Institut für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung
http://www.isw-muenchen.de/download/subvention-strom-fg-20131201.pdf

Franz Garnreiter - Dezember 2013

Subventionierung der Größtverbraucher-Strompreise und internationale
Konkurrenzfähigkeit

Der neu erschienene World Energy Outlook WEO 2013 der Internationalen
Energieagentur IEA (siehe hierzu [1]) stellt in einem besonderen Kapitel die
Frage, wie die Energiepreise und die internationale Konkurrenzfähigkeit auf
dem Weltmarkt zusammenhängen. Er stellt dabei fest, dass das
Energiepreisniveau (die Preise für Strom und Brennstoffe) für industrielle
Verbraucher in der EU, in Japan und in China rund doppelt so hoch liegt wie
in den USA, und er warnt dann, dass Japan und die EU in Zukunft niedrigere
Anteile am Weltmarkt bei energieintensiven Waren hinnehmen müssten (siehe
Tabelle). 

Anteil am Weltexport von energieintensiven Waren in Prozent

2013 --> 2035

36 --> 26 (-10) EU
10 --> 11 (+01) USA
07 --> 04 (-03) Japan
07 --> 10 (+03) China
40 --> 49 (+09) andere

Quelle: IEA, World Energy Outlook 2013

Dagegen könnten die Konzerne in den USA aufgrund ihrer niedrigeren
Energiekosten ihren Weltmarktanteil erhöhen. Das schüttet Wasser auf die
rhetorischen Mühlen des EU-Energiekommissars Oettinger, der seit langem
nicht müde wird, niedrigstmögliche Energiepreise für die EU-Konzerne zu
fordern. Dass die Konzerne der energieintensiven Branchen (vor allem Stahl,
Nicht-Eisen-Metalle, Teile der Chemie, Papier- und Glasherstellung) dies
immer schon und heute verstärkt fordern, muss wirklich nicht verwundern.

Industrielle Strompreise und gesellschaftliche Subvention

Ich konzentriere mich im Folgenden auf die Strompreise und Stromkosten - den
mit Abstand größten Energiekostenblock in der Industrie.

In der Grafik [2] sind die Strompreise für die wichtigen Abnehmergruppen in
Deutschland dargestellt. Haushalte zahlen ohne Mehrwertsteuer um die 25
ct/kWh. Die übliche Jahresmenge liegt bei 2.000 bis 4.000 kWh.
Grundgebühren, Zählerkosten etc. kommen noch hinzu. Von diesen 25 ct/kWh
beruhen 15 ct/kWh auf den Erzeugungs- und Verteilungskosten und annähernd 10
ctkWh auf politisch beschlossenen Steuern/Belastungen, wobei die
Energiewende hier nur mit 5,7 ct/kWh zu Buche schlägt (Stromsteuer und
Konzessionsabgabe existieren schon lange).

Im Vergleich dazu zahlt der normale Industrieabnehmer (Mittelstand und nicht
energieintensive größere Unternehmen) um die 12,8 ct/kWh. Eine statistische
Aufteilung des Preises ist leider nicht verfügbar. Die politischen
Aufschläge machen aber sehr viel weniger aus, sodass die verrechneten
Erzeugungs-/Verteilungskosten wohl bei gut 11 ct/kWh liegen dürften. Ein
solcher Abnehmer kommt auf einen Stromverbrauch von etwa 2 bis 20 Mio. kWh.

Dem gegenüber steht der industrielle Größtverbraucher: Die Betriebe der
Stahlkocher, Aluschmelzer, Papiermühlen, Grundchemikalien-Hersteller
verbrauchen jeweils um eine ganz Milliarde kWh pro Jahr, zigfach mehr als
die Betriebe von Siemens, BMW oder anderen Konzernen. Das BASF-Werk
Ludwigshafen gilt mit einem vermutlichen Stromverbrauch von rund 5 Mrd. kWh
als der größte deutsche Stromverbraucher (fast 1 Prozent des gesamten
deutschen Verbrauchs). Der Strompreis für solche Verbraucher wird von den
üblichen Statistiken überhaupt nicht erfasst. So wie es keine offizielle
Vermögensstatistik gibt (die auf einer Abfrage an der Quelle beruht), um den
Herrschenden nicht zu nahe zu treten, so bleiben auch diese Strompreise
grundsätzlich unabgefragt. Das BMWi gibt nun, beruhend auf Sonderanalysen,
einen Betrag von 5 ct/kWh für diesen Verbraucherkreis an: ein Fünftel des
Haushaltspreises und immer noch deutlich weniger als die Hälfte dessen, was
die "normalen" Industriellen zahlen).

Wie ist das möglich? Machen die Stromkonzerne (Stadtwerke sind hier nicht
mehr unter den Lieferanten zu finden) angesichts der extremen Nachfragemacht
dieser Verbrauchsgiganten hier riesige Verluste? Wohl nicht. Diese
Preisverzerrung ist nur möglich, indem diesen Größtverbrauchern der
billigste erzeugbare Strom aus alten, abgeschriebenen Kohle- und
Atomkraftwerken zugeordnet wird, während alle anderen Verbraucher (die mit
keiner oder nur mit einer minimalen Marktmacht beeindrucken können) rein
kalkulatorisch den teurer erzeugten Strom beziehen, etwa aus neueren und
technisch anspruchsvollen Gaskraftwerken, Windstrom und Solarstrom.

Eine solche Reservierung, unter den gegebenen Marktmachtverhältnissen, des
absolut billigsten Stromes für die Größtverbraucher bedeutet aus
gesellschaftlicher Sicht eine riesige Subvention, eine riesige
Kostenvergünstigung in Höhe von vielen Milliarden Euro zu Lasten aller
anderen Verbraucher. Hier wird ganz deutlich, dass der Strommarkt (wie auch
die meisten anderen Märkte) durch die gegeneinander gerichtete
Marktkonkurrenz von völlig unterschiedlich mächtigen Marktteilnehmern
geprägt wird. Hinzu kommt noch, nach Einschätzung der politisch
Herrschenden, dass der Billigst-Erzeugerpreis noch nicht reicht und dass
daher Aluminium, Kupfer, Elektrostahl, die Chlorchemie darüber hinaus durch
den Wegfall jeglicher energiepolitisch bedingter Strompreisaufschläge noch
zusätzlich und drastisch subventioniert werden müssen. Das geht von der
Stromsteuer über den EEG-Aufschlag usw. bis hin zur unglaublich
überreichlichen und kostenlosen Zuteilung der CO2-Emissionszertifikate,
deren Handel und Verkauf zu einem netten Nebenverdienst der
Größtverbraucher-Konzerne führte. Nach einer Untersuchung der
Rosa-Luxemburg-Stiftung führten diese politischen Machenschaften schon vor
einigen Jahren zu einer Subvention in Höhe von 10 Mrd. Euro bzw. zu einer
entsprechenden Mehrbelastung der Nicht-Subventionierten.

Hier ist, dies nur als Anmerkung, noch nichts gesagt zu den Schäden, die aus
dem Verbrauch jeder einzelnen Kilowattsrunde resultieren: die
Klimakatastrophe, die atomaren Risiken, der Raubbau an endlichen
Energiestoffen.

Wie sinnvoll ist die extreme Subventionierung der Stromintensiven?

Eine starke Marktmacht bedeutet noch nicht, dass ein sinnvolles Produkt
hergestellt wird; eine hohe Subvention beweist nicht, dass der
Produktionsstandort der bestmögliche ist.

Eine schon ältere Untersuchung des isw beschäftigte sich mit der
Konzentration des Stromverbrauchs in der Wirtschaft (report 41 vom November
1999: Atomwirtschaft - wohin? [3]). Die Daten damals stammten aus der Mitte
der 90er Jahre, aber es gibt keinen Grund zur Annahme, dass das heute
wesentlich anders ist. Damals entfielen auf die 70 Prozent der am wenigsten
stromintensiven Wirtschaft 20 Prozent des Stromverbrauchs in der Wirtschaft.
Ähnlich viel (genau 22 Prozent) des Stromverbrauchs entfielen auch auf das
stromintensivste eine Prozent der Wirtschaft. 70 Prozent und mehr der
Wirtschaft (abgesehen von den Haushalten) zahlen also überhöhte Strompreise
dafür, dass Marktmacht und Politik dem winzigen Segment der Aluschmelzer und
Chlorchemiker usw. einen radikal herunter subventionierten Strompreis bieten
können. In der Sprache der Standorttheoretiker - und angenommen, dass die
Strompreise die Konkurrenzfähigkeit beeinflussen: Branchen mit zig Millionen
Beschäftigten müssen also ihre internationale Konkurrenzfähigkeit etwas
reduzieren, um die Konkurrenzfähigkeit einiger menschenleerer Fabriken
hochzupuschen.

Weiter im Gedankengebäude der Standorttheoretiker: Belegt durch eine
Vielzahl von Untersuchungen weiß man, dass die Konkurrenzfähigkeit von
Produkten aus hoch technologisierten Industrieländern wie Deutschland in
erster Linie positiv beeinflusst wird durch eine hohe Forschungsintensität
und durch einen hohen Bedarf an qualifizierten Beschäftigten, was zusammen
zu einer hohen Produktivität führt. Demgegenüber zeichnen sich die
Stromintensiven fast immer durch eine sehr hohe Rohstoffabhängigkeit aus -
nicht nur hinsichtlich der Energiestoffe für den Strominput, sondern sie
sind praktisch der Erstverarbeiter der Rohstoffe Eisen, Bauxit, Kupfer, Öl,
Holz usw. Die erste Bearbeitung von geförderten Rohstoffen ist aber am
besten nicht in einem High-Tech-Land angesiedelt, sondern im
Rohstoffförderland. Dort oder in Ländern mit von Natur aus günstiger und
schadstoffarmer Stromerzeugung müssen Rohstoffe bearbeitet und
weiterverarbeitet werden. Hierzulande dagegen wäre es viel sinnvoller, die
Subvention der Stromintensiven in Ausbildung und in demokratisch gesteuerte
Forschungsförderung umzuleiten.

Daraus ergibt sich die folgende Forderung in der Kritik der kapitalistischen
Globalisierung: Die Ansiedlung von Firmen und Produktionsstätten darf - so
illusionär das zunächst unter den heute herrschenden Umständen noch ist -
nicht länger den Märkten und einer Politik der Protegierung der "eigenen"
Konzerne überlassen werden. Mit einer international abgestimmten
Standortpolitik und Technologiepolitik müsste man den marktbedingten
Ungleichgewichten entgegenarbeiten. Insbesondere muss die Weiterverarbeitung
geförderter Rohstoffe vor Ort die grundsätzlich bevorzugte Vorgehensweise
werden: Dadurch würde der Transportaufwand reduziert. Denn verarbeitete
Rohstoffe sind viel weniger voluminös als Erze und daher energiesparender
transportierbar. Und es würde der Industrieaufbau in armen Ländern
unterstützt.

P.S. zum Ergebnis der IEA hinsichtlich der Auswirkungen hoher/niedriger
Strompreise auf die Exporterfolge (siehe Tabelle oben): Laut IEA werden sich
die Energiepreise in der EU, in Japan und China bis 2035 den Preisen in den
USA etwas annähern, aber sie werden immer noch durchwegs doppelt so hoch
bleiben. Während nun, wie schon vermerkt, die EU und Japan einen Rückgang
ihres Weltmarkanteils um rund ein Drittel hinnehmen müssen, können die USA
ihren Anteil etwas ausdehnen. Ihr Anteil bleibt aber, trotz des riesigen
Energiekostenvorteils, immer noch deutlich unter der Hälfte des EU-Anteils.
Und vor allem kann China, trotz ebenfalls sehr hoher Energiepreise, seinen
Weltmarktanteil ausdehnen, viel stärker sogar als die USA. Es muss also
außer den Energiepreisen doch noch etwas anderes geben, das Weltmarkterfolge
beeinflusst.

[1] http://www.isw-muenchen.de/download/iea-kfk-fg-20131203.pdf
[2] http://www.isw-muenchen.de/download/subvention-strom-fg-20131201.pdf
[3] http://www.econbiz.de/Record/10001438060

--
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