Ossietzky 4/2017
http://www.sopos.org/aufsaetze/58ada0547c46a/1.phtml

Die Bilanz des Herrn G.

Winfried Wolf

Herr G. verfasste am 31. Januar einen Abschiedsbrief an die Bahnbelegschaft,
der mit den Sätzen endet: »Ich bedanke mich bei Ihnen für die tolle
Zusammenarbeit. Ich habe mit großer Leidenschaft und Freude dieses
Unternehmen als Vorstandsvorsitzender fast acht Jahre lang geführt.«

Unsere Frage lautet: Aber wohin hat Herr G. den Bahnkonzern denn »fast acht
Jahre lang geführt«? Und im Widerspruch zu den leisen und lauteren
Lobpreisungen der Taten dieses Herrn, stelle ich fest: Herr G. hat das
zerstörerische Werk der Herren Heinz Dürr und Hartmut Mehdorn fortgesetzt,
drei Bahnchefs aus der Daimler-Kaderschmiede. Alle waren sie als Abrissbirne
unterwegs. Wobei eingestanden sei: Herr G. war die freundlichste aller
Abrissbirnen. Anders als sein grimmgesichtiger Vorgänger verkaufte er alle
Bösartigkeiten immer mit einem Lächeln im Gesicht.

Tatsächlich aber setzte er das zerstörerische Werk bei der Bahn fort. Und
dies auf zehn Ebenen: 

(1) Entgegen den Behauptungen des Herrn G. wurde in seiner Ära (2009-2017)
der Abbau des Brot- und Buttergeschäfts fortgesetzt. Für 3,5 Milliarden Euro
wurden im Ausland Unternehmungen hinzugekauft. Inzwischen liegt der Anteil
des bahnfernen Geschäfts im Bahnkonzern bei 50 Prozent. 

(2) Unter dem Herrn G. wurde 2015/16 versucht, das Projekt
Bahnprivatisierung zu beleben, indem bei den beiden strategischen
Bahntöchtern Schenker Logistics und Arriva Heuschrecken als Anteilseigner
hereingeholt werden sollten. Es waren Widerstände aus den Bereichen Politik
und Gesellschaft, die das Vorhaben im Oktober 2016 scheitern ließen. 

(3) Unter dem Herrn G. hat sich die Krise im Schienenpersonenfernverkehr
verschärft. Die Normalpreise wurden nochmals um 20 Prozent angehoben.
Gleichzeitig werden Millionen Billigtickets auf den Markt geworfen.
Bahnfahren ist zunehmend Schnäppchenjägerei. Das schadet dem Image der
Schiene; Kannibalisierung bringt auch ein finanzielles Minus. Vor allem
wendet sich die Stammkundschaft ab. Die Zahl der BahnCard-50-Besitzer sank
im Zeitraum 2009 bis 2016 von 1,7 Millionen auf 1,25 Millionen. 

(4) In der G-Ära wurde die Nachtzugsparte zuerst auf Verschleiß gefahren und
am 11. Dezember 2016 komplett aufgegeben - nach mehr als 120 Jahren
Tradition und trotz sehr guter Auslastung und einem deutlichen Fahrgastplus
2016. 

(5) Unter Herrn G. geriet der Schienengüterverkehr in die Existenzkrise. Im
vergangenen Herbst wurde die Schließung weiterer 173 Güterbahnhöfe und der
Abbau von 2000 Beschäftigten in diesem Bereich verkündet. 

(6) Im 2015er Geschäftsbericht behauptet Herr G., der Streik der
Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) 2014/15 habe »das operative
Geschäft mit 314 Millionen Euro belastet«. Umgekehrt wir ein Schuh draus: Es
waren Herr G. und sein Personalvorstand, die den Konflikt mit der GDL
eskalieren ließen. Sie taten dies im Auftrag der Bundesregierung, die eine
passende Kulisse für das Tarifeinheitsgesetz benötigte. 

(7) In der G-Ära kam es zu einer weiteren Verschlechterung der
Infrastruktur. Es gibt den grotesken Kontrast zwischen längeren Fahrtzeiten
laut Fahrplan beziehungsweise aufgrund von Verspätungen einerseits und
unnötigen, superteuren Ausbaustrecken andererseits. Ein Beispiel: Auf der
Verbindung Stuttgart-München benötigt man laut Fahrplan (!) heute 23 Minuten
länger als 1994. Als absurder »Ausgleich« wird für vier Milliarden Euro eine
zerstörerische Neubaustrecke über die Schwäbische Alb gebaut. Damit werden
Zeitverluste wettgemacht, die man mit einem Bruchteil dieser Summe dadurch
hereinholen könnte, dass endlich die Infrastruktur auf dieser Verbindung in
Ordnung gebracht werden würde. 

(8) In der Amtszeit des Herrn G. sank 2015 die Pünktlichkeitsquote im
Fernverkehr auf das Rekordtief von 75 Prozent. Kreativ war das Team um Herrn
G. darin, dass inzwischen die Anzeigetafeln auf den Bahnhöfen nicht nur den
nächsten Zug, sondern die drei nächsten Züge ankündigen. Und dann gibt es
seit der G-Time endlich die »Verspätungs-App«. Würde der alte Spruch
»Pünktlich wie die Eisenbahn« Gültigkeit haben, benötigte man nichts von all
diesem Schnickschnack. 

(9) Über die Amtszeit des Herrn G. hinweg wurden die Trassenpreise (Maut zur
Nutzung der Schienen) und die Stationsgebühren (Maut zur Nutzung der
Bahnhöfe) um 30 Prozent erhöht. Damit wurden im eigenen Konzernverbund
Kosten geschaffen, die Sektoren mit geringer Rentabilität in den Ruin
trieben (und die eine windige Begründung für das Nachtzug-Aus lieferten). Es
handelt sich um Wegelagerergebühren und um
Schienenverkehrsverhinderungzölle. Sie dienen primär zur Generierung von
Gewinnen der Holding, die auf diese Weise die Expansion in bahnfremden
Bereichen und im Ausland betreibt.

(10) Schließlich Ebene 10 der Negativ-Bilanz des Herrn G.: Stuttgart 21. Der
»ehrliche hanseatische Kaufmann« sagte kurz vor seinem Abgang: »Also ich
hätte Stuttgart 21 nicht gemacht.« Der Mann lügt. Herr G. gab bei Stuttgart
21 von Anfang bis zum Schluss die Rampensau. Er war am 2. Februar 2010 beim
Baubeginn ebenso prominent dabei wie am 16. September 2016 bei der
Grundsteinlegung für den Tiefbahnhof. Mit Mehdorn als Bahnchef und Mappus
als Ministerpräsident wäre Stuttgart 21 wohl längst aufgegeben worden. Die
Fortsetzung dieses Monsterprojekts ist vor allem dem Wendehals Kretschmann
und dem ewig lächelnden Herrn G. zu verdanken. Das Lächeln stand im
Widerspruch zum inneren Regime des Herrn G. Dieser sagte laut Hamburger
Abendblatt mit Datum 15. November 2010 im Kreis von Hamburger
Wirtschaftsleuten: »Das Ding muss durchgezogen werden. Ich ziehe das durch.
Wenn wir in Stuttgart nur einen Millimeter nachgeben, dann fliegen uns in
Deutschland alle Infrastrukturprojekte um die Ohren.«

Es war Herr G., der im Frühjahr 2013 zusammen mit dem damaligen
Kanzleramtschef Ronald Pofalla dafür sorgte, dass die neue Anhebung der
S21-Kosten um zwei Milliarden auf 6,5 Milliarden Euro im Aufsichtsrat eine
Mehrheit fand. Der Herr G. behauptete im Herbst 2016 wahrheitswidrig, er
kenne keinen Bundesrechnungshof-Bericht zu Stuttgart 21. Er kennt ihn.
Diesem Bericht ist zu entnehmen, dass sich die S21-Kosten nochmals auf rund
zehn Milliarden Euro erhöhen und dass Stuttgart 21 am Ende möglicherweise
»keine Betriebsgenehmigung erhält«. Schließlich behauptete Herr G., der
Bericht der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, den diese im Herbst 2016
für den Aufsichtsrat der Bahn erstellte, würde die entscheidenden
Rahmenbedingungen, die die DB bei Stuttgart 21 sieht, bestätigen. In
Wirklichkeit wird in dem Bericht festgestellt, dass besonders die Risiken,
die es bei den S21-Tunnelabschnitten durch Anhydrit gibt, letzten Endes
nicht beherrschbar sind.

Meine steile These lautet: Der Herr G. ging, um sich aus der Schusslinie
herauszunehmen. Er unternimmt denselben Schritt, den Volker Kefer Ende 2016
tat und den demnächst der Aufsichtsratschef Utz-Hellmuth Felcht unternehmen
wird. Dann wäre an der Bahnspitze niemand mehr vertreten, der in den letzten
sechs Jahren maßgebliche Verantwortung für Stuttgart 21 hatte.

Im Klartext: Die Ratten wollen nicht an Deck sein, wenn das
Stuttgart-21-Schiff in bedrohliche Schräglage gerät. Sie wollen nicht an
Deck sein, wenn Anklagen gegen Bahn-Obere wegen Untreue drohen. Der
Straftatbestand Untreue greift unter anderem dann, wenn ein Projekt, das
nachweislich unwirtschaftlich ist, von den Verantwortlichen im Wissen um
diese Unwirtschaftlichkeit und bei Vorliegen von Alternativen weiter
betrieben wird. Und ein Projekt, dessen Kosten im Finanzierungsvertrag vom
2. April 2009 auf 4,526 Milliarden Euro vereinbart wurden, dessen
Kostenrahmen am 5. März 2013 auf 6,526 Milliarden Euro angehoben wurde, bei
dem der Aufsichtsrat zu diesem Zeitpunkt den Ausstieg ablehnte, weil ein
Weiterbauen gerade mal um wenige hundert Millionen Euro preiswerter als der
Ausstieg kommen würde, und das aktuell laut Hochrechnungen der im
Grundgesetz verankerten Prüfinstanz Bundesrechnungshof auf Kosten in Höhe
von zehn Milliarden Euro kommt - ein solches Projekt ist unwirtschaftlich. 

Seit Anfang 2016 liegt mit »Umstieg 21« ein durchgearbeitetes Programm vor,
wie man bei Stuttgart 21 aussteigen, den Kopfbahnhof modernisieren, einen
neuen grünen Park gewinnen und dabei rund fünf Milliarden Euro öffentliche
Gelder einsparen kann. Wer unter diesen Bedingungen weiterbauen lässt, mag
einer zynischen Staatsraison folgen und Rücksicht auf die Bundestagswahl
nehmen wollen. Herr G. steht für Untreue gegenüber dem ihm anvertrauten
Bahnkonzern. Er hat einen exemplarischen Fall von Abbau einer strategischen
Schienenknotenkapazität zu verantworten. Ihm gebührt im Stuttgarter Zentrum
ein Schandmal für Stadtzerstörung pur.




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