Am 09.04.12 22:13, schrieb Simon Gauseweg:
> Ich habe NIE von einem Piraten gehört, irgendwer müsste mal "hart
> durchgefickt werden", um entspannter zu werden.

Ich schon.

> Und auch ein "zu hübsch"
> um gewählt zu werden, ist mir nie zu Ohren gekommen.

Ich nicht in den Worten, aber sehr ähnlich.

> Und wenn ich
> soetwas hörte, so bekäme der Urheber einer solchen Dummheit ein paar
> deutliche Worte von mir zu hören.

Das hoffe ich, und natürlich gibt es Piraten, die dem entschlossen
entgegentreten. Leider gibt es aber auch immer wieder Piraten, auch in
wichtigen Ämtern, die solche Verhaltensweisen herunterspielen. Zum
Beispiel wie jüngst der bayrische Landesvorstand die islamophoben
Äußerungen ihres neuen Landesgeschäftsstellenleiters damit
rechtfertigte, dass er ja keine Ressentiments hegen könne, weil er Jude
sei. Hast du das vielleicht auch nicht mitbekommen?

> Kannst Du dir vorstellen, Julia, dass ich es (als PIRAT) als persönliche
> Beleidigung empfinde, dass mir vorgeworfen wird, ich wäre son Typ, der
> der Ansicht ist, Frauen könnte man entspannen, indem man sie "hart
> durchfickt"?
> Kannst Du dir vorstellen, Julia, dass ich es (immernoch als PIRAT) als
> persönliche Beleidigung empfinde, dass mir zumindest vorgeworfen wird,
> ich würde solche Reden zumindest tolerieren und mich auch regelmäßig mit
> Menschen abgeben, die dieses "Gedankengut" pflegen?

Das ist Teil des Problems. Jeder Pirat bezieht kritische Äußerungen über
die definitiv vorkommenden Diskriminierungen und Relativierungen auf
sich selbst. Oder, um aus dem offenen Brief zu zitieren:

"Aber auch ein ande­res Pro­blem der Pira­ten­par­tei zeigt sich in den
immer wie­der auf­kom­men­den Dis­kus­sio­nen um Dis­kri­mi­nie­rung:
die starke Iden­ti­fi­ka­tion vie­ler Mit­glie­der mit der Par­tei.
Die Pira­ten­par­tei wid­met sich The­men, die bis­her eher am Rande
behan­delt wur­den und for­dert einen neuen Poli­tik­stil. Dadurch
scheint sie für viele Mit­glie­der eine große Hoff­nung dar­zu­stel­len
— Kri­tik daran führt zu Ver­un­si­che­rung und diese wie­derum zu
Abwehr. Das zeigt sich in den star­ken Abwehr­re­ak­tio­nen (z.B. auf
nega­tive Bericht­er­stat­tung), sowie dem Umgang mit ange­spro­che­nen
Pro­ble­men."

Und weil diese Piraten die Äußerungen als Angriff auf sich selbst
verstehen, greifen sie im Gegenzug die Kritiker an, die sich einfach nur
Luft machen, dass sie sich bei den Piraten aufgrund dieser häufigen
diskriminierenden Äußerungen und der fehlenden Solidarität unwohl
fühlen. Vielen Piraten ist es offensichtlich wichtiger, die Piraten zu
verteidigen, als die diskriminierende Äußerung zu verurteilen, weil man
damit ja Aufmerksamkeit auf diskriminierende Äußerungen in der
Piratenpartei lenkt und das dem Ansehen der Piraten schadet, mit denen
man sich so identifiziert. Wir müssen da hin kommen, dass Opfern von
Diskriminierung beigestanden wird, ohne jedes verdammte mal "aber das
sind ja nur bedauerliche Einzelfälle" nachzuschieben. Wie du selbst
sagtest, alles vor dem aber zählt nicht.

> Und kannst Du Dir ebenfalls vorstellen, dass ich als JuPi es als einen
> Schlag ins Gesicht empfinde, dass mir das nicht nur vorgeworfen wird,
> sondern dass ich es mir durch einen offenen Brief "der JuPis" sogar
> SELBST vorwerfe? Und das nicht, weil ich in einer Abstimmung der
> Mehrheit unterlag, sondern weil eine nicht näher spezifizierte
> Minderheit ohne Kommunikation mit dem Rest des Vereins einen Brandbrief
> schreibt.
> Und jetzt willst Du mir allen ernstes erklären, dass sei auch noch gut so?
> Du sagst mir also es ist gut, dass ich (als Teil der JuPis) mir (als
> Teil der PIRATEN) in üblen Worten Sexismus und Rassismus vorgeworfen
> habe, weil es jetzt thematisiert werden kann, für den theoretischen Fall
> dass ich in einer nicht näher spezifizierten Zukunft einmal sexistisch
> oder rassistisch werden könnte?

Glaubst du wirklich, dass du in dieser Hinsicht perfekt bist und nie
eine Minderheit diskriminierst? Ich kann das nicht von mir behaupten,
weshalb ich mir das selbstverständlich vorwerfe. Wenn du wirklich völlig
frei von Diskriminierung bist, dann bezieh die Kritik einfach nicht auf
dich, sondern auf die übrigen Jungen Piraten, die nicht perfekt sind.

Ich verteidige hier wohlgemerkt _nicht_, dass der Offene Brief hier im
Voraus so schlecht kommuniziert wurde. Das hat mich auch sehr geärgert.
Aber du zeigst genau die Abwehrreaktion, für die der Brief
sensibilisieren will. Das macht dich nicht zum Rassisten oder Sexisten,
aber du kannst in Zukunft mehr dazu beitragen, ein für alle angenehmes
Klima zu schaffen, wenn du diesen Mechanismus durchschaust.

> Na vielen Dank auch. Ich kann Dir garnicht sagen, wieviel meiner Achtung
> Du gerade verlierst.

Das ist schade, aber damit kann ich leben. Man macht sich nicht beliebt
damit, auf Diskriminierung hinzuweisen. Es ist mir aber wichtig. Denn
ja, ich habe bei den Piraten - auch am eigenen Leib - schon viel
Sexismus und auch Anflüge von Rassismus und Antisemitismus erlebt. Dass
dir das wirklich noch nie untergekommen ist, könnte vielleicht auch
daran liegen, dass du als weißer Mann in einer privilegierten Position
bist. Ehe du dich jetzt empörst, dass ich diese Möglichkeit auch nur
anspreche, denk zumindest einmal darüber nach. Meinst du nicht auch,
dass einem Diskriminierung vielleicht eher auffällt, wenn man selbst das
Opfer ist? Vor allem, wenn es etwas subtilere Aussagen sind als
"durchficken"? Was Privileg bedeutet, ist hier gut erklärt:

https://sindeloke.wordpress.com/2010/01/13/37/

Julia
-- 
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