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15.06.2016 

Verflechtungen zwischen Autoindustrie und Politik 

Ein Freund, ein guter Freund

Haben Verflechtungen zwischen Industrie und Politik die Affäre um VW und andere 
Hersteller erst möglich gemacht? Dokumente, die NDR, WDR und SZ vorliegen, 
zeigen: Politik und Industrie haben eng kooperiert, der Einfluss der Autobosse 
auf die Politik ist groß

Von Katja Riedel, WDR

Warum sind die Abgastricksereien bei Volkswagen und anderen Herstellern nicht 
etwa in Deutschland, sondern bei Tests in den USA aufgeflogen? Gab es eine zu 
große Nähe zur Automobillobby, zu Deutschlands stärkstem Industriezweig? Diesen 
und anderen zentralen Fragen soll von diesem Sommer an ein parlamentarischer 
Untersuchungsausschuss in Berlin nachgehen. 

Doch einen Einblick darüber geben schon Dokumente aus dem Regierungsbetrieb. 
Nach Auswertung von Korrespondenzen aus Umwelt-, Wirtschafts- und 
Verkehrsministerium zeigt sich: Jahrelang störte sich im politischen Berlin 
niemand daran, dass die Automobilindustrie weiterhin Fahrzeuge produziert, die 
viele Schadstoffe ausstoßen. Im Gegenteil: Vehement kämpfte die Autoindustrie 
gegen den Plan der EU, Hersteller von 2020 an zu Modellen zu zwingen, die 
weniger Kohlendioxid ausstoßen und die Umwelt darum auch weniger belasten. Und 
in den Ministerien fanden die Autobosse stets Verbündete. Hier fürchtete man um 
den einträglichsten deutschen Wirtschaftszweig. Die ökologischen Folgen, 
Belastungen für den Verbraucher - sie waren offenbar zweitrangig.

Herzlich begrüßt, dann abgebügelt

Die vorliegenden Dokumente zeigen, wer erfolgreich an den Türen der Minister 
und der Kanzlerin anklopft - und wer als ökologischer "Hardliner" belächelt 
wird. So erging es etwa dem Chef der Deutschen Umwelthilfe, Jürgen Resch. 
Bereits vor einem Treffen mit ihm stand fest: Resch sollte bei einem Termin im 
November 2012 im Wirtschaftsministerium zwar "herzlich" begrüßt, aber in der 
Sache abgebügelt werden. Reschs Forderungen nach Einsparungen beim Kohlendioxid 
seien "unrealistisch und werden von uns abgelehnt", so heißt es in einem 
Vermerk zur Vorbereitung des Gesprächs. 

Ganz anders die Chefs der großen deutschen Hersteller und auch der Verband der 
Automobilindustrie: Sie finden stets Gehör. Persönliche wie telefonische 
Gespräche mit ihnen werden minutiös vorbereitet, der jeweilige Minister, egal 
zu welcher Partei er gehört, auf deren Argumente gebrieft.

"Unzufrieden mit Verlauf der Verhandlungen"

Philipp Rösler (FDP) etwa, der im Juni 2013 mit dem damaligen BMW-Boss Norbert 
Reithofer telefonierte und vorab erfuhr, der BMW-Vorstandsvorsitzende werde 
wohl seine "Unzufriedenheit" über die Verhandlungen der Bundesregierung in 
Brüssel bekunden. Die Empfehlung für Röslers Antwort in Vorbereitung auf das 
Telefonat: "Auch ich bin sehr unzufrieden mit dem Verlauf der Verhandlungen" in 
Brüssel, soll Rösler sagen. Darüberhinaus solle er BMW loben, für die Aktivität 
des Konzerns in dieser Sache.

Der Schriftverkehr, die Gesprächsprotokolle und Aktennotizen belegen auch, wie 
die Bundesregierung Wünschen nach mehr Einsatz für die Interessen der deutschen 
Automobilhersteller möglichst weit entgegengekommen ist. Und wie sie diese 
gegenüber der EU in Brüssel durchzusetzen versucht hat - mal mit mehr, mal mit 
weniger Erfolg. 

Bremseffekte in Brüssel

Ein Beispiel: Der Widerstand der deutschen Bundesregierung gegen geplante 
Kohlendioxid-Regulierungen der EU-Klimadirektion. Diese sollen sparsame Autos 
bevorzugen. Doch besonders sparsam sind deutsche Autos bisher nicht, auch weil 
sie größer und schwerer sind als andere, etwa die des Konkurrenten Fiat. Bei 
einem Jahrestreffen zwischen dem Verband der Automobilindustrie, zwischen 
Verkehrsministerium, Kraftfahrtbundesamt und Bundesanstalt für Straßenwesen 
sind sich im Juni 2012 laut Protokoll alle Teilnehmer generell einig, "dass 
eine frühzeitige, pro-aktive Einflussnahme in Brüssel umgesetzt werden 
muss"damit Schaden von den deutschen Herstellern abgewendet werden kann.

Schon ein paar Tage später zeigt sich am Beispiel CO2, wie das dann in der 
Praxis aussieht. Die Vorgaben zur CO2-Reduzierung, die von 2020 an gelten 
sollen, belasten deutsche Konzerne besonders stark. Seiner Besorgnis verleiht 
der Konzern VW in einem Brief an das Bundeswirtschaftsministerium Ausdruck. Aus 
Sicht der deutschen Automobilhersteller könne ein Eingreifen des 
Wirtschaftsministeriums "sehr hilfreich sein".

Etappensieg zulasten der Umwelt

Nur Tage später wird Rösler tätig - mit einem Protestschreiben nach Brüssel. 
Die Bundesregierung erzielt schließlich einen Etappensieg, mit einem 
Bonusprogramm, das die deutschen Hersteller zu geringeren Sprit- und 
Schadstoffreduktionen zwingt als ursprünglich vorgesehen. Die Regelung wird 
also zugunsten der deutschen Hersteller verwässert. Das geht zulasten der 
Umwelt - doch das wiegt im Entscheidungsprozess der Bunderegierung offenbar 
nicht.

Der Bundesverbandes der Verbraucherzentralen, der als Umweltlobbyist auftritt, 
wendet sich generell gegen das Bonus-System: "Die Rechnung ist einfach: Je 
niedriger der Kraftstoffverbrauch, desto geringer die CO₂-Emissionen und desto 
geringer die Tankrechnung." Das entlaste Verbraucher und Umwelt gleichermaßen. 
Doch das Kanzleramt und andere Ministerien antworten dem Verbraucherverband gar 
nicht erst. In einem Vermerk des Wirtschaftsressorts schlägt man Minister 
Rösler vor, doch mit einer reinen "Höflichkeitsantwort" zu reagieren.

Andere Regierung, gleiche Haltung

Die Papiere zeigen, dass nicht nur die schwarz-gelbe Bundesregierung offenbar 
ausschließlich ein offenes Ohr für die Interessen der Autoindustrie hatte. Auch 
unter SPD-Führung Sigmar Gabriels ändert sich den Papieren nach an der Haltung 
des Wirtschaftsministeriums nichts.

Nach monatelangen Debatten zwischen Umwelt-, Verkehrs- und 
Wirtschaftsministerium notiert Gabriels Haus im Mai 2015: "Zentrale 
Forderungen" des Verbands der Automobilindustrie beim Thema 
Kohlendioxid-Reduzierungen "decken sich im Grundsatz" mit den eigenen 
Eckpunkten. Sogar das von SPD-Ministerin Barbara Hendricks geführte 
Umweltministerium schickt dem Verband kurz darauf einen freundlichen Brief. Von 
Umwelt ist darin kaum die Rede. 

Geändert hat sich diese grundsätzlich industriefreundliche Haltung auch nach 
Bekanntwerden der Vorwürfe gegen VW nicht. Das Wirtschaftsministerium notierte 
im Oktober 2015, dass die Bundesregierung die Aufklärung der Affäre 
"außenpolitisch flankieren" solle. Von der Dachmarke "Made in Germany" solle 
Schaden abgewendet werden, heißt es.




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