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Posted on: Sunday, July 05, 2015 5:41 PM
Author: Christian Russau ([email protected])
Subject: Photovoltaik & Bergbau: Sonne trifft auf Berggeschrey

Lateinamerika Nachrichten [1], Ausgabe 493/494, Juli/August 2015

Sonne trifft auf Berggeschrey

Die Photovoltaik in Chile unterbietet herkömmliche Energiepreise - zum 
Wohlgefallen der Bergbaukonzerne

Auch in Lateinamerika beginnt die Photovoltaik zu boomen, am meisten in Chile. 
Dort sollen Berechnungen zufolge dieses Jahr 800 Megawatt neu installiert 
werden. Dies wäre hundertmal mehr als dort noch im Jahre 2013 insgesamt 
installiert war. Es ist vor allem die Bergbauindustrie, die zunehmend auf die 
mittlerweile kostengünstigere Photovoltaik setzt. Eine Änderung des 
Wirtschaftsmodells steht damit aber noch nicht auf der Agenda

VON EVELYN LINDE UND CHRISTIAN RUSSAU

Es gibt in Chiles Bergbaugebieten ein neues Berggeschrey. Das Berggeschrey der 
Bergbaukonzerne ruft nach Photovoltaik. Im März dieses Jahres überraschte das 
US-amerikanische Medienportal für grünes Investment, Greentech Media, mit den 
neuesten Zahlen zu Verkaufspreisen bei Photovoltaik-Modulen. Die billigsten 
Solarmodule aus chinesischer Produktion sind nicht in China, sondern in Chile 
erhältlich: Dort lag der unterste Verkaufspreis der Module bereits Ende 2014 
bei umgerechnet 56 US-Cent je Watt, während der Preis in China selbst für die 
gleichen Module bei 57 US-Cent lag. In Europa gingen zeitgleich chinesische 
Module für umgerechnet 65 US-Cent über den Großhandelstisch. Warum die 
chinesischen Module in Chile am billigsten angeboten wurden? Zum einem werden 
beim Import von Modulen keine Zölle erhoben. Des Weiteren ist es durch die 
Währungsaufwertung des chilenischen Peso und zu kostensparender Verschiebung 
zwischen Kauf- und Bezahldatum gekommen, was an die Kund*innen weitergegeben 
wurde. Es wird "alles durch Großprojekte großer Energieversorger dominiert", so 
fasste Greentech Media die drei Argumente zusammen, warum die Module in Chile 
so billig verkauft werden.

Einer der größten Fische in Chiles boomenden Solarbusiness ist der 
US-amerikanische Projektierer von Solargroßanlagen Sun Edison. Dessen 
Tochterunternehmen in Chile verkündete 2014 erst den Bau von einer 
Photovoltaikanlage mit 70 MW, dann die nächste mit 100 MW, dann eine mit 350 MW 
und munter so weiter. SunEdisons Chile-Chef heißt bezeichnenderweise: Alfredo 
Solar. Und im Dezember vergangenen Jahres hatte Alfredo Solar überaus Grund zur 
Freude. "Selbst ohne Anreize und Subventionen, sind die Erneuerbaren [hier in 
Chile] zehn bis fünfzehn Prozent günstiger als fossile Energieträger!". Chile - 
das neue El Dorado der solaren Energiewende! Und zeitgleich tauchten die ersten 
Pressemitteilungen aus dem Bergbausektor auf, in denen von der Photovoltaik als 
game changer die Rede war - weltweit, aber derzeit vor allem in Chile, genauer 
in Chiles Norden.

Denn dort in der trockenen Atacama-Wüste herrschen die weltweit besten 
Bedingungen bei Sonneneinstrahlung vor. Sogar die Solarstromgestehungskosten 
(s. Kasten) liegen mittlerweile unter den Preisen anderer Energieträger. Es 
geht um die sogenannte Netzparität, also den Zeitpunkt, ab dem es billiger ist, 
Solarstrom selbst zu produzieren als Strom vom Energieversorger zu kaufen.

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NETZPARITÄT UND SOLARSTROMGESTEHUNGSKOSTEN

Im Bereich der erneuerbaren Energien bezeichnet der Begriff Netzparität (grid 
parity) den Zeitpunkt, ab dem die Kosten für Strom aus erneuerbaren 
Energiequellen genauso hoch sind wie der Einkauf von herkömmlichem Strom vom 
Netzversorger. Dies ist der Fall, sobald die Solarstromgestehungskosten - also 
alle Kosten von Planung, Kauf, Aufbau, Kredit, Wartung, Rückbau und Entsorgung 
umgerechnet auf die erwartete Lebensdauer und Strom-Output geteilt auf die 
Kilowattstunde - gleich den oder unter den Preisen anderer Energieträger liegen.
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"Der Norden von Chile hat die Netzparität erreicht!", jubelte auch die 
spanische Energiekonsulting Creara, die gemeinsam mit der Industrie eine neue 
Studie zu Photovoltaik und Bergbau in Chile erstellt hatte. Insbesondere den 
Großprojekten mit ihren großflächigen Freifeldanlagen im Norden des Lands wird 
eine hohe Wettbewerbsfähigkeit zugesprochen. Gebrauch davon machen vor allem 
die Bergbaukonzerne. Kein Monat vergeht ohne eine neue Meldung über den Bau 
einer weiteren Photovoltaikanlage, die ihren Strom an eine weitere Mine 
verkaufen wird. Die Anlagen speisen zunächst den Strom in das Stromnetz ein, 
das dann die Minen versorgt.

Für die kleinen Privatverbraucher in Chile kann man hingegen noch lange nicht 
vom Erreichen der Netzparität sprechen. Im Gegenteil. Die Probleme derjenigen, 
die sich Photovoltaikanlagen auf ihre Dächer bauen wollen, sind um einiges 
größer. Erst seit Oktober vergangenen Jahres dürfen Privatleute, die ihre 
eigene Solaranlage haben, überschüssigen Strom ins Netz einspeisen - und ihr 
Stromzähler läuft dann rückwärts. Dieses Net-Metering genannte Verfahren wird 
vor allem in den USA angewandt, in Australien oder auch seit vergangenem Jahr 
in Brasilien. In Brasilien ist der Erfolg bislang dürftig. Denn die 
bürokratischen Hürden sind ebenso hoch wie die von den großen Energieversorgern 
zwischen die Beine der Solarenthusiasten geworfenen Knüppel knorrig sind. In 
Chile ist das derzeit auch noch so.

So sind es die Großen, die in Chile von der Photovoltaik profitieren, nämlich 
die Bergbaukonzerne. Bergbau verbraucht Energie, viel Energie. Es ist vor allem 
das Zerkleinern des Erzes, das so energieintensiv ist. Neuesten Berechnungen 
der Deutsch-Chilenischen Industrie- und Handelskammer zufolge werden in Chiles 
Bergbau im Jahre 2020 rund 56 Prozent des Stromverbrauchs im Bergbau für die 
Verarbeitung des Erzes in den sogenannten Konzentratoren verbraucht werden, 
sowie in geringerem Maße mit vierzehn Prozent für die Wasserzufuhr und 
-bearbeitung. Der Minenbetrieb an sich schlägt demnach mit rund sieben Prozent 
zu Buche. Weltweit gehen zwischen acht und zwölf Prozent des gesamten 
Primärenergieverbrauchs auf den Bergbau zurück. Das spanische 
Forschungsinstitut CIRCE prognostizierte unlängst einen Anstieg auf 15 bis 20 
Prozent bis zum Jahre 2035. In Chile verbraucht die Bergbauindustrie laut 
Zahlen des staatlichen Kupferriesen Codelco ein Drittel des im Land 
produzierten Stroms. Im Norden Chiles aber steigt dieser Wert rapide an. In der 
Antofagasta-Region verbraucht der Bergbau 85,5 Prozent des Stroms. In einigen 
Regionen explodiert dieser Wert auf satte 94 Prozent.

Chile besitzt schätzungsweise ein Drittel der weltweiten Kupferreserven und ist 
mit einem Drittel der Weltproduktion auch der weltweit größte Kupferproduzent. 
Diese Gier nach Kupfer verlangt nach Energie. Bereits in den letzten zehn 
Jahren stieg der Strombedarf des dortigen Kupferbergbaus um mehr als die 
Hälfte, Tendenz bei einer jährlichen Wachstumsrate von sechs Prozent weiter 
steigend. Dort in der Region der Atacama und um Antofagasta herum werden 
gegenwärtig über 70 Prozent der Investitionen in den Ausbau von Chiles 
Kupferbergbau getätigt - und dort boomt die Photovoltaik.

Dies liegt auch an den vergleichsweise teuren Netzanschlusskosten und den 
teureren Strompreisen im Norden Chiles. Der Codelco-Vorstandsvorsitzende sprach 
bereits 2012 von einer Verdreifachung der Stromkosten binnen eines Jahrzehnts, 
die seiner Firma mehr und mehr zu schaffen machen. Dabei liegt der Anteil der 
Stromkosten am Gesamtumsatz in Codelcos Kupferbergbau mit zwölf Prozent noch 
deutlich unter dem Branchendurchschnitt in Chiles Bergbau bei 20 Prozent. So 
suchen die Konzerne nach Alternativen - und finden sie in der Photovoltaik. 
Berechnungen zufolge werden dieses Jahr 800 Megawatt Photovoltaik in Chile neu 
installiert werden. Dies wäre hundertmal mehr als die im Jahre 2013 insgesamt 
installierte Menge von acht Megawatt Photovoltaik im Lande. Die 
Solarfachzeitschrift Photon errechnete für Chile eine Pipeline bei 
Photovoltaik-Projekten von insgesamt knapp dreizehn Gigawatt. Dies entspräche 
umgerechnet der Kapazität von dreizehn Atomkraftwerken. Gelingt der solaren 
Energiewende hier der Durchbruch zu einer umweltfreundlicheren Gesellschaft?

Nicht unbedingt, denn die Wermutstropfen sind allzu offensichtlich. Es sind 
keine dezentralen Kleinanlagen, sei es auf den Dächern der Häuser, wo sie 
passiv, ohne Landnutzungskonflikte, ihren umweltfreundlicheren Strom 
produzieren. Es sind vielmehr nahezu ausschließlich Großanlagen, die das Modell 
der zentralen Stromproduktion in den Händen einiger weniger vorschreiben. Nur 
weil die Photovoltaik als die sauberere Alternative zur herkömmlichen 
Stromproduktion gilt, verheißt die Verwendung der Technologie an sich noch 
nicht den Übergang zu einer dezentraleren und somit demokratischeren 
Stromproduktion. Und sie alimentiert den umweltzerstörendsten aller 
Wirtschaftsbereiche, den Bergbau. Dessen Hunger nach Rohstoffen, Energie, Land 
und Wasser geht ungebremst weiter. Nur erscheint die Produktion in Zukunft nach 
außen ein wenig grüner.

"Wir werden in der Nutzung sauberer Energiequellen einer der führenden 
Bergbaukonzerne werden", rühmt sich der Manager der Kupfermine Los Pelambres, 
Robert Mayne-Nichols, gegenüber dem pv magazine. Neben anderen erneuerbaren 
Energien nutzt Los Pelambres seit 2015 auch Photovoltaik. Die Kupfermine Los 
Pelambres in der Coquimbo Region, die der in Chile größten privaten 
Bergbaugruppe Antofagasta Minerals S.A. gehört und zu den neun größten 
Kupferproduzenten weltweit, hat mit SunEdison einen Vertrag für die 
Stromversorgung durch eine 69,5 Megawatt-Anlange geschlossen. Die Bevölkerung 
der Gemeinde Caimanes hat von der so publicitywirksamen umweltbewussten 
Energieversorgung der Mine jedoch nichts. Sie kämpft seit 14 Jahren gegen die 
Wasserverschmutzung, die Los Pelambres verursacht. Im Jahr 2014 und jüngst im 
März dieses Jahres haben die Anwält*innen der Gemeinde Caimanes in den zwei 
Klagen recht bekommen. Los Pelambres legte in beiden Fällen Widerspruch ein.

Der Rechtsstreit dreht sich um das Deponiebecken El Mauro, in dem die 
hochgiftigen Schlammabfälle gelagert werden. Zum einen fordert die Gemeinde 
sauberes Wasser und zum anderen den Umbau des neu geplanten El Mauro, sodass 
das Flussbett vom Pupío frei bis zur Gemeinde fließen kann. Ohne den Zugang zu 
sauberem Wasser werden die Lebensgrundlagen der Bewohner*innen von Caimanes 
zerstört. "Saubere" Energiequellen trumpfen bei Los Pelambres sauberes Wasser - 
"grün" ist die Produktion nur, wenn sich Kapital daraus schlagen lässt. Das, 
was in diesem Sektor derzeit in Chile passiert, zeichnet sich dem 
Branchenmagazin Energy and Mines zufolge auch in Afrikas Minensektor ab. Und 
Lobbyist*innen aus dem erneuerbaren Energiesektor bescheinigen dem Minensektor 
für die nächsten fünf Jahre weltweit einen Boom von satten 350 Milliarden 
US-Dollar Investitionen in die Stromversorgung allein durch die "Erneuerbaren". 
Die Photovoltaik wird bei diesen Marktpreisen davon einen deutlichen Anteil 
haben. Eine Änderung des Wirtschaftsmodells steht damit aber nicht auf der 
Agenda. Der game changer ist die Photovoltaik so nicht.

[1] http://www.lateinamerika-nachrichten.de/

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