Am [DATUM] schrieb "Tilman Baumgärtel" unter <[ADRESSE]>: > At 00:51 01.04.2006, you wrote:
> > Was für "interaktive Medienskulpturen" gibt es denn im öffentlichen Raum, > mal abgesehen von den ewigen Call-In-Handy-Projekten an den Fassaden von > Unternehmensfilialen? > > Ich verstehe nicht, wem solche hoch gehängten und leicht zu widerlegenden > Behauptungen helfen sollen. Der "Medienkunst"? > Lieber Tilman, Es ist ja schön, wenn klare Aussagen hinterfragt werden, also hier ein wenig unterstützende Aufklärung für dich bezüglich Interaktiven Projekten im Stadtraum. Damals als ich 2001 mit meiner Recherche zu Interaktivität, Stadtraum und Neue Medien anfing gab es fast kaum Publikationen, die sich mit diesem Phänomen beschäftigten, geschweige denn viele nach aussen deutlich als interaktive Medienprojekte im Stadtraum kommunizierte Kunstprojekte. Es gibt mehre Anzeichen, dass das sich in den letzten Jahren verändert hat, das habe ich versucht auf www.interactionfield.de darzustellen. Meine Arbeit war in der Tat anfangs inspiriert von einem "Call-In-Handy-Projekt an einer Fassade" nämlich Blinkenlights parallel dazu fand ich schliesslich noch das SMS Projekt Urban Diary und beides sogar in Deutschland zur gleichen Zeit, egal ob Kunst oder nicht. Wenn man sich mittlerweile etwas umschaut, gibt es jedoch eine Vielzahl anderer Anzätze, irgendwann hatte ich mal versucht etwas Ordnung in meine Sammelliste zu bringen : Interaktive Projektionen im Stadtraum Sound-Recordings Licht- und Sound-auslösende Installationen Interaktive Fassaden und Schaufenster Kommunikations-Skulpturen Messageboards Space Annotations WIFI experimente Psychogeographische Performances Internet focussierte Projekte Ortsbasierte mobile Spiele Outdoor Mixed-Reality Experimente Mittlerweile haben seid ca. ein zwei Jahren Projekte, Forschungen und Veranstaltungen Überhand angenommen und sind nicht mehr im Detail von einer Person auflistbar. ISEA Interactive City und der Fusedspace contest quasi als deutlichste Repräsentanten. Vielleicht hinkt die Verbreitung in Deutschland ein wenig hinterher, zumindest in der Kommunikation dieses Phänomens. Mich interessieren dabei die genauen Begrifflichkeiten nur teilweise, ein Grossteil der Bevölkerung kann wahrscheinlich aber auch immer noch nichts mit dem Begriff Videokunst assoziieren. Mich interessiert vor allem, dass eine Haltung, die mit der künstlerischen Nutzung von interaktiven Medien meist verknüpft ist wieder in den öffentlichen Raum getragen wird und das lohnt es zu unterstützen. Eine Haltung die zur Partizipation und Beteiligung herausfordert und auf die Notwendigkeit der aktiven Teilnahme basiert, welche in der Stadtplanung seid dem "scheitern" der alten partizipativen Ideen äusserst skeptisch betrachtet wird und als lästig oder notwendiges übel empfunden wurde, was ich selbst während meines Studiums der Raum und Umweltplanung erlebte. Viele Medienprojekte decken dabei genau dieses Problem einer weit verbreiteten Haltung und Skepsis auf, der man unweigerlich in einer Massenmedien gesteuerten und konsumtrainierten Gesellschaft begegnet. Zenur und Angst vor unkontrollierbarer Beteiligung ist dabei z.B. ein oft dikutieretes Thema, welches den Verlust der Haltung eines verantwortungsvollen, bürgerlichen Miteinander andeutet. Rafael hatte bei seinem Projekt für die SPOTS Fassade absurder Weise sogar damit zu kämpfen, den Begriff Jude in seiner Database zur Generierung von Fragen zu belassen. Da Installationen im Stadtraum die Einbeziehung verschiedendster Player, Genehmigungen etc. erfordern ist es eine Interessante Aufgabe, die Konzepte die hinter den neuen Medien stehen auf aesthetischer, künstlerischer Dimension unterschiedlichsten Beteiligten nahe zu bringen. Dass sich die Region East Midland in England nun mit einem Medienkunstprojekt von Rafael Lozano Hemmer versucht weltweit zu positionieren, welches nun auf eine Reise um die Welt geschickt wird, zeigt, dass Medienkunst mittlerweile nicht nur auf Festivals untereinander herumgereicht wird und dort versauert. Ob man möchte das seine Projekte als Regionalmarketing benutzt werden ist eine andere Sache. Auch bei der Beobachtung und Diskussion zum Projekt Mobile Studios, welches sich gerade auf die Reise durch öffentliche Räume in Osteuropa macht, war ich erstaunt, welche Grosse Rolle bei den Jungen Kuratoren vor Ort Projekte spielen, die mit interaktiven Medien experimentieren. Da mittlerweile eine Unmenge an Ideen und Projektansätzen kursieren ist es andererseits warscheinlich um so wichtiger, es als eigenes Feld zu betrachten um es für Aussenstehende kommunizierbar zu machen, vor allem wenn es darum geht, die Skepsis und Berührungsangst nehmen zu wollen. Ausserdem fördert eine Begriffsetablierung Vergleiche, Beobachtungen und Kritik was hoffentlich langfristig eine Qualitätssteigerung mit sich bringt. Ob sich auch daraus eine langfristige Kunstkathegorie entwickelt ist meiner Meinung nebensächlich, vielleicht ist das Erscheinen von interaktiven (Medien)installationen in der Stadt auch nur ein temporäres Phänomen auf dem Weg zu einem neuen Umgang mit dem öffentlichen Raum, bei dem es sich herausstellt, dass andere Tools geeigneter sind als das was man heute Neue Medien nennt. Auf jeden Fall tragen sie zur Etablierung partizipativer, temporärer kunstformen im Stadtraum bei, in einer Zeit in der kunstprojekte_riem als "begleitender Dialog mit den Menschen vor Ort" immer noch als Modellvorhaben gilt. Ich würde mir auch wünschen, dass auf Dauer die nicht technologisch unterstütze Kommunikation im Stadtraum stärker an Bedeutung gewinnt, sehen wir Neue Medien als Vermittler, als Übergang auf dem Weg dahin zurück! Die Entwicklung der Bedeutung des öffentlichen Raumes braucht dringend neue Impulse. Oft war Stadtentwicklung beeinflusst von technologischen Entwicklungen und vielleicht besteht jetzt gerade die Chance, dass Imulse aus einem künstlerischen, kreativen Umgang mit Technologie kommen und Einfluss gewinnen. Beste Grüsse, Mirjam Struppek > > > -- > rohrpost - deutschsprachige Liste zur Kultur digitaler Medien und Netze > Archiv: http://www.nettime.org/rohrpost > http://post.openoffice.de/pipermail/rohrpost/ > Ent/Subskribieren: > http://post.openoffice.de/cgi-bin/mailman/listinfo/rohrpost/ -- rohrpost - deutschsprachige Liste zur Kultur digitaler Medien und Netze Archiv: http://www.nettime.org/rohrpost http://post.openoffice.de/pipermail/rohrpost/ Ent/Subskribieren: http://post.openoffice.de/cgi-bin/mailman/listinfo/rohrpost/
