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WOZ Nr. 21/2012 vom 24.05.2012

Äthiopien

Keimlinge der Demokratie

Im Schatten der von der äthiopischen Regierung forcierten Wachstumspolitik 
wächst auch der ökologische Landbau. Diese Bewegung könnte noch eine grössere 
demokratisierende Rolle spielen, als dem autokratischen Regime lieb sein 
dürfte.

Von Markus Spörndli, Addis Abeba

Eine kontinentale Macht: Dazu baut Äthiopiens Ministerpräsident Meles Zenawi 
sein Land seit über zwanzig Jahren systematisch auf. Als Grundlage soll auch 
die «Transformation der Kleinbauern» dienen. Eine andere Art der 
Transformation versucht hingegen Getachew Tikubet, ein einflussreicher 
Visionär der nachhaltigen Entwicklung, der in Afrikas Landwirtschaft durch 
rein ökologische Mittel einen Produktivitätssprung auslösen will.

Mitte Mai war Addis Abeba voller Prominenz. Sieben afrikanische 
Staatsoberhäupter, amtierende und ehemalige Uno-Generalsekretäre und CEOs 
multinationaler Unternehmen kamen zum 22. Weltwirtschaftsforum über Afrika. 
Auch Bob Geldof war da. Der umtriebige irische Musiker hatte wegen der 
äthiopischen Hungersnot von 1984 das Fundraisingprojekt Band Aid initiiert - 
mit einem herzzerreissenden Song («Do They Know It's Christmas») und einem 
weltumspannenden Benefizkonzert sammelten die Grössen des angelsächsischen 
Popgeschäfts Millionensummen für die Hungeropfer.

Jetzt sitzt Geldof alt, bleich und reglos im Publikum, während vorne auf der 
Bühne Äthiopiens Ministerpräsident Meles Zenawi eloquent und höchst 
selbstbewusst seine Visionen und Äthiopiens Stärken darlegt. «Äthiopien hat 
ein noch nie dagewesenes Wirtschaftswachstum und ein stabiles politisches 
Umfeld», sagt Meles etwa. «Wir sind daran, die Wirtschaft zu transformieren 
und die Infrastruktur umfassend auszubauen.»

Tatsächlich gilt Äthiopien mit Wachstumsraten um die zehn Prozent als eine der 
am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt, und schon bald wird es 
das drittreichste Land im subsaharischen Afrika sein. Gleichzeitig baut Meles 
das Land auch politisch zu einer kontinentalen Macht auf. Für politische 
Stabilität sorgt Meles mit seinem Parteienbündnis Revolutionäre Demokratische 
Front der Äthiopischen Völker (EPRDF) seit über zwanzig Jahren, indem er die 
politische Freiheit massiv einschränkt - die Regierung ist eine verlässliche 
Partnerin des Westens für lukrative Investitionen und im Kampf gegen den 
militanten Islamismus in Ostafrika, aber sie ist eine ebenso verlässliche 
Unterdrückerin jeglicher Opposition und zunehmend auch der muslimischen 
Minderheit im Land.

Und auch der von Meles hervorgehobene Infrastrukturausbau hat eine 
beeindruckende Entsprechung in der Realität: Die meisten Strassen sind schon 
jetzt in tadellosem Zustand, doch vom Binnenland aus sollen neue 
Überlandstrassen und eine Eisenbahnlinie nach Süden gebaut werden, um den 
Anschluss an den geplanten Tiefseehafen im kenianischen Lamu und somit an den 
Welthandel sicherzustellen (siehe WOZ Nr. 19/12). Hinzu kommen gigantische 
Wasserkraftprojekte, die Äthiopiens Stromproduktion verfünffachen sollen - die 
Staumauern tragen Namen wie «Grand Millennium» oder «Renaissance Dam».

Entwicklungsstaat auf dem Prüfstand

Ausserhalb des Wef-Konferenzgebäudes sieht die Realität in Addis Abeba etwas 
weniger glanzvoll aus. Immerhin, es gibt eine zunehmende urbane Mittelschicht, 
die sich gar nicht so schlecht durchschlägt. Der junge Staatsangestellte etwa, 
der auf dem internationalen Flughafen Passagiere nach Schmuggelwaren 
durchsucht. Er verdient 1700 Birr (92 Franken) pro Monat, für seine kleine 
Wohnung bezahlt er 500 Birr. Mit Ministerpräsident Meles teilt er die 
Parteimitgliedschaft, den Stolz auf das bisher Erreichte und den Glauben an 
eine grosse Zukunft. Doch sollte er später einmal eine Familie gründen, wird 
er eine grössere Wohnung finden müssen; die Miete wird höher sein als sein 
jetziges Gehalt. Und der städtischen Bevölkerung macht besonders auch die 
Inflation zu schaffen, die schon seit Jahren jegliches Mehreinkommen 
zunichtemacht - bei den Nahrungsmitteln beträgt sie 44 Prozent.

Solch negative Entwicklungen bergen ein hohes Risiko für die weitere 
Machtsicherung von Meles und der EPRDF. Denn das Regime zieht seine gesamte 
Legitimität aus einer anhaltenden positiven Wirtschaftsentwicklung und 
Armutsreduktion. «Developmental state» - Entwicklungsstaat - nennt sich Meles' 
Konzept, nach dem ein starker Staat schnellstmögliche Entwicklung durchpauken 
soll, ungestört von demokratischer Mitbestimmung. Vorbilder sind Südkorea oder 
Taiwan - zuerst kommt die wirtschaftliche, danach die demokratische 
Entwicklung. Tatsächlich hat sich in Äthiopien die extreme Armut innerhalb von 
zehn Jahren um beeindruckende zehn Prozentpunkte reduziert. Doch noch immer 
lebt ein Drittel der - stark wachsenden - Bevölkerung von über neunzig 
Millionen Menschen in extremer Armut.

«Transformation der Kleinbauern»

Fünf von sechs ÄthiopierInnen leben auf dem Land, und die allermeisten von 
ihnen sind KleinbäuerInnen. Der Landwirtschaftssektor macht vierzig Prozent 
des Bruttoinlandsprodukts aus und 84 Prozent der Exporte. Meles Zenawi fehlt 
es auch hier nicht an einer Vision. «Der Schlüssel für Ernährungssicherheit 
und wirtschaftliche Entwicklung ist die Transformation der Kleinbauern», sagte 
der frühere Kämpfer einer marxistisch-leninistischen Widerstandsorganisation 
am Wef. «Wir geben rund sechzehn Prozent des Staatsbudgets für diesen Bereich 
aus, wir beraten die Bauern und investieren in die ländliche Infrastruktur, in 
Marketingnetzwerke und Inputmärkte.» Typische Inputs in diesem Sprachgebrauch 
sind Samen, Dünger und Pflanzenschutzmittel.

Meles will auch im grossen Stil PrivatinvestorInnen anziehen, um die 
«intensive Landwirtschaft» und Exportprodukte zu fördern. Bereits heute gehört 
Äthiopien zu den Grossen im Schnittblumenanbau und hat in der EU einen 
Marktanteil von über fünf Prozent. «Es ist schwierig für einen Kleinbauern mit 
einem Hektar Land, eine Familie zu ernähren», sagt Meles. «Auf einem Hektar 
einer Blumenfarm gibt es hingegen zwanzig Arbeitsplätze.» Äthiopien hat vier 
Millionen Hektaren - das entspricht fast der Fläche der Schweiz - für 
landwirtschaftliche Investitionen freigegeben, was auch mit problematischen, 
erzwungenen Umsiedlungen verbunden ist. «Heute sind erst zehn Prozent dieser 
Fläche verpachtet», sagt Meles. «Es gibt noch viel Raum für Investitionen.»

Melese Kasaye ist einer dieser Kleinbauern, die einen Hektar Land 
bewirtschaften und gemäss Ministerpräsident Meles «transformiert» werden 
sollen. Meleses kleines Landstück liegt bei einer Siedlung im westlichen 
Bundesstaat Benishangul-Gumuz, etwas ausserhalb der Regionalhauptstadt Assosa 
unweit der sudanesischen Grenze. «Bis vor drei Jahren wusste ich nicht, wie 
wir mit unserem kleinen Ertrag über die Runden kommen sollen», sagt der 
Dreissigjährige. Heute hat die Familie mit zwei Kindern ein Jahreseinkommen 
von 30?000? Birr (1620 Franken). Mit dem Selbstbewusstsein eines erfolgreichen 
Unternehmers zeigt Melese auf seine sattgrünen, geordneten Felder voller Mais 
und Kohl, auf die paar Angestellten - und das stattliche Haus, das soeben 
fertig gebaut wurde und an der Stelle der früheren strohbedeckten Rundhütte 
steht.

Ein Schneeballsystem

Was ist passiert? Bauer Melese hat in der Tat eine Transformation 
durchgemacht - allerdings nicht zu einer intensiven Landwirtschaft mit 
Mineraldünger und Pestiziden, wie vom Ministerpräsidenten propagiert, sondern 
hin zu einem konsequent nachhaltigen Landbau, der die Böden langfristig 
fruchtbar hält und die BäuerInnen von KapitalgeberInnen unabhängig macht. 
Gerade dies ermöglicht ihnen eine höhere Produktion, ein besseres Einkommen 
und somit auch mehr Ernährungssicherheit.

Diese ökologische Transformation vollzog Melese vor drei Jahren: Er wurde von 
der lokalen Behörde als «Vorbildbauer» auserwählt und erhielt im 
Ausbildungszentrum der äthiopischen nichtstaatlichen Organisation Bioeconomy 
Africa (BEA) in Assosa ein zweiwöchiges Training. «Dort lernte ich Techniken 
für einen produktiveren Anbau, eine effizientere Bewässerung, natürliche 
Schädlingsbekämpfung und fachgerechte Kompostierung», erzählt der Bauer.

Er erhielt auch ein paar Gerätschaften und Samen. Im Gegenzug verpflichtet 
sich ein «Vorbildbauer», mindestens zehn weitere BäuerInnen auszubilden. Durch 
dieses Schneeballsystem hat in der Region Assosa bereits etwa die Hälfte der 
KleinbäuerInnen ein Training erhalten. Über das Ausbildungszentrum läuft zudem 
die natürliche Bekämpfung der Tsetsefliege, die bis vor kurzem das Vieh, vor 
allem auch die zum Pflügen verwendeten Ochsen, tödlich infizierte. Heute ist 
dieses Problem dank Fliegenfallen unter Kontrolle.

Mit der Politik arrangieren

«Integriertes Biowirtschaftssystem» nennt das Getachew Tikubet, der Gründer 
und Programmdirektor von BEA. Der charismatische Ökologe ist ein 
einflussreicher Visionär, Missionar und Sozialunternehmer des ökologischen 
Landbaus und der nachhaltigen Entwicklung. Bioeconomy Africa unterhält derzeit 
sieben Ausbildungszentren in Äthiopien und weitere 22 in anderen afrikanischen 
Ländern, Tendenz steigend. Unermüdlich optimiert «Doctor Getachew», wie er 
überall gerufen wird, sein Programm, motiviert Mitarbeitende, politische 
PartnerInnen und die meist ausländischen GeldgeberInnen - wie etwa die 
schweizerische Stiftung Biovision, die einige der Ausbildungszentren 
unterstützt.

Auch einer wie Getachew muss sich mit der Politik des Meles-Regimes 
arrangieren. Jenen NGOs, die sich politisch zu stark einmischten, wurden in 
den letzten Jahren die Lizenzen entzogen. Und es ist kein Geheimnis, dass die 
regierende EPRDF die BäuerInnen nicht nur mit rein demokratischen Mitteln zum 
«richtigen» Stimmverhalten anhält. So dürften auch die Kriterien für die 
Auswahl der «VorbildbäuerInnen» mitunter politisiert sein. Bauer Meles hat es 
wohl nichts geschadet, dass er Parteimitglied ist.

Doch indem Getachew und die zunehmende Schar ökologischer BäuerInnen Tag für 
Tag beweisen, dass es eine Alternative zu der von Meles und vielen 
Geberländern forcierten kapitalintensiven Landwirtschaft gibt, entsteht auch 
eine Gegenbewegung von unten. Und dass dadurch mehr und mehr BäuerInnen 
unabhängiger werden, eine bewusste Vorbildrolle einnehmen und in ihrer 
Gemeinschaft immer mehr Verantwortung übernehmen, könnte gar ein Keimling für 
eine echte Demokratisierung Äthiopiens sein.

Diese Recherchereise wurde von der Stiftung Biovision finanziert.

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Ernährungskrisen am Horn von Afrika

Äthiopien ist weniger gefährdet

In verschiedenen Gebieten am Horn von Afrika gibt es wegen Dürren und 
bewaffneter Konflikte regelmässig Ernährungskrisen wie auch chronische 
Mangelernährung. 2011 hat die Uno erstmals seit 1984 in der Region offiziell 
eine Hungersnot festgestellt. Dabei war das vom Bürgerkrieg geschüttelte 
Somalia besonders stark betroffen: Mehrere Zehntausend Menschen waren bereits 
gestorben, bevor die internationale Hilfe einsetzen konnte. Das politisch 
stabile Äthiopien hat in den letzten Jahren hingegen eine Strategie zur 
Ernährungssicherheit verfolgt und wirksame Frühwarnsysteme aufgebaut. So 
konnte im letzten Jahr den 4,5 Millionen von der Hungersnot Betroffenen 
schnell geholfen werden. Offiziell gab es 2011 in Äthiopien keinen einzigen 
Hungertoten.

In diesem Jahr werden gemäss einer Einschätzung der Ernährungs- und 
Landwirtschaftsorganisation sowie des Welternährungsprogramms der Uno 
voraussichtlich 3,2 Millionen ÄthiopierInnen akute Nahrungsmittelhilfe 
benötigen. Generell habe sich seit 2011 die Situation am Horn von Afrika 
verbessert. Doch insbesondere in südlichen und südöstlichen Teilen Äthiopiens 
fiel in den letzten Monaten wenig oder extrem unregelmässig Regen, was die 
Ernten dezimiere.

Im westlichen Teil wird die Ernährungssituation durch die derzeit gegen 50?000 
SudanesInnen verschärft, die vor dem Konflikt in der sudanesischen Region Blue 
Nile State nach Äthiopien geflüchtet sind. Doch mit internationaler Hilfe 
dürfte Äthiopien die kommende Ernährungskrise meistern.




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