dann wurde das Gebiet markiert."

Golog Jigme spricht hier von der Winterweide. Die Winterweide ist der
entscheidende Engpass im Leben der Nomaden. Heu wird nicht gemacht, da im
Winter kaum Schnee fällt und die Weiden zugänglich sind. Damit das
lebenswichtige Futter nicht vorzeitig abgefressen wird, markieren die
Nomaden im Herbst die Gegend, in der sie den Winter verbringen wollen.

"Wenn andere Familien die Markierungs-Pfosten sahen zogen sie weiter. Im
Winter haben wir im Zelt Feuer gemacht und uns Betten gebaut. Diese Kindheit
als Nomade war eine sehr glückliche Kindheit. Zuerst wurde Schafskot
aufeinander geschichtet. Auf diesen Schafskot wurde ein dicker Schafspelz
gelegt, auf den Schafspelz noch Heu und darauf zuletzt eine Holzplatte. Das
war sehr, sehr warm, selbst im Winter. Als ich klein war, haben wir immer
ein paar Stunden gelernt, gelesen und danach haben wir auf dem vereisten
Fluss gespielt. Wir hatten sehr viel Spaß."

Offiziell sind die tibetischen Nomaden glücklich, dass man sie an die
Moderne heranführt und sie in richtigen Häusern leben können. Von Zwang kann
keine Rede sein. Diese Botschaft wird auf allen Kanälen und auch im Ausland
verbreitet. So meldete die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua am 12. Juli
2012, dass sich schon über eine Million tibetische Nomaden freiwillig
angesiedelt hätten. Eine wissenschaftliche Umfrage habe ergeben:

"Ihr Ziel ist klar. Sie wollen, dass ihre Kinder zur Schule gehen und später
mehr Möglichkeiten im Leben haben."

Auch glückliche Tibeter kommen zu Wort. In der Zeitung China Daily wurde am
7. August 2015 der ehemalige Nomade Zamzon vorgestellt, der der
kommunistischen Partei ausdrücklich dankt und anfügt:

"Das sesshafte Leben gibt uns mehr Freiheiten und Wahlmöglichkeiten. Ich
will nicht, dass meine Nachkommen hinter einem Yak herlaufen müssen."

Widerspruch gegen die Propaganda der Regierung kann gefährlich sein. Der
Mönch Golog Jigme hat erlebt, wie brutal die Reaktionen sind. 2008 war er an
einem Dokumentarfilm über die Zwangsansiedlungen beteiligt, den der junge
Tibeter Dhondup Wangchen drehte. Weil seine Gesprächspartner es wagten,
offen ihre Gesichter zu zeigen, gab der Regisseur seinem Film den Titel: Das
Überwinden der Angst. In einem Ausschnitt sehen und hören wir, wie Dhondup
Wangchen nach strengen Kontrollen einen Zug besteigt und durch eine Stadt
mit Neubauten fährt. Dabei spricht er in ein verstecktes Mikrofon.

"Die Chinesen sagen, dass sie so viel in Tibet verbessert haben. Aber wir
sehen keine Verbesserungen. Tibeter werden zwangsweise umgesiedelt, die
Nomaden dürfen ihr Vieh nicht mehr auf die Weide treiben. Sind solche
Einschränkungen eine Verbesserung? Nein. Unter dem Vorwand sie an die
Zivilisation zu heranzuführen, werden viele Tibeter zum Umzug in die Stadt
gezwungen. Die Gebäude sehen von außen gut aus, und Außenstehende denken
vielleicht, dass die Tibeter sehr gut behandelt werden und dass sie
glücklich sind. Doch in Wahrheit haben die Tibeter nicht die Freiheit, über
ihre Leiden zu sprechen."

Seit Fertigstellung des Films ist der Regisseur in Haft. Auch Golog Jigme
wurde mehrmals verhaftet und schwer gefoltert. Als er freikam, verschwand er
im Untergrund und war zwei lange Jahre auf der Flucht. 2014 schaffte er es,
nach Nepal zu entkommen. Von dort kam er in die Schweiz, wo er politisches
Asyl erhielt. Noch heute bewegt sich Golog Jigme etwas unbeholfen. Eine
Folge der schweren Folterungen.

Der Mönch ist einer der ganz wenigen Augenzeugen des Untergangs der
tibetischen Nomaden, die es ins Ausland geschafft haben. Zwar ist er bereits
mit 15 Jahren in sein Kloster eingetreten, doch später hat er immer wieder
die Erlaubnis bekommen, nach Hause zurückzukehren und seiner Familie bei der
Arbeit zu helfen. Wie in der Inneren Mongolei war es die Privatisierung des
Landes, mit der alles anfing.

"In den neunziger Jahren haben wir noch normal leben können. Wir lebten in
Gemeinschaften mit vielen Familien zusammen. Man hat sich untereinander
ausgeholfen, hat das Land miteinander geteilt. Aber ab 2000 wurde das Land
von den Chinesen geteilt und eingezäunt. Dabei wurden sehr schöne Reden
geführt. Man sagte den Nomaden, das bringt nur Vorteile für euch. Ihr müsst
euch nicht mehr so viel bewegen und zwischen Sommer und Winter euren ganzen
Haushalt hin und her transportieren. Wir geben deiner Familie ein Stück Land
und das gehört dann nur dir und nur du profitierst davon. Jetzt müssen
Familien, die von ihrem Land auf ein anderes Stück Land ziehen wollen, Geld
an die dortigen Bewohner zahlen. Dieses neue System führt dazu, dass sich
die Leute zerstreiten und die Gemeinschaft zerstört wird. Außerdem, und das
ist denke ich das allergrößte Problem mit dieser chinesischen Politik, wird
das Grasland zerstört. Das Gras wächst nicht mehr nach. Jetzt hat man sehr
viel Land eingezäunt, das einfach brach liegt. Die Chinesen behaupten, sie
führten dort ökologische Programme durch, damit sich das Grasland
regeneriert."

Die verheerenden ökologischen Folgen lassen der chinesischen Regierung keine
Wahl. Die Nomaden müssen aus dem Grasland entfernt werden, damit ihre Tiere
die kostbare Vegetation nicht mehr beschädigen. So lautet der offizielle
Diskurs und diese Politik wird mit aller Konsequenz durchgeführt. Doch Golog
Jigme sieht noch einen weiteren, zutiefst poltischen Grund für diese
Maßnahme und erwähnt ein kleines Detail: die chinesische Flagge im besetzten
Tibet.

"Den Chinesen ist es unmöglich, die Nomaden dazu zu zwingen, diese Flagge zu
hissen. Erstens weil diese Leute nicht sesshaft sind - sie bewegen sich
ständig - und dann müssen sie diese Flagge wieder herunternehmen. Und
zweitens, weil sie auf diesem großen weiten Grasland nicht unter
chinesischer Kontrolle sind. Wenn diese Leute in Betonhäusern leben, lässt
sich dort ganz einfach eine chinesische Flagge anbringen. Hinzu kommt: 2008
haben sich viele Nomaden an den Protesten beteiligt."

Damals kam es zu einem Aufstand in Lhasa, der sich in alle Provinzen Chinas
ausbreitete, in denen Tibeter leben. Erst das Eingreifen der Volksarmee
beendete die Unruhen. Seitdem ist Tibet völlig von der Außenwelt
abgeschnitten. Seitdem wurden die Kontrollen noch einmal verschärft. Selbst
kleinere Orte sind videoüberwacht und sogar in den Klöstern hat man Kameras
installiert.

"Damals haben die jungen Nomaden schnell ihre Kleider gewechselt und sind in
die Berge geflohen, die sie viel besser kennen als die Chinesen. Viele
konnten nie gefasst werden. Nehmen wir im Gegenzug eine tibetische Stadt.
Dort kann man Demonstranten ohne Probleme verhaften und unter Kontrolle
bringen. Das ging mit den Nomaden nicht. Deswegen werden sie
zwangsangesiedelt.

Sollte Golog Jigme mit seiner Analyse recht haben und der eigentliche Zweck
der Zwangsansiedlungen die Kontrolle der Bevölkerung sein, so hat die
chinesische Politik ihr Ziel erreicht.

"Die meisten Nomaden sind jetzt abhängig von chinesischer Sozialhilfe. Wenn
bei einer Gemeinschaftsversammlung gefragt wird: Wer will den Dalai Lama
denunzieren? Dann müssen alle die Hand hochstrecken. Wer hisst am Morgen die
chinesische Nationalflagge? Dann müssen alle einverstanden sein. Und wenn
gewisse Nomadenfamilien sich wehren, wird ihnen ganz einfach die Sozialhilfe
entzogen. Das heißt, diese Menschen würden nicht mehr überleben. Das ist
eine grausame Politik. In meiner Umgebung sind inzwischen alle Nomaden
angesiedelt und in dieser Zwangslage."

In dieser völlig ausweglosen Situation bleibt den Menschen nur noch
verzweifelter Protest: Sich öffentlich selbst zu verbrennen. Seit 2009 haben
dies mehr als 150 Tibeter getan und jegliche Versuche der chinesischen
Behörden, die Selbstverbrennungen zu verhindern, sind fehlgeschlagen. Obwohl
Polizisten alle öffentlichen Plätze streng kontrollieren, passiert das immer
wieder. Für das chinesische Ansehen in der Welt ist das ein Fiasko, doch die
Staatspropaganda hat auch darauf eine Antwort gefunden. Man bezichtigt eine
nebulöse Dalai Lama Clique der Gehirnwäsche an Tibetern, nimmt
oppositionelle Mönche fest und klagt sie des Mordes an. So auch Golog Jigme,
der allerdings entkommen konnte. Sollte er jemals nach China zurückkehren,
droht ihm die Todesstrafe.

"Mit diesen Selbstverbrennungen wollen Tibeter an die internationale
Gemeinschaft appellieren, den Schmerz und die Unterdrückung auf eine
symbolische Art und Weise darstellen. Sie wollen ihre Botschaft verbreiten:
Wir können und wollen nicht mehr unter chinesischer Repression leben. Eine
große Aufopferung als letzten Ausweg, um Schutz zu erhalten. Um die
internationale Gemeinschaft derart zu schockieren, dass sie reagieren wird.
Diese Hoffnung wurde bisher enttäuscht. Sie hoffen auf eine Reaktion, aber
bisher tut die internationale Gemeinschaft so, als würden sie nichts sehen
und nichts hören."

Offenbar will keine Regierung die Weltmacht China kritisieren. Nur in
machtlosen UNO-Gremien werden hin und wieder unangenehme Fragen laut. So am
8. März 2012 bei einer Sitzung des UNO-Rates für Menschenrechte, als Olivier
de Schutter, ein Sonderberichterstatter der UNO, das Wort ergreift. 19 der
25 Tibeter, die sich bis dahin selbst verbrannten, seien zwangsangesiedelte
Nomaden gewesen. Wie könne die chinesische Seite da von einem Erfolg dieser
Politik sprechen?

In seiner Antwort geht der chinesische Vertreter gar nicht erst er auf die
Frage ein. Er stellt nur fest, dass der Sonderberichterstatter nicht vor Ort
war. Er also auch keine Aussage treffen könne. Als Olivier de Schutter
protestiert, kein Ausländer dürfe Tibet besuchen, wird dies einfach
ignoriert. Und damit schließt die Sitzung auch schon.

Tausende von Tibetern sitzen in Haft. Eine unbekannte Zahl ist hingerichtet
worden. Mehr als hundertfünfzig haben sich verbrannt. Doch geändert hat sich
nichts. Die meisten ehemaligen Nomaden kämpfen ums Überleben.

"Die Nomaden hatten ein sehr schönes, ein zufriedenes und unabhängiges
Leben. Sie hatten immer viel Butter, Milch, Käse, Fleisch. Das haben sie
alles selber produziert. Den Rest verkauften sie nach Lhasa oder in andere
große tibetische Städte. Jetzt haben sie keine Tiere mehr. Sie müssen zum
ersten Mal im Leben Nahrung einkaufen. Butter oder Fleisch können sie sich
nicht leisten. Sie bekommen zwar nach der Umsiedlung einige zehntausend
Yuans - umgerechnet rund 1300 Euro. Aber eine große Familie hat das Geld
schnell aufgebraucht. Die Kinder gehen nicht in die Schule, auch dafür fehlt
das Geld. Die Jugend hat keine Perspektiven. Diese jungen Nomaden können
weder lesen noch schreiben und haben keine Ausbildung. Sie fühlen sich dann
nutzlos. Viele junge Männer werden kriminell, aggressiv oder spielsüchtig.
Man kann wirklich sagen, die jungen Nomaden sind verrückt geworden.
Besonders tragisch ist das Schicksal vieler jungen Nomadenfrauen. Viele
werden nach China verschleppt. Sie verschwinden und man hört nichts mehr von
ihnen. Viele werden an Bordelle verkauft."




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